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Ethik-Debatte Vergeßlich

19.05.2005 ·  Bald schon könnte das freudenerfüllte Gesicht eines Menschen, der seine Krücken wegwirft gegen Millionen Embryonen stehen: Die Arbeit der koreanischen Klonforscher läßt die ethische Frage neu entfachen.

Von Christian Schwägerl
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Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird die Kontroverse um die Ethik des Klonens und um den Wert der embryonalen Erscheinungsform des Menschen zunächst einmal in den Hintergrund rücken, ja womöglich einer kollektiven Amnesie anheimfallen, wenn der erste Querschnittsgelähmte dank einer Klonzellenkur auf- und wieder auf zwei Beinen steht. Ein solches Wunder, und darum würde es sich trotz der biotechnologischen Herbeiführung handeln, dürfte ein Staunen hervorrufen wie jene Spontanheilungen, von denen die Bibel zu berichten weiß.

Die Kunst, Lahmen das Laufen zu ermöglichen, hat über Jahrhunderte keine nennenswerten Fortschritte gemacht. Noch jeder Papst hat sich gehütet, ein irdisches Konkurrenzangebot zur Stammzellforschung zu entwerfen. Man mahnt zur Bescheidung. Das Wunder hat seinen Charakter bewahrt.

Erbgut verliert Informationen

Doch noch ist es nicht soweit. Noch können die Südkoreaner Hwang und Moon nur die ersten Forscherschritte tun. Geführt durch deren hochsensible Hände, schreiten Zellen zurück aus ihrem spezialisierten Dasein in das omnipotentente embryonale Stadium. Das ist radikalste Verjüngung. Das molekulare Leben läuft zurück, in die der Biographie entgegengesetzten Richtung der Unbestimmtheit.

Es unterwirft sich dafür einem dramatischen Vergessen: Die Hautzelle vergißt, daß sie Hautzelle war und den Körper geschützt hat. Im Eiweißbad einer bereitgestellten weiblichen Eizelle geht am Erbgut im Optimalfall jedes molekulare Etikett mit biographischer Information verloren. Die erfahrungsfreie embryonale Formation entsteht neu. Bleiben doch Resterinnerungen bestehen, droht der Neubeginn zu entgleisen, wie es in 276 mißglückten Versuchen, das Schaf „Dolly“ zu kreieren, sichtbar wurde.

Neue Identität schaffen

Hwang und Moon heben die Effizienz ihres Vorgehens hervor. Nur relativ wenige gespendete Eizellen seien nötig gewesen, um einen Krankenklon zu erzeugen. Nur möglichst jung müssen die Spenderinnen sein. Für jeden Schwerkranken eine junge Frau zu finden klingt angesichts der demographischen Wandlungen nach einer schwierigen Aufgabe, selbst wenn der Plan der EU gelingen sollte, Kliniken für künstliche Befruchtung zu Eizellzulieferbetrieben umzufunktionieren. Vielversprechender ist das Vorhaben, die Keimzelle der Mutter gleich im biotechnologischen Zuchtverfahren zu gewinnen.

Zur Seriosität von Hwang und Moon gehört, die Erzeugung von Klonbabys abzulehnen. Ihr Ziel ist es, für die embryonalen Klonzellen eine neue Identität zu schaffen, als Nerven-, als Immunzelle. Kommen sie derart verwandelt zum Patienten zurück, müßte der Körper sie als eigen erkennen, obwohl kurz die Umrisse eines neuen Individuums zu sehen gewesen waren. Das Immunsystem, so hofft man, wird sich milder zeigen als scharfzüngige Bioethiker, und es wird den gefürchteten Angriff unterlassen, den es auf Spenderorgane oder auf Gewebe aus Embryonen fremder Herkunft unternimmt. Das Implantat soll den Körper dann Verwundungen wie die eines zerrissenen Nervenstrangs und die einer schädlichen Genmutation vergessen lassen.

Roh schlummernde Entwicklungskraft

Noch liegt das Klongewebe in Seoul in kleinen runden Schalen in farbiger Flüssigkeit, säuberlich getrennt von den kranken Zellspendern. Die Angst geht unter den Forschern um, die embryonale Potenz könnte, einmal implantiert, explodieren und Tumore auslösen. Es wird nach Wegen gesucht, diese Kraft zu bändigen, indem man die Ersatzgewebe vor Verabreichung mit Lasern und Antikörpern durchdringt und jede roh schlummernde Entwicklungskraft tilgt. Sogar von Selbstmordgenen ist die Rede, die dem Implantat eingebaut werden müßten, um es im biotechnischen Notfall, aber nur dann, ausschalten zu können.

Es wird gefragt, was es dem Erbkranken bringen würde, Zellen mit eigenem Erbgut verabreicht zu bekommen, wo doch hier der Fehler liegt. Deshalb ist geplant, das Erbgut zu berichtigen, die Mutationen, die in die Keimbahn des Unglücklichen geschlüpft sind, zu korrigieren. Das Ausmaß an Wenn und Aber ist groß. Vielleicht wird es nie so weit kommen, daß Gelähmte dank der Klontechnik gehen, Parkinsonkranke wieder stehen. Und wenn doch? Daß es besser wäre, das Wunder ohne ethischen Schmerz zu vollbringen und die Forschungsförderung dies versuchen sollte, ist selbstverständlich.

Wunsch nach Mißlingen?

Was aber, wenn in einigen Jahren statt Zellen Geheilte präsentiert werden? Der Embryo läßt sich am besten im Prinzip verteidigen: gegen oberflächliche Zeitgenossen, denen die Fähigkeit fehlt, ein Problem zu erkennen, gegen Politiker, die alles auf Industrie und Innovation buchstabieren, und notfalls gegen Kranke, denen man ein Übermaß an Hoffnung unterstellen mag. Doch der Embryo behält, auch für den gläubigen Verfechter der Instantbeseelung und den gesetzestreuen Verteidiger einfachster Menschenformen, eine unüberwindbare Abstraktion. Entsteht er durch Klonen, womöglich aus einer künstlichen Eizelle, wächst diese Abstraktion im Quadrat.

Gegen das freudenerfüllte Gesicht eines Menschen, der seine Krücken wegwirft und gegen das ungläubige Staunen eines Kindes, das seinen Erbdefekt verliert, werden selbst Millionen Embryonen keine Chance haben. Die ganze Kontroverse wird dann womöglich zum Protokoll des Vergessens einer verlorenen Zeit, als der Embryo noch kein Betriebssystem der regenerativen Medizin war und ein tief im Selbstbild verankerter Respekt vor dem technisch noch nicht Zugänglichen herrschte. Soll man nun wünschen, daß alles anders kommt und es mißlingt, Lahme durch Klonen wieder laufen zu lassen?

Quelle: F.A.Z., 20.05.2005, Nr. 115 / Seite 37
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