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Kulturhauptstadt San Sebastián : Die Wiedergewinnung der Erinnerung

Bild: picture-alliance/dpa/A. L. Verde

In San Sebastián ist das europäische Kulturhauptstadtjahr 2016 eröffnet worden. Frieden, Dialog und Zusammenleben sind die Kernbegriffe seines Programms. Doch die flauschigen Formeln verdecken die wahren Konfliktlinien.

          Es gibt nicht viele Städte, die es von ihren äußeren Bedingungen her leichter hätten als San Sebastián, als ideale europäische Kulturhauptstadt aufzutreten: viel touristische und gastronomische Erfahrung, mit 180.000 Einwohnern nicht zu groß und nicht zu klein, von atemnehmender Schönheit durch die Verbindung von Stadt, Meer, Fluss und ein an „Heidi“ erinnerndes Hinterland. Und doch war es im Jahr 2011, als der Zuschlag kam, zusammen mit Breslau als europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2016 zu firmieren, alles andere als leicht, sich die konkrete Umsetzung vorzustellen. Denn die baskische Terrororganisation Eta war zwar nach mehr als vier Jahrzehnten des Mordens schon halb auf dem Rückzug, hatte aber noch nicht formell das Ende der Gewalt verkündet. Als das im Oktober 2011 durch eine Videobotschaft vermummter Kämpfer geschah, atmeten die Verantwortlichen auf. Sie hatten gepokert und gewonnen. Mehr, sie hatten Modelle des friedlichen Zusammenlebens zum zentralen Punkt ihrer Bewerbung gemacht und hätten jetzt an die Arbeit gehen können.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Doch das gestaltete sich schwierig. Mehrfach wechselte die Macht im Rathaus – von den Sozialisten zu den Linksnationalisten und dann zur bürgerlichen Baskisch-Nationalistischen Partei. Mehrfach wurde die Programmleitung ausgetauscht. Außerdem kürzte Europa die Mittel. Und schließlich war die Skepsis in der Stadt selbst zu überwinden, deren Bewohner nicht leicht zu beeindrucken sind. Was, so fragten sich viele, soll der ganze Kulturhauptstadtzirkus überhaupt bedeuten? Deshalb wurde das hundertseitige Jahresprogramm mit allen geplanten Aktivitäten vor allem zum Dokument der Verkrampfung. Erbarmungslos werden einem dort in immer neuen Varianten die Begriffe „Zusammenleben“, „Frieden“ und „Dialog“ um die Ohren gehauen, als hätte es daran im Baskenland gemangelt. „Friedensvertrag“ wird eine der großen Kunstausstellungen des Kulturhauptstadtjahres heißen, die bewaffnete Konflikte zwischen 1516 und 2016 zum Thema hat. War Krieg denn das Problem? Oder nicht vielmehr der Terrorismus, der die baskische – und spanische – Gesellschaft seit den späten fünfziger Jahren so fatal entstellt hat? San Sebastián steht laut Bürgermeister Eneko Goia in der Liste der Terrortoten durch Eta mit 107 Opfern gleich hinter Madrid. Umso erstaunlicher ist es, dass der Begriff „Terrorismus“ in dem ambitionierten Programm nicht auftaucht. Es gibt „Opfer“, aber keine „Ermordeten“, „Gewalt“, aber keine Nackenschüsse.

          Die Mehrgesichtigkeit des Baskenlands

          Xabier Payá, der künstlerische Leiter des Kulturhauptstadtjahrs, versucht im Gespräch erst gar nicht, Ausflüchte zu suchen. Wörter haben Sprengkraft, und Payá verteidigt die kuscheligen Begriffe vor allem als „Ausgangspunkt für den Dialog“. Denn nach wie vor sind viele Basken über die jüngste Geschichte der Region uneins. „Da wir schon nicht dieselben Wörter benutzen“, sagt Payá, „wie könnten wir denn die Bedeutungen teilen?“

          Alle Menschen werden Brüder: Mit der Musik- und Lichtschau „Brücke des Zusammenlebens“ hat San Sebastián den Beginn seines Festjahres als Europas Kulturhauptstadt 2016 gefeiert.
          Alle Menschen werden Brüder: Mit der Musik- und Lichtschau „Brücke des Zusammenlebens“ hat San Sebastián den Beginn seines Festjahres als Europas Kulturhauptstadt 2016 gefeiert. : Bild: AFP

          Konzeptionell war die Ausstellung über die baskische Avantgardegruppe Gaur, die sich vor einem halben Jahrhundert formierte und etwa zwei Jahre Bestand hatte, im Museum San Telmo der Höhepunkt der Auftakttage am Kantabrischen Meer. 1966 taten sich Bildhauer wie Eduardo Chillida und Jorge Oteiza, Maler wie Rafael Ruiz Balerdi, José Antonio Sistiaga und José Luis Zumeta zusammen und veröffentlichten ein Manifest, das bis heute als Widerstandsgeste moderner baskischer Künstler gegen den Franco-Staat gilt. Der frühverstorbene Galerist Dionisio Barandiaran (1929 bis 1979) bot der Gruppe ein Forum für Debatten und Ausstellungen und förderte junge Musiker, Tänzer und Theatermacher. José Antonio Sistiaga war bei der Eröffnung dabei, um als letzter überlebender Künstler von jener Zeit zu erzählen. Eines der schönsten Werke der Schau sind seine in prächtigem Farbenspiel bemalten Zelluloidstreifen, die im Centre Pompidou in Paris als vollständiger Fünfundsiebzig-Minuten-Film zu sehen sind. Wie viele Meter Zelluloid er denn bemalt habe, wurde Sistiaga gefragt. „Zweitausend Meter“, sagte der alte Herr. Und wie lange er dafür gebraucht habe? „Siebzehn Monate.“

          Das Baskenland ist nicht Spanien, auch wenn es zu Spanien gehört: Dass etwas daran ist, merken Besucher der Hauptstadt der baskischen Provinz Gipuzkoa sofort – an der Zweisprachigkeit, am Temperament, an Musik, Sport, Folklore. Die Mehrgesichtigkeit des Baskenlands ließe sich auch am Beispiel der beiden herausragenden Künstler des vergangenen Jahrhunderts erzählen, Eduardo Chillida und Jorge Oteiza. Der eine, Schöpfer der berühmten „Windkämme“ auf den Klippen der Bucht sowie der Skulptur „Berlin“ vor dem Bundeskanzleramt, wurde zum international gefeierten Star und war im Ausland lange Zeit berühmter als in der Heimat. Der andere, Oteiza, wirkte mehr nach innen und wird heute, wenn die Rede auf Repräsentanz kommt, viel eher als Ausdruck des „Baskischen“ verstanden als sein Kollege.

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