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Europameister Spanien Herrlicher Fußball, von Herren gespielt

 ·  Manchmal ist Verlieren wichtiger als Gewinnen. Der spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque steht für Arbeit, Demut und Bescheidenheit. Sein Land hat diesen Wertekatalog jetzt vor sich.

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Am Morgen nach dem spanischen Triumph von Kiew brachte die Zeitung „El Mundo“ auf ihrer dritten Seite eine Karikatur. Sie zeigt den Nationalcoach Vicente del Bosque als Regierungschef und zehn seiner Fußballer als Minister: unrasiert, lächelnd, mit wüsten Frisuren und vermutlich auch mit der richtigen Strategie gegen die Schuldenkrise und die stetig steigende Arbeitslosigkeit in der Tasche.

Mehr als nur ein Korn Wahrheit ist daran: Am liebsten würde Spanien das Modell seines fußballerischen Erfolgs auf Wirtschaft und Politik übertragen. Bisher werden die Fußballer der „Roja“ zwar nicht als Institution betrachtet, so dass sie in einer soeben veröffentlichten Rangliste, die das Vertrauen der Spanier in öffentliche Einrichtungen, Verbände und Berufsstände misst, nicht auftauchen. Aber besser als die katholische Kirche, die von 58 Prozent der Bevölkerung missbilligt wird, wären sie allemal. Und erst recht vertrauenswürdiger als der Oberste Gerichtshof, der 68 Prozent der Befragten gegen sich hat, die Gewerkschaften (71) oder die Rajoy-Regierung (74 Prozent), zu schweigen von den spanischen Banken und den politischen Parteien, die bei 88 Prozent der Menschen auf Ablehnung stoßen.

Sport ist nicht Politik

„Ich möchte lieber nicht“, sagt Trainer Vicente del Bosque zu solchen symbolischen Terraingewinnen des Fußballs. Sport ist nicht Politik. Natürlich bereite der Erfolg der Nationalmannschaft den Menschen Freude, und es sei schön, dass seine Jungs selbst von denen gemocht würden, die mit Fußball nichts im Sinn hätten. Ihm selbst, Vicente del Bosque, komme es vor allem auf ein paar Grundwerte an: Arbeit, Demut, Bescheidenheit.

Was erklären würde, warum er gleich nach dem Sieg gegen Italien den Sportsgeist des Gegners lobte und nach Entschuldigungen für dessen Auseinanderbröckeln suchte. Oder warum er seit dem 1:0 gegen Deutschland im WM-Halbfinale von Südafrika 2010 von der „Eleganz“ und dem „Stil“ der Löw-Mannschaft spricht. Als wir del Bosque vor fünf Wochen im österreichischen Trainingslager fragten, wie es sich denn so anfühle nach all den Lobeshymnen für die Siege der vergangenen Jahre, da unterbrach er höflich und sagte: „Ich habe auch verloren! Manchmal ist verlieren wichtiger als gewinnen.“

Das stimmt insofern, als der einundsechzigjährige Trainer auch nach einer EM-Finalniederlage derselbe geblieben wäre. Er hätte an seinen Werten nichts zu korrigieren gehabt. Man darf noch weiter gehen: Del Bosque und seine Mannschaft sind nicht deswegen ein Vorbild für die spanische Gesellschaft, weil sie gewonnen haben, sondern, weil sie den Erfolg nur mit ihren Mitteln und einem sorgfältig erarbeiteten Stil suchen.

Zu diesem Stil gehört ein entsprechendes äußeres Auftreten. Divenhaftes Getue, Affären oder markige Sprüche hat es von dieser Mannschaft nie gegeben. „Don Vicente“, wie die katalanische Zeitung „La Vanguardia“ den Trainer jetzt mit Ehrerbietung nannte, hätte so etwas nicht geduldet. „Geteilte Führung“ nennt der Coach sein sanftes Autoritätsprinzip, und wie kein anderer hat er es geschafft, einen Kader selbstbewusster Fußballerpersönlichkeiten zu einer solidarischen Mannschaft zu formen.

Zehn Zentimeter Abstand reichen

Die ideelle Grundlage des spanischen Spiels ist die Angriffsphilosophie des FC Barcelona, die ihrerseits auf die große Ära des holländischen Trainers Johan Cruyff in den neunziger Jahren zurückgeht. Insofern ist das Spiel der „Roja“ nicht allein spanisch, sondern ein europäisches Amalgam und geradezu modellhaft für Europa selbst. Langer Ballbesitz, der durch blitzschnelles, äußerst präzises und unermüdlich wiederholtes Abspiel erreicht wird; und hohe Flexibilität aller Mannschaftsteile durch ausgetüfteltes Positionsspiel. Man hat oft gesehen, dass die Spanier die Bälle gerade dorthin spielen, wo viele gegnerische Beine stehen, als wollten sie sich geradezu durch den Widersacher hindurchschlängeln. Das ist programmatisch: Wer so gut am Ball ist, braucht tatsächlich nur zehn Zentimeter Abstand vom Gegner.

Die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine war nur in vereinzelten Partien ein Turnier der Stars. Alle großen europäischen Stürmer, von Robben und Ibrahimovic über van Persie, Ronaldo und Balotelli, sahen sich am Ende durch überlegene Mannschaftsleistungen und straffe Teamorganisation an den Rand gedrängt. Internationale Turniere sind derzeit keine Paradeplätze für Pfauen. Sie belohnen nicht die Soloshow des Stars, sondern intelligente Kollaboration, wie Xavi, Iniesta & Co. sie in Vollendung demonstriert haben.

Wenn die selbst erzielten Tore der erwirtschaftete Überschuss im Spiel der „selección“ sind, dann sind Gegentreffer nichts anderes als Schulden, die sich ja oft genug wie faule Kredite anfühlen. In diesem Sinn hat Fußballspanien in den K.-o.-Runden der drei letzten großen Turniere überhaupt keine Schulden gemacht: Zwischen 2008 und 2012, in rund tausend Minuten Fußball, steht kein einziges Gegentor zu Buche. Den Sinn einer soliden Deckung und größter Sparsamkeit hat die Del-Bosque-Truppe bewiesen: Wer nicht in Rückstand gerät, muss der Partie nicht hinterherlaufen, sondern kann selbst den Rhythmus bestimmen. Er kann sogar auf Kritik von außen pfeifen und die Kräfte dosieren, um pünktlich zum wichtigsten Spiel in Weltklasseform aufs Feld zu laufen.

Kontrast zur spanischen Gesellschaft

Und was bedeutet der große sportliche Sieg nun wirklich? Das darf sich jeder selbst herauslesen. Del Bosques Wertekatalog - Arbeit, Demut, Bescheidenheit - kontrastiert ja scharf mit Grundübeln der spanischen Gesellschaft, die ihren Teil dazu beigetragen haben, das Land an den Rand des Abgrunds zu führen. Gemeint sind autoritäre Verhaltensmuster in den Machtzentren von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Günstlingswesen, Vetternwirtschaft, Korruption, dazu weitgehende Unbelehrbarkeit und eine bisweilen komische Neigung zum Großsprechertum (der leider auch ein spanischer Fernsehkommentator der Liveübertragung des Finales von Kiew erlag). Oft gilt in den höheren Etagen der spanischen Gesellschaft nämlich statt Leistung nur die richtige Verbindung, ist Bescheidenheit keine Zier und wird Understatement als Charakterfehler empfunden. An den Universitäten werden fähigere Forscher übergangen und kaltgestellt, wenn die Macht ihre Belohnung in Form von Posten verteilt. Hier könnte das Krisenspanien von seinem Nationaltrainer lernen.

Die Nachwelt soll über ihn urteilen

Werfen wir einen Blick zurück. Vor inzwischen neun Jahren wurde Vicente del Bosque nach zwei Champions League-Titeln und zwei Meisterschaften von seinem damaligen Arbeitgeber Real Madrid entlassen, weil seine Methoden angeblich nicht „modern“ genug waren. Keiner seiner Nachfolger war auch nur annähernd so erfolgreich wie er, auch der lautstark - auch von sich selbst - akklamierte Startrainer José Mourinho nicht.

Einer von del Bosques damaligen Schützlingen, Raúl, bekam jüngst während seines zweijährigen Gastspiels bei Schalke 04 den Ehrentitel „Señor“ verliehen. Gemeint waren Einsatz, Arbeitseinstellung und Unaffektiertheit, gemeint war innere Vornehmheit statt der äußeren. „Señor“ gibt es im Spanischen auch als Qualifikativ, und die Presse wendet es nach dem EM-Sieg auf del Bosque an: Dieser Mann macht sich unabhängig von Ehrungen, heißt das; er tut seine Arbeit, respektiert den Gegner und überlässt den Rest dem Urteil der Nachwelt.

Eingewickelt in die Fahne

Das negative Gegenbild dazu wäre der „señorito“, das feine Jüngelchen in Herrenreiterpose, das ererbten Reichtum demonstriert und sich etwas Besseres dünkt als das Volk, das den Staub des vom „señorito“ gerittenen Pferdes schlucken muss. Diese beiden Konzepte, der „señor“ und der „señorito“, stehen nach wie vor in Konkurrenz. Spanien könnte seinen Stolz auf den Sieg der eigenen Mannschaft nicht besser zeigen, als indem es die Ideale des Trainers beim Wort nimmt und die Gesellschaft von unten renoviert.

Am Ende hat der Fußball auch noch einen weisen Kommentar zum spanischen Separatismusproblem abgegeben. Denn jeder der spanischen Spieler wickelte sich bei der Ehrenrunde in die Fahne, die ihm am Herzen lag: Xavi und Piqué liefen mit der katalanischen, Llorente mit der baskischen, Sergio Ramos vollführte als andalusischer Torero Übungen mit dem Tuch, wie sie früher Raúl dargeboten hat, und einige Spieler gedachten durch Trikots und T-Shirts der in den letzten Jahren gestorbenen Fußballer, die den EM-Sieg gewissermaßen als Gruß in den Himmel geschickt bekamen: eine noble Geste, die viel vom Traditionsverständnis der spanischen Mannschaft verrät. Diese „selección“ spielt nicht nur überragenden Fußball, sie setzt auch die vornehmsten Empfindungen frei.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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