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Erwin Teufels Erfolg : Nur wer stehen bleibt, kommt weiter

  • -Aktualisiert am

Er hat sein Sach auf das gestellt, was währt und bleibt und sich lesen und leben lässt: Erwin Teufel in seinem Eigenen Bild: Jens Gyarmaty

Erwin Teufel ist der Mann der Stunde. Gerade weil niemand mit ihm gerechnet hat. Der Konservative, der aus der Zeit fiel, fällt gerade jetzt wieder in sie hinein. Und trifft sie in ihr unruhiges Herz.

          Es war eine herrliche Szene. Redaktionskonferenz der „Stuttgarter Zeitung“ in den frühen achtziger Jahren. Hinterm Stuhl des Chefredakteurs eine riesige Weltkarte an der Wand. Der Chefredakteur erregt schnaubend und dampfend und das ständig heraushängende Hemd derart mühsam hektisch in den stets zu engen Hosenbund stopfend, als zerrte immer halt eben auch die ganze Welt an diesem Kleidungsstück.

          Neben ihm als Gast der Redaktion ein gemütlicher, bescheiden wirkender Mann mit freundlich rundem, rosig gerötetem Gesicht und einer etwas altjungenhaft gewellten Frisur. Wie man sie in den fünfziger Jahren gefönt haben würde. Alles an diesem Mann schien altmodisch. Sein Anzug wie seine Krawatte – vom Sommerschlussverkaufsstand des Kaufhauses „Breuninger“, wo man ihn hie und da beobachten konnte, wie er als schwäbischer Hausvater mitten im Rudel schwäbischer Schnäppchenjägerinnen zum preiswerten konservativ Gemusterten griff. Altmodisch auch seine nachgerade höfliche Befangenheit gegenüber den studierten Polit-, Wirtschafts- und Geistesköpfen der Redaktion.

          „Irgendwann kommt er wieder bei mir vorbei“

          Von ihm wusste man in aller liberalen Redakteursherablassung, dass er nur mittlere Reife hatte, dann vom Gymnasium abging, die Ausbildung für den sogenannten gehobenen Verwaltungsdienst absolvierte, als Stadtchef von Spaichingen der jüngste Bürgermeister Deutschlands war, von der CDU in den Landtag geschickt wurde, als Staatssekretär im Innenministerium und als Staatssekretär für Umweltschutz fungierte. Dann aber übernahm dieser kleine Mann 1978 die Führung der CDU-Fraktion im baden-württembergischen Landtag. Unter und neben und hinter einem Ministerpräsidenten Lothar Späth. Nachdem Späths unseliger Vorgänger Filbinger über seine Marine-Richterei in Hitlers Wehrmacht erst stolperte und dann stürzte. Ein Sturz übrigens, den der stets so wunderbar erregte Chefredakteur der „Stuttgarter Zeitung“ mutig leitartikelnd mit herbeiführte.

          Alles aber, was die Redakteursrunde vom CDU-Fraktionsvorsitzenden Erwin Teufel wissen wollte, war, was der tolle Späth denn so mache. Der Späth, Jungstar der CDU, der binnen eines hektisch hervorgeplappertern Nebensatzes, in den er sich dauernd mit einem noch neueren, noch hektischeren Gedankenausstoß ins Wort fiel, mindestens zehn Ideen eruptierte. Der Späth, der als oberstes rasendes Cleverle das Land morgens in die „Moderne der neuen Medien“, mittags in die „Moderne der neuen Vernetzung“, abends in die „Moderne der wertschöpfenden Kultur“, zwischendurch noch in alle möglichen Polit-, Finanz-, Steuer- und selbstverständlich Bildungsmodernen gejagt und nebenbei allerlei Staatsgalerien, Theater- und Filmakademien samt Unmengen von „Soziokulturellen Zentren“ erfunden hatte. Und überhaupt den Eindruck vermittelte, als wäre die ganze Welt kaum in Form einer Karte darstellbar, sondern in Gestalt eines turbogetriebenen Brummkreisels, den er über alle Universumsparcours jagen würde.

          Auf die Frage, wie er denn diesen Wahnsinn aushalte, antwortete Erwin Teufel: „Ach, wissen Sie, ich lasse ihn rennen – und bleibe einfach stehen. Irgendwann kommt er wieder bei mir vorbei.“

          Wahre Wirkung

          Zur Zeit scheint es so, als komme nicht nur eine jahrzehntelang durch alle möglichen Parcours gejagte oder auch nur gequälte, ratlos leer laufende Christlich Demokratische Union, sondern auch ein ganzes ratlos leer laufendes Land gerade mal wieder bei Erwin Teufel vorbei. Der einfach immer stehen blieb. Und jetzt der Republik ein Trost ist. Aber auch ein Schock – der Normalität. Für die Normverlorenen.

          Mit seiner Berliner Rede vor der Seniorenunion, einer an sich gar nicht so wichtigen Vereinigung der Christdemokraten, zu einem gar nicht so wichtigen Anlass bringt Erwin Teufel ein bisschen die Welt zum Anhalten. Der Zweiundsiebzigjährige, der seit dem 20. April 2005 nicht mehr das Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten ausübt, das er vierzehn vorzügliche und segensreiche Jahre bekleidete und aus dem er von jüngeren, rasenderen, nach allen Seiten besinnungslos lospreschenden, dümmeren, längst gescheiterten Nachwuchsklembemberleshubern gemobbt und gebissen wurde, dieser ältere, aufrechte Herr, ein Expolitiker, erzielt gerade, was aktive Politiker gern immer erzielen würden, aber in ihrer rasenden Unruhe nie erreichen: wahre Wirkung.

          Ein Land redet aufatmend über die Rede eines Konservativen. Aktive Unruhe-Politiker werden unruhig in ihrer Unruhe. Bekommen plötzlich ein paar Brocken zum Nagen und zum Beißen, an die sie als relevante Kost gar nicht mehr gedacht hatten. Vor allem das sogenannte konservative Lager, das gar nicht mehr weiß, was es eigentlich bewahren will, wenn es jeden Tag das Eigenbewährte zur Disposition stellt, scheint doch ziemlich aufgestöbert durch diesen Konservativen, der lange aus der Zeit gefallen schien. Und sie jetzt mitten in ihr unruhiges Herz trifft. Mit dem Wert und der Würde eines Stehengebliebenen.

          Ein Stehenbleiber

          Dass die europäischen Regierungschefs mit ihren milliardenhorrenden Finanz- und Schuldenaktionen Verträge gebrochen, Recht und Ordnung missachtet hätten, und dass, wenn die Oberen sich nicht mehr an Verträge hielten, es die Unteren nicht mehr einsähen, dass sie sich daran halten sollten. Dass die Christlich Demokratische Union auf das Christliche schnöde pfeife und immer grauprogressiver, belangloser und verwechselbarer daherkomme. Dass Familien mit einem Normaleinkommen und mehreren Kindern heute in Deutschland an den Rand des Existenzminimums gerieten, dass es „bei ihnen am Ende des Monats null auf null“ aufgehe, und dass, wenn eine Waschmaschine kaputtgehe oder zwei Kinder gleichzeitig in ein Schullandheim fahren müssten und die Familie zwei-, dreihundert Euro dafür aufbringen müsse, es für sie der absolute Katastrophenfall sei. Dass man die „einfachen Leute“ nicht nur in der christlichen Partei, die einmal die Partei dieser Leute war, links liegen lasse. Dass die Wirtschaft zum menschenverachtenden Selbstzweck werde. Dass es in unserem Land eine neue Art von Armut gebe, nämlich „die Armut der Einsamkeit“. Dass Erziehung von Kindern harte Arbeit sei und auch als solche vergütet werden müsse. Dass eine am „C“ orientierte Politik das „Leben und die Würde des Menschen in jedem Lebensalter vor und nach der Geburt“ schützen müsse (und dies schon lange nicht mehr tue).

          „So ungefähr sagt das der Pfarrer auch“, könnte jetzt ein Kanzlerinnen-Gretchen einem Dr. Erwin Faustus schnippisch antworten. Wenn denn Erwin Teufel irgend etwas Faustisches an sich hätte, vom Mephistophelischen, das sein Nachname suggeriert, ganz zu schweigen. Es sagt dies alles aber nicht der Pfarrer. Auch nicht irgend ein Sonntagsredner gewerkschaftlicher oder klerikaler oder akademischer Provenienz. Es sagt dies Erwin Teufel. Ein Stehenbleiber.

          Die Verkörperung der Unveränderbarkeit

          Zwar hat er in seiner – segensreichen – Zeit als baden-württembergischer Ministerpräsident eine Verwaltungsreform durchgeboxt. Zwar hat er einen großen Energiekonzern (EnBW) geschaffen. Zwar hat er den Südwestfunk und den Süddeutschen Rundfunk zusammengelegt und in Mannheim eine Pop-Akademie gegründet. Zwar hat er ein „Haus der Geschichte“ geschaffen. Zwar hat er sich auch für das unsinnige Vorhaben starkgemacht, den Stuttgarter Bahnhof unter die Erde zu verlegen. Zwar hat er viel gemacht. Und verändert. Aber.

          Aber Erwin Teufel blieb bei allem Veränderten die Verkörperung der Unveränderbarkeit. Das war und ist sein großes politisches (und menschliches) Kunststück. Und das macht den bodenständigen Südalemannen zu einer ebenso belächelten wie faszinierenden und jetzt plötzlich so wirksamen Persönlichkeit. Das liegt an seinen Grundsätzen. Die er nicht nur behauptet. Die er lebt.

          In einem Interview hat er einmal bekannt, dass er das Leben nicht als einen sinnlosen Kreislauf empfinde, sondern als Bahn, „die auf ein Ziel ausgerichtet ist“. Bei seiner Verabschiedung vom Amt des Ministerpräsidenten meinte er, dass er seinen Rücktritt auch annehme „aus der Hand Gottes, denn er hat meinen Eingang bestimmt, und er bestimmt auch meinen Ausgang.“ So reden im politischen Geschäft normalerweise Heuchler oder Wahnsinnige. Erwin Teufel aber ist wohl der einzige Politiker, dem man den gläubigen Katholiken und die glaubensvolle Normalrede glaubt und abnimmt.

          Resonanz der Lebensgewissheit

          Der Spott der Grinser und karrieremachenden Stühlesäger vom Schlage eines Günther Oettinger, der jetzt in Brüssel den Energiekommissar mimt, war ihm gewiss. Darüber, dass Teufel jeden Sonntag nicht nur mit dem Gesangbuch, sondern dazu mit dem Liturgie-Buch (dem sogenannten „Schott“) zur Kirche geht; dass er nicht in der Ministerpräsidentenvilla auf der Stuttgarter Solitude residierte, sondern täglich von Spaichingen mit der Regionalbahn „ins G’schäft“ (zum Regieren) fuhr; dass er in seinem Regierungsbüro eine Dose Nivea als einzigen, sichtbaren Luxus sich leistete.

          Er scheint aber mit seiner klaren, aufrechten Haltung, seiner uneitlen, glaubensfesten Bescheidenheit, seinem entschiedenen Vertrauen ins Rechte, Gute und Billige eine Lebensgewissheit zu verkörpern, die mehr ist als nur ein Lebensgefühl. Und gerade deshalb auf Resonanz trifft. Es ist das Empfinden, dass, wer dauernd mit der Zeit geht, in und mit ihr verloren geht. Dass man nicht jeden neuen Unfug mitmachen muss. Dass es das gute Bewährte, Gerechte und Menschliche „au no duat“. Dass man Grundsätze nicht dem anpasst, was gerade gefällig ist. Dass man einfach stehen bleiben kann – und plötzlich auf dem fortschrittlichsten Platz steht.

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