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Esprit Montmartre in Frankfurt : Unsere Freundin und Schwester, die Prostituierte

  • -Aktualisiert am

Picasso, Van Gogh, Toulouse-Lautrec und Suzanne Valadon: Die Ausstellung „Esprit Montmartre“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zeigt uns die Bohème auf dem Montmartre.

          Diese Ausstellung kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. In Deutschland wird noch debattiert, ob Prostitution weiter legal bleiben soll, in Frankreich wurde sie gerade verboten - und nun stürmen solche Bilder die Frankfurter Schirn Kunsthalle: Sie sind prächtig, traurig, lustig, mitfühlend, herablassend, ausbeuterisch oder mitreißend. Sie sind bunt, grau, riesig, wandfüllend, winzig, modern, gewagt oder marktschreierisch. Sie alle stammen aus einer Epoche, in der ein Frauentypus plötzlich fast so häufig dargestellt wurde wie im Mittelalter die Muttergottes: die Prostituierte.

          „Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900“ lautet der Titel der Schau. Sie könnte auch „Glanz und Elend der Kurtisanen“ heißen, nach dem berühmten Roman von Honoré de Balzac. Zweihundert Kunstwerke von 26 Künstlern sind versammelt, darunter Berühmtheiten wie Vincent van Gogh, Pablo Picasso oder Henri de Toulouse-Lautrec. Aber es gibt vor allem auch Fundstücke, Entdeckungen, Überraschungen.

          Zwei Welten aus Rot und Grau

          Wer mit den Frankfurter Räumlichkeiten vertraut ist, erkennt die Ausstellungshalle nicht wieder: Empfangen wird der Besucher in einem dunkelroten Kabinett, gezeigt werden dort Gemälde und Fotografien, die den Montmartre zunächst menschenleer vorstellen, das Viertel, die Topographie. Der Rest der Ausstellungshalle wird durch eine Trennwand geteilt, so dass zwei Galerien entstehen, gestrichen in den Farben Rot und Grau. Tatsächlich erzählt die Schau eine doppelte Geschichte: von Ruhm, Rebellion und Karrieren - und von Ausbeutung, Alkoholismus und Absinth.

          Man betritt eine Welt, in der die Herren fast immer bekleidet und die Damen nackt sein müssen, in der die Männer Künstler, Kabarettisten, Bürger, Kunden und Freier sind und die Frauen viel zu häufig eine Ware. In der Ausstellung ist Pierre Bonnard der einzige Künstler, der auch einen Mann nackt in Frontalansicht darstellt, 1898 in einem kleinen Gemälde. Der Mann stemmt den Arm in die Hüfte. Den Unterleib, die Lenden, hüllt Bonnard in dunkle, verschwommene Pinselstriche, als wollte er dem Mann auf dem Bild doch noch in letzter Sekunde ein Handtuch zuwerfen, um sich zu bedecken.

          Prostitution oder Hunger

          Wie also lebte es sich auf dem Montmartre? Und wie frei war die Bohème, die als Bürgerschreck antrat und angeblich die Konventionen der Bourgeoisie verachtete? Eine Fotografie, gleich im ersten Raum, zeigt den Montmarte als Panorama, ein Hügel aus Gipsgestein, seit 1860 Teil des wachsenden Paris, übersät mit zusammengezimmerten Hütten, mehr Bruchbuden als Häuser. Noch 1904 sieht der Montmartre aus wie eine Favela. Missbilligend scheinen die angrenzenden hochgeschossigen Häuser aus stuckverzierten Fenstern herüberzusehen.

          Und trotzdem war der Montmartre vor allem ein Versprechen: Hier hatten sich, nachdem die Steinbrüche stillgelegt worden waren, zuerst Diebe, Hehler, Zuhälter und Obdachlose angesiedelt. 1871 jedoch, als die Pariser Kommune revoltierte, diente der Montmartre als Schlupfwinkel. Er stieg vom Versteck zum Symbol auf, für Freiheit, für Rebellion.

          Hat der Montmartre das Versprechen gehalten? Ebendiese Frage kann man als Leitfaden durch die Ausstellung nehmen. „Die Künstler“, schreibt die Kuratorin Ingrid Pfeiffer im Katalog, „agierten in diesem Umfeld wie Seismographen für eine Gesellschaft, in der die Doppelmoral gang und gäbe war. Während die bürgerlichen Frauen das Haus nur in Begleitung verlassen konnten, hatten die Frauen der unteren Schichten alle Bewegungsfreiheit, waren jedoch auch Freiwild für alle Arten der Ausnutzung.“ 1870 lag der Durchschnittslohn für Frauen bei 2,14 Franc, Männer verdienten mit 4,75 Franc mehr als das Doppelte. Zola stellte fest, die Arbeiterin könne nur zwischen Übeln wählen: „entweder Prostitution oder Hunger oder langsamer Tod“.

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