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Veröffentlicht: 05.06.2017, 14:31 Uhr

Europäer und Amerikaner Mon Ami, go home!

Europa soll das Schicksal in die eigene Hand nehmen? Aber was ist das Eigene, wenn Amerikaner immer schon auch Europäer sein wollten – und umgekehrt?

von
© Archiv Jean Seberg, hier in Godards „Außer Atem“, haben alle immer für eine Französin gehalten. Sie wurde aber in Iowa geboren.

Die amerikanische Popkünstlerin Patti Smith hat jetzt das Haus des französischen Dichters Arthur Rimbaud gekauft. Es steht in Roche, wo der Dichter aufgewachsen ist und 1873 „Eine Zeit in der Hölle“ schrieb: Da war Rimbaud neunzehn Jahre alt, ein Frühvollendeter des rauschhaften Schreibens und Erlebens – in diesem Geiste singt Patti Smith bis heute. Als sie im Februar die größte Auszeichnung der Stadt Paris erhielt, den Grand Vermeil, zitierte sie in ihrer Dankrede Rimbaud. Und kaufte im Stillen sein Haus, das zu verfallen droht.

Tobias Rüther Folgen:

Als das etwas später bekannt wurde, fuhr die Literaturkritikerin Mara Delius nach Roche in die Ardennen: Jemand hatte ein Schild ins Fenster von Rimbauds Haus gehängt, berichtete sie, „Welcome Home, Patti“ stand darauf geschrieben. Falls Patti Smith dieses Schild gesehen hat, wird sie gerührt gewesen sein. Denn hier, bei Rimbaud, hatte sie sich immer zu Hause gefühlt. Sie war sechzehn, 1967, als sie am Busbahnhof von Philadelphia ein Buch des Dichters klaute, „Illuminationen“, geschrieben 1872, da war Rimbaud kaum älter als sein amerikanischer Fan. „Ich umarmte ihn als Landsmann“, schreibt Patti Smith in ihrer Autobiographie „Just Kids“ von 2010, „als Verwandten, ja als heimlichen Geliebten“.

Über die Sehnsucht nach der Alten Welt

Man begegnet dieser Überidentifikation mit Rimbaud, diesem Bedürfnis nach Verwandtschaft mit dem anderen, dem Wunsch, etwas zu werden, was man glaubt, dass der andere ist, ständig in „Just Kids“. Und man kennt diese Sehnsucht nach der Alten Welt auch von vielen anderen Künstlern aus der Neuen Welt. Henry James hat diese Sehnsucht Mitte des 19. Jahrhunderts aus New York nach Paris und Venedig vertrieben. Sie war bei der Wagnerianerin Susan Sontag spürbar, die Goethe in der „New York Review of Books“ auf Deutsch zitierte und sich als europäische Intellektuelle im Stile Simone de Beauvoirs oder Hannah Arendts inszenierte. Man spürt sie heute bei Jonathan Franzen, der mit den Werken des österreichischen Satirikers Karl Kraus deutsch zu sprechen lernte – und dessen Stil, so elegant und von heute er auch ist, schwer an großen Worten trägt, als schreibe er im Suhrkamp-Verlag. Und dann ist da noch Donna Leon, die Amerikanerin in Venedig.

Man findet das Phänomen aber auch alltäglicher, etwa im Buchhandel amerikanischer Flughäfen, wo sich unterhaltsam gemeinte Ratgeber stapeln, was amerikanische Frauen von französischen lernen können (im wesentlichen: essen, trinken und Kinder kriegen, ohne zuzunehmen). Und am zuverlässigsten strahlen amerikanische Popmusiker bis heute immer dann, wenn man ihnen eine European sensibility bescheinigt. Feinsinnig zu sein wie ein Europäer, nicht so ein McKlotz: Danke scheen!

Es ist aber keine einseitige Liebe. Umgekehrt haben auch europäische Künstler immer schon voller Fernweh ihren Blick über den Atlantik geworfen, neidisch auf die Kräfte des Neuanfangs, sehnsüchtig nach einem weiten, unbeschriebenen Land, raus aus der Kleinstaaterei europäischer Standards und Traditionen. Die französischen Filmemacher der Nouvelle Vague wie Truffaut oder Melville haben das getan, Wim Wenders („Paris, Texas“) genauso – und noch dem unbegabtesten deutschen Gangsterrapper wäre wohl lieber, sein Block stünde in der Bronx statt in Neukölln.

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