Ach, Europa. Fürchtet das Endspiel des Euro. Fiebert dem Endspiel der Euro entgegen. Vierundzwanzig Tage lang wird der Kontinent vom Fußball regiert statt von der Politik, ist die Währung ein Ball, schmieden Viererketten die Stabilitätspakte. Fußball hat das Zeug, das schwierige Leben einfach zu machen, mal gewinnt man, mal verliert man, aber nach neunzig Minuten ist alles zu Ende, therapeutische Abwechslung zum ökonomisierten Alltag. Wenn es gutgeht, schenkt er, wie gelungene Sommerferien, einen entspannten Blick auf die Welt. Fußball als Urlaub Europas von sich selbst. So schwer wie diesmal war das noch nie.
Gesucht wird ein neues Erklärungsmuster, ein Sinnsystem, das einen Kontinent trägt. Eine heitere Erinnerung daran, was Europa uns sein kann. Sein könnte. Womöglich gibt der Fußball bei seinem Gipfeltreffen auf dem Platz ja eine Antwort, die sich auf den gefühlt allmonatlichen Gipfeln der Finanzpolitik bislang nicht finden ließ. Aber woher sollte die kommen - und von wem?
Wie das Land so seine Mannschaft
Von denen, die schon mal bessere Zeiten erlebt haben und nicht wissen, wo sie stehen? Portugiesen, Tschechen, Griechen natürlich. Von den Engländern? Seit sechzig Jahren Queen, seit sechsundvierzig nichts gewonnen. Den Dänen, die nur einmal richtig Party machten in Europa, als sie 1992 als Ersatz für Jugoslawien aus dem Urlaub zur EM kamen und sie gleich gewannen? Den Schweden, die nur 1958 für Aufruhr in Europa sorgten, als ihr hitziger, ruppiger Sieg im WM-Halbfinale bei den unterlegenen Deutschen saisonal antischwedische Stimmung machte? Gastwirte strichen damals „Schwedenplatten“ von der Speisekarte, Tankwarte verweigerten Richtung Süden durchreisenden Schweden Benzin.
Die Franzosen, mit denen es schon einmal richtig Ärger gab? Das war nach Toni Schumachers Anschlag auf Battiston im WM-Halbfinale 1982, einem Sommer, in dem man als Deutscher in Frankreich ein wenig auf der Hut sein musste. Das ist längst vorbei, die bei der letzten WM blamierten Franzosen haben sich inzwischen ein wenig berappelt, mit neuem Führungspersonal wie im Élysée-Palast. Die Italiener eigentlich auch, aber dann war mal wieder Skandal, wurde ein Nationalspieler im Trainingslager verhaftet - eines dieser schlichten, aber höchst unterhaltsamen Schurkenstücke, vor denen man auf dem großen Fußball-Stiefel nirgendwo sicher ist. Nicht mal mehr im Vatikan.
Dann sind da die listigen Kroaten, die erst noch nach Europa wollen, und die lustigen Iren, die sich endlich mal wieder dem Kontinent zugehörig fühlen können. Dazu die blassen Ukrainer und die undurchschaubaren Russen, die der Euro-Krise besonders schlau trotzen - das einzige Land, das seinen EM-Kader keine Euros verdienen lässt, nur Rubel im heimischen Riesenreich und dazu zwei, die in englischen Pfund entlohnt werden. Dann die Polen, die sich nicht in eine prominente Rolle drängen lassen, sich lieber still und verschmitzt etwas ausrechnen. Denn sie haben ihre Besten zum großen Nachbarn geschickt, Geld verdienen und etwas lernen, und hoffen nun auf einen polnischen Zins durch ihre drei deutschen Meister. Sogar die Niederländer, die sonst immer ihr eigenes Ding machten und das auch jedem sagten, sind zu einem pragmatischen, schweigsamen Stil übergegangen: nur nicht in den Vordergrund drängeln.
Weltmeister und Zahlmeister
Im Vordergrund stehen nur zwei: Die einen, die immer deutlicher als Europas großes neues Problemland dastehen, und die anderen, die es als Einzige immer noch nicht sind. Die einen Europameister, die anderen Zahlmeister: Spanien und Deutschland. Und alle reden sie Deutschland stark, die Spanier tun es, die Holländer, sogar die Brasilianer. Die Deutschen selbst tun es auch. Kein anderer EM-Teilnehmer spricht so laut vom Titel. Man versteht es ja: Wer schon Europa retten muss, will wenigstens Europameister sein. Es wäre kein schlechtes politisches Signal.
Deutschland ist im Fußball das Vorbild für finanzielle Selbstkontrolle, das Lizenzsystem der Bundesliga ist effizienter, als es die Haushaltskontrolle der EU je war. Deutsche Nachwuchsarbeit gilt inzwischen als führend. Und der kreative Stil des Nationalteams wird von Konkurrenten bewundert. Immer noch muss das Team einen großen Titel gewinnen, aber sicher ist, dass niemand, wenn es dazu kommt, mehr dabei das Gefühl haben wird, sich für die Art und Weise des Erfolges entschuldigen zu müssen. Die deutschen Fußballer schaffen, was deutschen Politikern nicht gelingt: Sie gefallen denen, die sie repräsentieren. Eine Nation und ihre Werte in Übereinstimmung mit ihrem Nationalteam.
Die Spanier, Welt- und Europameister, bieten ein anderes, widersprüchliches Bild. Sie, die ihre Brunnen immer tiefer bohrten und ihre Häuser immer höher bauten, um den Deutschen und anderen Mitteleuropäern noch mehr wässrige Erdbeeren und leere Ferienimmobilien zu verkaufen - und die zugleich beim Bohren nach Talenten, beim Bau ihres famosen Fußballimperiums das Gegenteil all dessen entwickelten, was sie ihrer Umwelt und Wirtschaft antaten: eine wunderbare Nachhaltigkeit. Doch Fußballkunst als nachwachsende Ressource ist kein Ersatz für finanzielle Vernunft und ökonomische Leistung. Eine Spielwiese, die von Millionen verfolgt, aber nur von elf bespielt wird, taugt nicht als Ausweg für ein Volk, dem der Kredit ausgeht. In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der unter Fünfundzwanzigjährigen arbeitslos sind, haben der FC Barcelona und Real Madrid die begehrtesten Arbeitsplätze der Welt für junge Menschen. Aber es sind nur zweiundzwanzig. Und sie sind besetzt. Oft nicht mit Spaniern, sondern mit Migrantenkindern oder emigrierten Karrierekindern wie Messi, Ronaldo, Özil.
Was Politik von Fußball lernen kann
Nicht nur in dieser Hinsicht, dem grenzenlosen Transfer von Träumen und Talenten, war der Fußball schon immer ein großes Experimentierfeld für ein Denken jenseits nationaler Grenzen. Ein Spielfeld für Europa. Mit der Idee des Europapokals, der seit 1955 den Horizont erweitert hat. Mit dem offenen Arbeitsmarkt der spielenden Ich-AGs und grenzenlos transferierten Ein-Mann-Unternehmen. Und mehr als das und früher begonnen: mit einem ganz selbstverständlichen Wissens- und Expertentransfer, der die Eigenheiten und Geheimnisse des Spiels unter den Kulturkreisen des Fußballs austauscht.
Diese missionarische Tätigkeit begann mit dem Engländer Jimmy Hogan, der von 1913 bis 1933 einen damals in seiner Heimat verpönten und bis heute modernen Fußball mit kurzen Pässen und schneller Bewegung ohne Ball in Europa verbreitete - in Ländern wie den Niederlanden, der Schweiz, Österreich, Frankreich oder Ungarn. „Wir spielten so, wie Jimmy Hogan es uns lehrte“, sagte Trainer Gusztav Sebes nach dem legendären 6:3-Sieg der Ungarn im Wembley-Stadion 1953, der ersten Heimniederlage Englands - einem Spiel, das als Wendepunkt der taktischen Entwicklung gilt. Und in Deutschland, wo er den Dresdner SC trainierte und zahlreiche Trainer ausbildete, war seine Wirkung so nachhaltig, dass der Deutsche Fußball-Bund in einem Kondolenzbrief nach Hogans Tod 1974 an dessen Sohn schrieb, Hogan sei „der Vater des modernen Fußballs in Deutschland“. Dank Hogan und vieler anderer großer und kleiner Wandervögel des Spiels hat Europa im Fußball seit bald hundert Jahren, was es im Portemonnaie erst seit zehn Jahren hat: eine gemeinsame Währung. Ein verbindendes Verständnis von Spiel und Spielidee. Und bis heute ist die Welt des Fußballs deshalb auch, was die Welt des Nichtfußballs lange nicht mehr ist: eurozentrisch.
Die europäische Kombinationsmaschine
Die Champions League ist ein Welterfolg. Die englische Premier League findet Hunderte von Millionen Zuschauern in aller Welt. Dahinter holt die Bundesliga mit großen Schritten auf. Und der FC Barcelona ist das global bewunderte Ideal der Spielkunst. Europa liefert, was Asiens Milliardenvölker nicht nachmachen können: feinste spielerische Ingenieursarbeit. Den Bauplan der europäischen Kombinationsmaschinen kann man nicht kaufen und nicht kopieren.
Was Europa in der Politik behindert, seine Kleinteiligkeit, Vielgestaltigkeit, ist seine Stärke im Fußball. Der Fußball mag Großmächte nicht. Sie haben nie etwas Großes gewonnen im Fußball, sieht man vom Sieg der Sowjetunion bei der ersten Europameisterschaft 1960 ab, die aber ein Turnier ohne großen Wert war, weil Länder wie Italien, England oder Deutschland noch kein Interesse daran hatten. Fußball lebt von den Innovationen der Kleineren. Und belohnt die Mittelmächte, die sich diese Ideen aneignen. Davon profitiert Europa, ein Kontinent des regionalen Reichtums und des Austausches kultureller Eigenheiten im Spiegel des Spiels. In der Summe verkörpert der Fußball eine Kreativität, die nicht zentralistisch planbar ist.
Rettung von den Rändern
So kamen die großen taktischen Innovationen des Spiels fast immer von den Rändern oder aus den kleinen, eigensinnigen Nischen Europas. Wie der beschwingte Kaffeehausfußball der Österreicher in den frühen Dreißigern und der alle Schranken, nur nicht die des Stalinismus, durch Geist und Bewegung aufbrechende Zauberfußball der Ungarn in den Fünfzigern. Oder der Riegelfußball, von Karl Rappan in der Schweiz erfunden, in Italien weiterentwickelt zum „Catenaccio“, dem Erstickungsfußball von Helenio Herrera, und davon wieder befreit durch Arrigo Sacchi. Dann der moderne Positionsfußball, bei Dynamo Kiew mit Raumdeckung und Pressing schon in den sechziger Jahren durch Viktor Maslow begründet und durch Waleri Lobanowskis Systemfußball perfektioniert. Schließlich der mit hohem Tempo rochierende, auf Raumeroberung zielende „totale Fußball“ - erdacht durch Rinus Michels, geprägt von Johan Cruyff, der in Holland und Katalonien, in Heimat und Wahlheimat, zwei bis heute regierende Dynastien brillanten Fußballs begründete.
Selbst der andere große Pol des kreativen Fußballs, Brasilien, brauchte europäische Einflüsse: vor allem durch Bela Guttmann, einen der Flüchtlinge des von den Sowjet-Besatzern blutig unterdrückten Ungarn-Aufstands, der 1956 die Ära des vielleicht besten Teams beendete, das nie Weltmeister wurde. Während viele der besten Spieler, wie Puskas und Koscics, nach Westeuropa flohen, setzte sich Guttmann nach Brasilien ab. Er nahm das ungarische 4-2-4-System mit und die vielen positionellen Ideen jenes Teams, das mit dem „hängenden“ Mittelstürmer das Spiel aus der Tiefe erfunden und den Fußball von der statischen zur dynamischen Raumverteilung geführt hatte. Dieses Wissen fiel im Genpool Brasiliens, des größten Talentreservoirs des Fußballs, auf fruchtbaren Boden. Vom ersten Titel 1958, als in Europa noch niemand Pelé und Garrincha kannte, bis 2002, als die besten Brasilianer längst in Europa spielten, gewann Brasilien fünf von zwölf Weltmeisterschaften.
Griechen, Italiener, Spanier, Portugiesen
Doch in jenem Jahr 2002 änderte sich etwas. Drei Dinge geschahen. Erstens: Deutschland wurstelte sich letztmals bei einem großen Turnier durch - das spielerische Sozialprodukt war bescheiden, doch Oliver Kahn, als Torwart in der Rollenverteilung eines Fußballteams der Finanzminister, hielt das deutsche Budget bis ins WM-Endspiel positiv, ehe es mit seinem finalen Fehlgriff doch ins Minus geriet. Zweitens: Der Euro kam. Drittens: Der europäische Fußball trat seine Herrschaft an. Während Brasilien eines der Boomländer der Weltwirtschaft wurde, im Fußball aber seitdem nichts mehr gewann, übernahm Europa die Erfolgsrolle. Genauer: Europas Problemländer taten es.
Sie stellten die Sieger der vier großen Turniere seit Kahns gescheiterter Ball- und Bilanzkontrolle von Yokohama. Griechenland: Europameister 2004. Portugal: EM-Zweiter 2004, WM-Vierter 2006. Italien: Weltmeister 2006. Spanien: Europameister 2008, Weltmeister 2010. Zusammenhänge mit späteren Entwicklungen sind natürlich rein zufällig.
Etwa die Griechen: Schon bei ihrem EM-Sieg vor acht Jahren haben sie von den Defiziten der anderen profitiert. In diesem Falle spielerischen. Und schon da auch von deutscher Hilfe, in Gestalt jenes Mannes, den sie als „Rehakles“ zum Halbgott machten. Und der inzwischen als 73-jähriger Rentner nur noch dem neuen Bundespräsidenten als Wahlmann ins Amt helfen konnte, nicht aber der alten Hertha bei der Rettung ihrer Haut.
Oder die Italiener. Vor dem WM-Turnier 2006 schüttelte ein Fußball-Bestechungsskandal die zweitausendjährige Zivilisation dieses aufbrausend gelassenen Volkes kurz durch - und war in bewährter Psychohygiene bald vergessen. Schon 1982 hatte das genauso funktioniert, auch da war auf einen Bestechungsskandal, den „Totonero“, der Gewinn der Weltmeisterschaft gefolgt. Soll das jetzt wieder so klappen? Was kein gutes Signal an die Politik wäre, ein Rückfall in die gerade halbwegs überwundene Berlusconi-Ära, in das Motto: Ich komme mit allem durch.
Sind die Schuldner wieder Sieger?
Diesmal war der Skandal besonders bühnenreif inszeniert, mit Verhaftung im Trainingslager. Dazu ein Regierungschef, der erklärte, dem Fußball am liebsten eine Pause zu verpassen (was der Professore Monti zwar hinterher als nicht ganz ernst gemeint erklärte, aber nun nicht mehr aus der Welt bekommt). Und ein Trainer, der in seinem Frust einen EM-Verzicht nicht ausschließen wollte. Die üblichen Aufwallungen, schnell, stark, heiß wie ein Ristretto. Es zischt die Maschine, ein Schluck, ein Moment der Erhitzung und Belebung, und schon geht es weiter, das süße Leben.
Alle, ob Griechen, Portugiesen, Italiener oder Spanier, sind bei dem Turnier in Polen und der Ukraine dabei. Sogar die Iren sind es diesmal. Seit 2002 hatten sie das Bruttosozialprodukt der Insel geschont, indem sie die Qualifikation immer wieder verpassten. Nun sind wieder Abertausende irische Fans losgezogen, um wildfremde ausländische Städte, als erste an diesem Sonntag Posen, in einer Art „St. Patrick’s Day on Tour“ in grün gefärbte Stimmungszonen zu verwandeln - auf Pump übrigens. Es ist eine Reisefreude, für die Irlands Fußballfans traditionell ihre Konten überziehen und Kredite aufnehmen.
Manchmal fallen ihnen auch solch pfiffige Improvisationen ein wie Conor Cunningham, einem jungen Fitnesstrainer, der für das Play-off-Spiel der Iren in Tallinn kein Ticket bekam, trotzdem hinflog, um das Stadion strolchte und eine offene Tür entdeckte. In dem Seitentrakt fand er eine Tasche mit Bällen und einem Trainingsanzug des estnischen Teams, den zog er über sein grünes irisches Trikot und gelangte so getarnt und mit der Tasche über der Schulter unbehelligt bis an den Spielfeldrand. Dort nahm er zu Spielbeginn auf der Bank neben dem estnischen Nationaltrainer Platz und wurde in der Heimat der erste irische EM-Held.
Nach neunzig Minuten ist alles aus
In Europa ist heute der ein Star, der es schafft, die Kontrolleure auszutricksen. Und so hat in Irland auch der Mann, der als Erster die Kontrollen der Finanzmärkte aushebelte, ein Gnadenbrot gefunden. Nick Leeson, der 1995 als Spekulant der Barings Bank die neue, aber zukunftsträchtige Idee in die Welt setzte, dass riesige Geldhäuser einfach so untergehen können, wurde nach verbüßter Haft Manager des irischen Erstligisten Galway United.
Wird es nun wieder so sein: dass die Problemnationen des Euro die Erfolgsnationen der Euro sind? Oder gibt es diesmal vielleicht eine Kehrtwende hin zur großen Problemlösernation? Deutschland hat, zumindest im Fußball, den alten Hang zum glanzlosen Durchwursteln in den letzten zehn Jahren abgelegt. Und nun ist es sogar in Mode, die Deutschen gut zu finden. Gäbe es ein Politbarometer des Fußballs, Löw & Co. lägen vorn. Aber das ist nicht unbedingt ein gutes Zeichen, denn auf dem Fußballplatz macht keiner Umfragen, nicht mal der Schiedsrichter; obwohl die Spieler immer so tun, als glaubten sie, ihn interessiere ihre Meinung über den letzten Pfiff. Das unterscheidet den Fußball nicht von der Finanzpolitik - auch wer dort die Entscheidungen trifft, ignoriert die Meinung derjenigen, die sie zu befolgen haben.
Und doch, der Fußball hat es besser, und hier endet deshalb das Euromärchen, das Europa-Erklärungsmodell des Fußballs. Denn anders als die Finanzpolitik, in der am Ende alle im Minus stehen können, ist der Fußball stets ein Nullsummenspiel. Egal, wie es ausgeht, am Ende gehen alle wieder genauso vom Platz, wie sie ihn betreten haben, nur etwas schmutziger und verschwitzter. Alle sind sie dem Ball nachgejagt, am Ende aber nimmt ihn immer der mit, der ihn auch brachte: der Schiedsrichter.