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Europäische Muslime : Sichtbar verschiedene, ganz gewöhnliche Staatsbürger

Ein Bild, an das man sich in europäischen Städten längst gewöhnt hat: Frauen, die die Glaubenszugehörigkeit durch ihre Kleidung signalisieren. Bild: Lefteris Pitarakis

Die türkische Soziologin Nilüfer Göle zeigt, wie Muslime in Europa eine neue Form suchen, ihren Glauben zu leben. Aber wie steht es um die Chancen eines gesellschaftlichen Miteinanders?

          Dieses Buch bringt einen neuen Zug von Sachlichkeit in eine Debatte, die zu entgleisen droht. Die Monographie der türkischen Soziologin Nilüfer Göle, die seit 2001 in Paris forscht und lehrt, stellt nicht die Frage, ob der Islam zu Europa gehört oder nicht. Sie geht vielmehr der Frage nach, wie gewöhnliche Muslime ihre Religion in Europa leben und sich dabei mehr und mehr von den Interpretationen des Islams in ihren Herkunftsländern absetzen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Das Buch ist das Ergebnis von vier Jahren Feldforschung in einundzwanzig Städten Europas. Die Autorin wählte dazu meist Orte aus, in denen Konflikte ausgebrochen waren – etwa Proteste gegen das öffentliche Gebet von Muslimen in Bologna oder eine Kopftuchaffäre in Toulouse. Dort interviewte sie Muslime und Nichtmuslime, ließ sie in Diskussionen über das Thema streiten. Erfahrungsberichte über solche Diskussionsrunden machen jeweils einen Teil der neun Kapitel des Buchs aus. Ergänzt werden sie um Analysen der einzelnen Kontroversen sowie um Stellungnahmen islamischer und nichtislamischer Intellektueller.

          „Scharia“ als Missverständnis

          Nilüfer Göle geht es darum, zu erfahren, wie ein „einfacher Muslim“ denkt, wie seine Wirklichkeit aussieht. Nicht den alten, bekannten Gesichtern der Islam-Debatte gibt sie einen Platz, sondern neuen Gesichtern, die die Veränderungen des Islams in Europa verkörpern. David, ein zum Islam konvertierter Schweizer, ist einer von ihnen. Zunächst hatte er in einem muslimischen Land leben wollen. Dann kehrte er desillusioniert von Malaysia in die Schweiz zurück: „Um meine Religion auszuüben, brauche ich weder eine islamische Polizei noch islamische Richter.“

          Das Buch klärt über viele populäre Missverständnisse über den Islam auf. Eines der größten betrifft die „Scharia“. Ein einheitliches Modell für das islamische Gesetzeswerk, das man „die“ Scharia nennen könnte, hat es in der Geschichte des Islams nie gegeben. Zu jeder Zeit und an jedem Ort wurde es anders mit Leben gefüllt. Heute schwindet die Autorität der klassischen Religionsgelehrten, der Ulama, diese Normen zu definieren, auch in den islamischen Kernländern.

          Lockeres Verhältnis zur Religion

          Vom politischen System ihrer Herkunftsländer befreit, ergebe sich für die „meisten ganz normalen Muslime“ eine völlig neue Situation für die Ausarbeitung der Scharia, schreibt die Autorin. So kommt David zum Schluss: „Gemäß der Scharia muss ich das Gesetz eines Landes achten, in dem ich lebe, jedenfalls soweit es mir erlaubt ist, Muslim zu sein.“

          Muslime, die so leben, nennt Nilüfer Göle „europäische Muslime“. Sie lebten in einem sozialen Kontext, in dem das Verhältnis zur Religion nicht mehr von vornherein festgelegt sei: Und so eigne sich der europäische Muslim die Religion auf eine viel bewusstere Art an, schreibt Göle. Ein derart gesellschaftlich engagierter Muslim lebt die Ambivalenz aus, sichtbar verschieden zu sein und doch gewöhnlicher Staatsbürger sein zu wollen.

          In Richtung westlicher Rechtsnormen

          Der 1962 in Genf geborene Tariq Ramadan war einer der ersten islamischen Intellektuellen, die sich mit der Frage auseinandergesetzt haben, wie der islamische Glaube innerhalb der europäischen Gesellschaften neu zu definieren sei. Dazu formulierte er drei Imperative. Erstens müssten die Muslime ihre traditionelle binäre Weltsicht von der „Welt des Islams“ und der „Welt des Krieges“ in eine „Dar al Shahada“ weiterentwickeln, in die Sicht einer Welt also, in der jeder Muslim seinen Glauben frei ausüben könne. Zweitens müssten die Muslime in den Bereichen des Glaubens, die nicht festgeschrieben seien, selbst radikale Veränderungen durchführen. Drittens lehnt Ramadan den hegemonialen Anspruch des Westens ab, das Universelle zu definieren. Ramadan fordert stattdessen einen „gemeinsam getragenen Universalismus“. Denn unterschiedlichen Standpunkten dürften nicht ihre Legitimität abgesprochen werden.

          Die 1953 in Ankara geborene Soziologin zeigt mehrere Felder, bei denen sich der Islam in Europa sichtbar in die bestehende europäische Kultur hineinbewegt. So tragen in Großbritannien die islamischen „Schlichtungsräte“ (Arbitration Councils) dazu bei, dass sich das islamische Recht in Richtung westlicher Rechtsnormen entwickelt. In der Musik wird im Hip-Hop demonstrative Religiosität gezeigt, werden aber auch neue islamisch-europäische Normen ausgedrückt. Hip-Hop ist für junge Muslime eine Möglichkeit geworden, Gefühle zu kanalisieren und Ungerechtigkeiten anzuprangern.

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