08.12.2002 · Gleich fünf Preise gewann Pedro Almodóvar für „Hable con ella“. Beim großen Abend des europäischen Kinos in Rom wurden aber auch Fehlentscheidungen getroffen.
Von Michael AlthenWenn sich das europäische Kino einmal im Jahr trifft, dann werden nicht nur Filmpreise vergeben, sondern man nutzt auch die Gelegenheit, um tagsüber in einer Konferenz dringende Themen zu besprechen. Diesmal ging es unter dem Titel „Morgen ist zu spät“ um die Pläne zur Filmerziehung an europäischen Schulen.
Dabei kommt dreierlei heraus: Erstens, dass die Sache wünschenswert und überfällig ist. Zweitens, dass man sich lieber nicht ausmalen möchte, wie Lehrer, die Generationen von Gymnasiasten die Lust an der Literatur ausgetrieben haben, dem Kino das Wort reden. Und drittens, dass man nach dieser Konferenz das starke Bedürfnis verspürte, sich einen jener amerikanischen Schundfilme anzusehen, die hier so heftig verteufelt wurden.
Einen jener Filme, die nach Ansicht der EU-Kulturbeauftragten Viviane Reding „gefährliche Stereotypen in unseren Köpfen und unserem Alltag verankern“ oder nach Meinung unserer Kulturstaatsministerin Christina Weiss direkt für den Amoklauf von Erfurt verantwortlich sind. Am Ende eines solchen Konferenztages bekommt der Europawahn so etwas wohlfeiles, daß man gar nicht anders kann, als sich Filme mit schönen Frauen, schnellen Autos und jeder Menge Explosionen zu wünschen. Der Reiz und auch die Größe des Kinos liegen schließlich nicht darin, daß Film nur die Fortsetzung der traditionellen Künste mit anderen Mitteln wäre, sondern daß er sich aus ganz anderen Strömungen und Bedürfnissen speist.
Vergewaltigung, Haß, Ehebruch
Im Grunde sagte Jeanne Moreau, die ebenfalls in Renzo Pianos halbfertigen Parco della Musica im Norden Roms gekommen war, auch nichts anderes, als sie erzählte, wie allein die Tatsache, daß Kino ihr verboten war, Neugier und Durst auf alles, was sich bewegt, geweckt habe. Wie sie über Marika Rökk, Zarah Leander und Danièle Darrieux auf Renoirs „La bête humaine“ gestoßen sei, in dem von Dingen die Rede war, die sie nicht mehr losließen: „Epilepsie, Vergewaltigung, Ehebruch, Haß und Verbrechen“ - lauter Dinge, die natürlich auch im amerikanischen Kino gut aufgehoben sind.
Die Europäische Filmakademie ist auch wirklich nicht zu beneiden. Wo die Amerikaner bei Bedarf das Weltkino einfach eingemeinden, indem sie den ein oder anderen Ehrenoscar auch mal ins Ausland vergeben und ansonsten so tun, als sei sich Hollywood selbst Welt genug, da müssen die Europäer immer wieder eine Trennschärfe behaupten, die so im Kino gar nicht existiert. Natürlich gibt es eine Filmkunst jenseits von Hollywood, aber mit ihr allein ist auch in Europa nicht immer Staat zu machen. Auch hier braucht man den Erfolg, auch hier kommt man ohne Stars nicht aus, und auch hier träumt man von Produzenten, die über die Grenzen hinausdenken. Die Europäischen Filmpreise sind selbstverständlich eine gute Sache, aber sie müssen auch immer den Spagat vollziehen zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
Almodóvar, Hollywoods Folklore
Nehmen wir mal den Abend im Teatro Dell'Opera an der Via Nazionale: Pedro Almodóvar gewann mit „Sprich mit ihr“ die fünf wichtigsten Preise, womöglich gar zu Recht, auch wenn mancher sich den ein oder anderen Preis für Kaurismäki oder Polanski gewünscht hätte. Aber ist das wirklich ein Zeichen, eine Geste Richtung Hollywood? Natürlich nicht, denn auch dort zählt der Spanier spätestens seit seiner Oscar-Dankesrede zu „Alles über meine Mutter“ zur Folklore, gehört zu jenen schillernden Blüten, die man sich angelegentlich ins Knopfloch steckt. Das sagt nichts gegen die Preise oder die Entscheidung, führt aber nochmal vor Augen, wie schwierig es für die Europäer ist, sich abzugrenzen.
Und so wie Hollywood einen Oscar an den besten nicht-englischsprachigen Film verleiht, so gibt es hier einen Preis für den besten nicht-europäischen Film. Dort hat nicht „Minority Report“ oder irgendeiner der anderen nominierten amerikanischen Filme gewonnen, sondern der Palestinenser Elia Suleiman für „Intervention Divine“, in dem auch deutsches und französisches Geld steckt. War das etwa eine Geste Richtung Hollywood? Na, denen haben wir es aber gezeigt...
Acht abwesende Frauen
So schleppte sich der Abend wie die meisten seiner Art dahin, obwohl die zauberhafte Asia Argento und der britische Komiker Mel Smith siich nach Kräften mühten, durch die Veranstaltung zu führen. Der Italiener Sergio Castellitto wurde für Marco Bellocchios „L'ora die religione“ und Sandra Nettelbecks „Bellla Martha“ als bester Schauspieler ausgezeichnet und bedankte sich unfreundlicherweise nicht bei der deutschen Produktion.
Weiblicherseits wurden unsinnigerweise die Schauspielerinnen aus „8 Frauen“ ausgezeichnet - und nicht eine einzige ist erschienen, um den Preis entgegenzunehmen. Das hätte man sich schenken können, weil schon die Tatsache, daß acht Damen ununterscheidbar gut sein sollen, belegt, daß der Film womöglich weniger von ihrem Ausdruck als von den Qualitäten der Regie, des Drehbuchs oder der Ausstattung lebt - wohingegen jemand wie Kati Outinen etwa Kaurismäkis „Mann ohne Vergangenheit“ eben doch einen Ausdruck verleiht, den er ohne sie so nicht gehabt hätte. Aber was wäre so ein Abend ohne Fehlentscheidungen?
Die andere Frage, die auf der Konferenz in dieser Form niemand formulieren wollte, lautete: Wird es mit Filmerziehung an Schulen bessere, schönere, erfolgreichere europäische Filme geben? Die Antwort wäre womöglich: Vermutlich nicht. Sinnvoll ist es das Projekt trotzdem. Den Umgang mit Bildern kann man nicht früh genug lernen. Fürs erste müssen wir uns mit dem Auftritt der zwölfjährigen Schülerin Linda Moog vom Berliner Collège français begnügen, die das Fehlen eines entsprechenden Unterrichts beklagte und dann sagte, ihr Lieblingsfilm sei „Some Like It Hot“ - den habe sie mit ihrer Schwester bereits 21 Mal gesehen. Nicht schlecht für den Anfang.