23.08.2007 · Jetzt, in Mügeln, waren es Inder. Aber auch Schauspieler, Camper, Obdachlose, Behinderte und Homosexuelle sind in Ostdeutschland schon angegriffen worden. Nicht über die Eigenschaften der Opfer, sondern über die der Täter muss man reden, findet Jürgen Kaube.
Von Jürgen KaubeJetzt, in Mügeln, waren es Inder. Rassismus? In Potsdam, vor zwei Jahren, waren es drei ältere Herren, darunter ein Amerikaner. Fremdenhass? In Halberstadt neulich waren es ostdeutsche Schauspieler. „Ausländer raus“? In Mecklenburg-Vorpommern 1996, in Leisten am Plauer See und in Binz auf Rügen, waren es westdeutsche Urlauber auf Campingplätzen. Politische Motive? Es waren auch schon Obdachlose, Behinderte und Homosexuelle. Und gewiss möchte niemand dafür die Hand ins Feuer legen, dass es nicht auch noch weitere „Gruppen“ treffen kann.
Die Gewaltexzesse, Pöbeleien, Zusammenrottungen, die unter dem Titel „fremdenfeindliche Straftaten“ versammelt werden, kommen, auf die Bevölkerungsgröße berechnet, im Osten um ein Vielfaches häufiger vor als im Westen. Familienministerin van der Leyen spricht jetzt von einer dort „fehlenden zivilgesellschaftlichen Tradition“. Gemeinsam haben die vielen Taten, die sich zur Statistik addieren, jedenfalls nicht den Rassismus, sondern dass sie sich gegen Leute richten, die als „anders“ und als lokale Minderheit empfunden werden, an denen man sein Gefühl auslassen kann, dass sie einem nicht passen. Blauäugig also, wer glaubte, es sei auf überdies politisch unerträgliche Weise mehr als das Problem von Indern gelöst, wenn Inder sich nicht mehr in Mügeln ansiedelten. Die Warnung vor „No go areas“ ist als Klugheitsempfehlung für bekannte Opfergruppen geboten. Sie wäre naiv, würde unterstellt, man wüsste schon, wer alles zum Opfer werden kann. Denn auch das Gerede derer, die solche Taten in ein politisches Projekt integrieren, indem sie von „national befreiten Zonen“ quatschen, tut so, als sei „Ausländer“ die einzige Opferkategorie. Sie ist es nachweislich nicht.
Aus der Zone der Zukurzgekommenseins
Es ist darum auch nicht hilfreich, von den Eigenschaften der Opfer Auskunft darüber zu erwarten, worum es bei solchen Taten geht. Der Bescheid, man habe etwas gegen Ausländer, gehört selber zur rechtsradikal bewirtschafteten Lüge über die Motive derer, die da pöbeln und zuschlagen. Die Rede über angebliche Eigenschaften der Verfolgten soll nur verdecken, dass solche Taten aus dem Ressentiment von Leuten erfolgen, die sich nicht durch etwas Bestimmtes, sondern ganz generell beleidigt fühlen. Die Opfer teilen nur, was Opfer von Hetzmeuten seit jeher teilen: mangelnde soziale Unterstützung vor Ort, Randständigkeit, Schwäche. Erst die NPD macht daraus dann eine Lehre, erfindet Geschichten, die plausibel machen sollen, dass es diese Opfer und nicht andere waren.
Ein Beleg dafür ist die nicht nachlassende Beschwerde mancher im Osten, die mehr oder weniger offen Verständnis für die geladene Stimmung in vielen ostdeutschen Gemeinden zu erwirken sucht: Um die Ausländer kümmere man - der Westen, der Staat, die Politik - sich hierzulande, während sich um die Ostdeutschen niemand kümmere. Aber der indische Pizzabäcker hat ersichtlich keinem Mügelner etwas weggenommen. Es wird mit solchen Redensarten also in erster Linie Larmoyanz kaschiert und für das Gefühl des Zukurzgekommenseins nach fast beliebigen Anhaltspunkten in der Umwelt gesucht. Dabei spielt vermutlich auch das Gefühl mancher junger Männer eine Rolle, zu Höherem berufen zu sein als zum Backen oder Ausliefern von Pizzas. Die NPD souffliert dann gerne: „als Deutsche“. Das Ressentiment richtet sich aber auch sofort auf die eigenen Leute, wenn der Eindruck entsteht, diese hätten sich aus der Zone der Zukurzgekommenseins herausgearbeitet, in der man sich sieht.
Über die Eigenschaften der Täter muss man reden
Woher also kommt jene ausagierte Frustration, aus der heraus das Empfinden, zurückgesetzt zu sein, nach jemandem sucht, den man selber drangsalieren kann? Prominent ist eine These, die sozialstrukturelle Eigentümlichkeiten im Osten benennt. Wer im Gefühl eigener Zukunft lebt, anständig ausgebildet ist und die Bereitschaft hat, sich andernorts zu akkulturieren, insbesondere junge Frauen mit Chancen im Dienstleistungssektor, zieht weg. Die Studie „Not am Mann“ des „Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung“ argumentiert so. Zwar treffe es nicht zu, dass dort, wo es durch solche Migration zu einem Männerüberschuss komme, die allgemeine Kriminalität steige. Nicht die Geschlechterrelation, sondern die mangelnde Bildung hänge mit den Verbrechensraten zusammen. Aber einen Zusammenhang zwischen dem Zurückbleiben bildungsarmer junger Männer und ihrer Bereitschaft, rechtsextrem zu wählen, wird bestätigt.
Man braucht dabei nicht auf zweifelhafte biopsychologische Vermutungen zurückgreifen, die einen Mangel an Frauen mit überschüssigen Hormonen kombinieren. Die Demütigung, dass die Frauen massenhaft gegangen sind, dass das eigene Rollenbild nicht zum Fortkommen passt und dass sie gewissermaßermaßen auf ihrer Großmäuligkeit sitzenbleiben, erschließt die diffuse Wut viel besser.
Es sind also nicht Eigenschaften der Opfer, sondern Eigenschaften der Täter, über die man reden muss. Nicht zuletzt über Eigenschaften ihres Aufwachsens, dem es an Grenzsetzungen und klaren Ansagen zu fehlen scheint und auch an der mangelnden Sorge, sich durch ihre Taten sozial zu isolieren.