18.08.2009 · Eine Untergrundführung durch die Zeche Zollverein war das originellste Projekt, mit dem sich Essen um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt beworben hatte. Aus dem Gang in die Tiefe wird nun nichts. Ist er je realistisch gewesen?
Von Andreas RossmannTiefgang hat das Programm der Europäischen Kulturhauptstadt 2010, mit dem Ruhrschnellweg als temporärer Fastfoodmeile und Events à la Love Parade im Abonnement, von Anfang an vermissen lassen. Dabei hatte es diesen selbst zum Thema, ja, den Tiefgang zum einmaligen Erlebnis machen wollen: indem es den Besucher nicht nur in die Maschinen-, Gieß- und Gebläsehallen, die Kesselhäuser und Kokereien, in denen sich längst die Kultur breitmacht, sondern auch dorthin führt, wo die Kohle abgebaut und jene Arbeit geleistet wurde, welche die Anlagen und Apparate über Tage nach sich gezogen hat.
Die „Zweite Stadt/Zollverein unter Tage“ heißt das sicher ehrgeizigste Vorhaben, das sich die Kulturhauptstadt aufs Panier geschrieben hatte, ein „Leitprojekt“, das im April 2006 nicht allein, aber doch mitentscheidend für den Erfolg der Bewerbung war, mit der sich Essen und das Ruhrgebiet gegen Görlitz durchsetzen konnten: Im Förderkorb sollten die Besucher am Doppelbockgerüst von Schacht XII einfahren, in tausend Meter Tiefe durch das labyrinthische Wegenetz geführt werden, das gigantische Wasserpumpwerk und Installationen von Lichtkünstlern besichtigen, bis sie der Ausstellungsparcours bei Schacht 1/2/8, etwa achthundert Meter weiter, wieder ans Tageslicht bringt. Doch daraus wird nun nichts. „Es ist“, so stellte Ruhr-2010-Geschäftsführer Fritz Pleitgen bedauernd fest, „einfach nicht zu machen.“
Geplatzte Luftnummer
Überraschend kommt die Absage nicht, und wer sich erklären lässt, warum die vielen Bedingungen, von denen eine die nächste zu Fall bringt, nicht erfüllt werden können, muss sich fragen, ob das Projekt, für das die Ruhr 2010 ohnehin keine Entscheidungshoheit und im Programmbuch nur sechzehn luftige Zeilen übrighatte, je realistisch und nicht von vornherein nur eine tollkühne Schaufenster-Attraktion war. Denn um es zu verwirklichen, hätte ein Betreiber gefunden werden müssen, der das Besucherbergwerk über 2010 hinaus für mindestens zehn Jahre am Laufen hält. Nicht nur das unternehmerische Risiko hätte er eingehen, sondern auch in Kauf nehmen müssen, dass die Ruhrkohle AG erst 2012 entscheiden kann, ob sie die Wasserhaltung 2015 womöglich einstellen darf.
Der große Traum vom Besucherbergwerk, den das Ruhrgebiet schon lange hegt und zuletzt 2001 für die Zeche Hugo in Gelsenkirchen aus Kosten- und Sicherheitsgründen aufgeben musste, ist damit wohl ein für alle Mal geplatzt. Was für die Kulturhauptstadt auch heißt, dass sie nun erst recht über Tiefgang nachdenken muss.