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Europas Reaktion auf Putin : Kriegstreiberei? Das ist aberwitzig!

Wie soll der Westen auf Putins Aggressionen reagieren? Bild: dpa

Der „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart leistet sich einen fahrlässigen Vorwurf der Kriegstreiberei. Und er nimmt den Bundespräsidenten für seinen ökonomischen Pazifismus in Anspruch - sehr zu Unrecht.

          Was ist die Lehre Nummer 1 der Vergangenheit? Die Frage, am Montag vom „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart aufgeworfen, hat etwas Vorwitziges, Aberwitziges vielleicht auch. Denn natürlich kommt es wie immer darauf an: wer in welcher Situation nach welcher Lehre sucht. Wer sich im Museum von Kindern bedroht fühlt, wird nach einer anderen Lehre Nummer 1 Ausschau halten als jemand, der sich von der Aggressivität der russischen Führung bedroht fühlt und realistischerweise fragt: Wo wird die russische Armee denn wohl haltmachen wollen, wenn der Kreml erkennbar nicht davor zurückschreckt, in Europa mit militärischen Mitteln Grenzen zu ändern, die er bisher selbst anerkannt hat.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Lehre Nummer 1, die man in dieser Situation der Vergangenheit entnimmt, kann natürlich nur lauten: Stärke zeigen! Der Westen muss seine wirtschaftliche, politische und militärische Abwehrbereitschaft stärken und auch demonstrieren, will er sich nicht einem Automatismus fügen, bei dem Putin die EU vor sich hertreibt, den Dialog simulierend auf Zeit spielt, derweil er selbst systematisch die Regeln missachtet, die er eben noch vorgab, einhalten zu wollen. Das auszusprechen, klingt nachgerade selbstverständlich, will man sich nicht zum publizistischen Rohr eines Ökonomismus machen, dem Geschäfte über alles gehen.

          Denkverbot für den Casus belli

          Der Appell, gegenüber einem unberechenbaren Aggressor Putin Stärke zu zeigen, war so auch am Montag im Leitartikel der F.A.Z. zu lesen. Man muss schon einen anderen Leitartikel gelesen haben, um hernach wie Steingart die gelesenen Sätze entsetzt für „geistige Einberufungsbescheide“ zu erklären und seinerseits die Nation mit Regeln Nummer 1, 2, 3 zu briefen, die man der Vergangenheit gegen solche Kriegslüsternheit zu entnehmen habe. Ein rezeptiver Kurzschluss beim Frühstücksei und schon fühlt sich Steingart „unverhohlen zum Losschlagen gegen Russland“ angestachelt, wie er am Montag in seinem digitalen „Handelsblatt morning briefing“ erklärte.

          Wie stark mag der Druck der Wirtschaftslobby auf dem geschätzten Kollegen lasten, wenn er derart willfährig die Lektürestrategie des absichtlichen Missverständnisses betreibt? Wer so fahrlässig mit dem Vorwurf der Kriegstreiberei umgeht wie Steingart, schreibt sich selbst, vornehm ausgedrückt, zu einem Risikoträger des journalistischen Handwerks hoch. Seine unverhohlene Maxime: Seid nett zu Putin, was immer er tut, sonst bekommt Deutschland ein wirtschaftliches Standortproblem. Steingart möchte der Vergangenheit denn auch explizit eine andere Lehre Nummer 1 entnehmen als jene, Stärke zu zeigen. Nämlich ein Denkverbot für den Casus belli: „Kriege beginnen immer damit, dass man sie denkt.“

          Mit verschlossenen Augen

          Klar, kann man sagen, alles – Museumsbesuche, Beischlaf, Krieg – beginnt im Kopf. Was aber, wenn die kriegerische Aggression wie im Falle der russischen Armee schon längst begonnen hat? Dann kommt das Verbot, über diese Aggression nachzudenken, einem tragischen Realitätsverlust gleich. Die Weigerung, den bestehenden militärischen Konflikt zu analysieren, macht blind für den Umstand, dass nicht nur das Tun, sondern auch das Lassen gerechtfertigt sein will. Steingart erinnert an das Kind im Museum, das sich die Hände vor die Augen schlägt, weil es annimmt, dann nicht gesehen zu werden.

          Nach dieser vielleicht anrührenden, aber brandgefährlichen Logik wird der Frieden gesichert, wenn man dem kriegerischen Akt, den andere gesetzt haben, einfach keine Realität zuschreibt, ihn denkunmöglich macht. Was ich nicht weiß, fordert keinen Preis. Als Kronzeuge für seinen ökonomischen Pazifismus zitiert Steingart den Bundespräsidenten mit dessen Bitte, „eine Kultur des Vertrauens in ganz Europa“ zu entwickeln.

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