07.01.2005 · Gewiß hat diese Stadt Geschichte. Und überaus sympathisch ist Cork auch. Allerdings können weder Kunstschätze noch Veranstaltungsprogramm der Europäischen Kulturhauptstadt 2005 mit denen ihrer Vorgängerinnen mithalten.
Von Gina ThomasIm Glockenturm von St. Anne's, Shandon, schwingt ein gewaltiges Pendel hin und her. Mit jeder schwerfälligen Bewegung hievt es das Uhrwerk einen Zahn weiter. Aber die Minutenzeiger auf den vier Zifferblätter halten nicht immer Schritt. An der Ost- und Westfront eilen sie denen an der Nord- und Süd-Seite voraus. Erst zur vollen Stunde holen sie einander wieder ein. Im Volksmund spricht man deshalb von dem "viergesichtigen Lügner". An der Spitze des Turms glänzt ein satter, goldbronzener Lachs, der, ein Symbol der örtlichen Fischerei-Industrie, als Wetterfahne dient. Die Einheimischen geraten über den Klang des Glockenspiels, wie es vom Hügel über die Flußebene hallt, ins Schwärmen und laden Besucher sogar ein, sich als Glöckner zu versuchen.
Die Kirche am Nordufer des Lee, dessen zwei Arme den Kern von Cork umschlingen, gehört zu den Wahrzeichen der Stadt. Sie steht aber auch für den Eigensinn, auf den sie viel hält, vor allem, wenn von Dublin die Rede ist. Hier, im Südosten der irischen Republik, gehen nicht nur die Uhren anders. Zwei Seiten des gestuften Kirchturms sind aus rotem Sandstein und zwei aus Kalkstein, geborgen aus den Trümmern eines Franziskanerklosters und der alten Burg von Shandon. Der steile Aufgang über enge Steinstufen und mit Taubendreck belegten Leitern dürften den Erlassen der übervorsichtigen Behörden in Brüssel kaum entsprechen. Wer das Wagnis dennoch eingeht, wird mit einem Panorama der Handelsstadt im Tal belohnt, die, ungeachtet der späteren Wohnsiedlungen am Hügel oberhalb der Stadt, ihr viktorianisches Antlitz behalten hat.
Rebellenstadt
Mitunter wirkt es, als habe Cork das zwanzigste Jahrhundert übersprungen. Die Narben der Vergeltungen gegen die Aufsässigen im Unabhängigkeitskrieg, die das Zentrum verwüsteten, sind nicht mehr sichtbar, so sehr sie auch noch in den Köpfen der Bewohner spuken mögen. Auf den Beinamen "Rebellenstadt" sind sie bis heute stolz, auch darauf, daß Che Guevaras Großeltern mütterlicherseits von hier stammten. Auf dem wunderbaren Englischen Markt, dem kosmopolitischsten Fleck von Cork, werden sogar T-Shirts mit den rot-weißen Farben der Stadt und der Aufschrift "People's Republic of Cork" verkauft. Doch breitet sich zu Füßen von St. Anne's die Stadt mit ihren buntbemalten Häusern, den Brücken und Stegen in jener "warmen, dämmrigen, ziellosen, ausweichenden, südlichen Art" aus, von der Frank O'Connor, der "Tschechow Irlands", wie ihn Yeats nannte, und ein gebürtiger Corker, einmal gesprochen hat.
Diese Eigenschaften haben die Besucher im Laufe der Jahrhunderte immer wieder für die Stadt eingenommen. Sie haben wohl auch dazu geführt, daß Cork jetzt als europäische Kulturhauptstadt ausesehen wurde, mit rund 130 000 Einwohnern, nach Weimar die bisher kleinste Metropole in den zwanzig Jahren dieser Einrichtung. An diesem Wochenende beginnen die Aktivitäten mit einem großen Straßenfest - Lichterspiele, Feuerwerke, Kanevalsumzüge und das Glockengeläut aus allen Kirchturmen der Grafstadt kündigen die sich über das ganze Jahr erstreckenen Veranstaltungen an.
Auf der Suche nach der kulturellen Bedeutung
Die Corker bezeichnen ihre Stadt gerne als das Athen Irlands oder als ein Venedig, wo die Wasserwege übergepflastert sind, waren die wichtigsten Verkehrswege der aus dem Sumpf entstandenden Stadt bis zur Drainage im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert ebenfalls Kanäle. Die Poller am Rand der Straßen zeugen noch davon. Aber beim besten Willen findet sich in dieser überaus sympathischen Stadt nicht ein Denkmal, nicht ein einziges Kunstwerk, das sich an den Schätzen messen ließe, die Vorgänger wie Lille und Genua, Avignon und Krakau, Brügge, Salamanca, Glasgow oder Graz aufzuweisen haben, von Florenz, Athen, Madrid oder Berlin gar nicht zu reden. Und man fragt sich, ob die Entscheidungsträger nicht, wie vor vierzig Jahren auch Heinrich Böll, jener Aura mythenumwobener Romantik aufgesessen sind, mit der sich die Iren in die Herzen einzuschmeicheln wissen.
Gewiß hat Cork, das sich als die eigentliche Hauptstadt der Republik empfindet, einiges an Geschichte aufzuweisen. Die neo-gotische Kathedrale aus dem neunzehnten Jahrhundert steht auf dem Fleck, wo der Heilige Fin Barre, sofern es ihn überhaupt gegeben hat, im siebten Jahrhundert die erste monastische Siedlung auf einer Insel in der Lee-Mündung gründete. Danach kamen die Vikinger aus Norwegen, gefolgt von den Dänen, die wiederum im zwölften Jahrhundert von den Anglo-Normannen verdrängt wurden. Cork - der Name stammt von dem gälischen Wort Corcaigh für Sumpf - hat, getragen von dem fruchtbaren landwirtschaftlichen Umfeld, stets von seinem geschützen Hafen am Nordatlantik gelebt. Vor allem Butter und Vieh wurden von hier aus in alle Welt gebracht. Und als der Agrarmarkt im neunzehnten Jahrhundert dramatisch zurückging, wurden Menschen zum wichtigsten Exportartikel. Auf den elendenen "Sargschiffen" fuhren ausgehungerte Iren von hier aus in die Neue Welt. Allein zwischen 1851 und 1871 verließen rund 266 000 Passagiere den Hafen von Cork.
Laternen wie vergessene Gerüststangen
Im zwanzigsten Jahrhundert ging es der Stadt kaum besser. In den sechziger und siebziger Jahren blitzten zwar Hoffnungsschimmer einer besseren Zukunft auf, wurden jedoch von der Rezession der achtziger Jahre ausgelöscht. Inzwischen haben die EU-Mitgliedschaft und die damit verbundenen Zuschüsse ebenso wie durch attraktive Steuerbedingen angelockte Firmen aus aller Welt auch Cork begünstigt. Während die alten Speicher im Zentrum wie in so vielen Hafenstädten auch hier umfunktioniert werden zu modischen Bars, und der alte, einst international renommierte Buttermarkt nurmehr als Museum dient, florieren am Stadtrand Computerunternehmen und die pharmazeutische Industrie.
Diesem Aufschwung soll nun die Ernennung zur Kulturhauptstadt Rückhalt geben. Neben dem Etat von rund zwanzig Millionen Euro, der für das Kulturprogramm bereitsteht, investiert die Stadt fast zweihundert Millionen Euro für langfristige Projekte wie die Verbesserung der Infrakstruktur, die Renovierung von Gebäuden, die Einrichtung eines DFL-Netzes, neue Fußgängerzonen und die etwas dubiose "Verschönerung" der Haupteinkaufstraße, St.Patrick's Street, durch Laternen, die aussehen wie vergessene Gerüststangen. Dafür zeichnet die katalanische Architektin Beth Gali verantwortlich.
Vielleicht hatte Frank O'Connor doch recht
Mit fünftausend Veranstaltungen will sich Cork nun ins europäische Bewußtsein bringen. Man tut sich allerdings schwer, in diesem Angebot Ereignisse von internationalem Rang zu finden. Die Weltpremiere eines neuen Stückes von Neil LaBute vielleicht, oder für Anhänger des Rockmusikers Rory Gallagher, der in Cork aufwuchs, eine Ausstellung ihm zu Ehren; eine Retrospektive auf des Werk des Malers James Barry, einem Zeitgenossen von Reynolds, der aus der Royal Academy verbannt wurde, oder der Pavillon, den Daniel Libeskind für die Londoner Serpentine Gallery entwarf und der nun hier auf einer Wiese stehen wird; Konzerte und Lesungen, die im Rahmen der alljährlich stattfindenene Festivals für Film, Jazz, Kammermusik, Literatur und Chöre ohnedies stattgefunden hätten und einige gutgemeinte, löbliche Projekte mit den neuen europäischen Ländern.
Das Gros des Angebots aber besteht aus Veranstaltungen, die über das Provinz-Niveau kaum herausreichen, wie schon die Ausstellung von 170 (reduziert von 400) Künstlern, die aus Cork stammen oder dort arbeiten in der Crawford Municipal Art Gallery. Und wenn man von Lesbische Fantasy-Bällen liest, einem Festival für Amateurfotografen, einem Lexikon der Frauenschriftsteller aus der Region oder der größten gestrickten Landkarte, die mit schichtwechselnden Tricoteuses anhand von täglichen Satellitenaufnahmen übers Jahr hinweg entstehen soll, fragt man sich, ob Frank O'Connor nicht recht hatte mit seiner Klage über die "barbarische Mittelmäßigkeit" seiner Geburtsstadt.