Home
http://www.faz.net/-gqz-787id
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Erste Zeichnung der DNA wird versteigert Die Schrift des Lebens

Das Geburtsdokument der Molekularbiologie: Sechzig Jahre nach der Entdeckung wird die erste Zeichnung Francis Cricks von der DNA-Doppelhelix versteigert. Sie findet sich in einem Brief an seinen zwölfjährigen Sohn.

© Christie's Images LTD. 2013 Vergrößern Wissenschaftsgeschichte: Die Schrift des Lebens

„Mein lieber Michael, James Watson und ich haben wahrscheinlich eine der größten Entdeckungen gemacht. Wir haben ein Modell von der Struktur der Des-oxy-ribose-nuklein-säure (lies es sorgfältig) gebaut, abgekürzt D.N.A. genannt.“ Mit diesen Worten beginnt der Brief, den der englische Physiker und Biochemiker Francis Crick am 19. März 1953, fünf Wochen vor der wissenschaftlichen Veröffentlichung, an seinen Sohn Michael, einen Zwölfjährigen, geschrieben hat, und der in die Geschichte als dasjenige Dokument eingehen dürfte, in dem der Begriff „Code des Lebens“ geboren wurde. (Hier finden Sie eine Transkription des Briefs.)

Michael war damals im Internat untergebracht. Da er mit Grippe im Bett lag, hatte er genügend Zeit, dem Rat seines Vaters zu folgen und den Brief sorgfältig, immer und immer wieder, zu lesen. Er wollte verstehen, was sein Vater ihm Bahnbrechendes aus Cambridge mitzuteilen hatte. Die beiden hatten zu Hause immer wieder mit den Blechteilen aus dem Meccano-Stabilbaukasten Türme gebaut oder Kräne. Doch das Modell, das Francis Crick damals seinem Sohn auf sieben zahlreichen detailreichen Skizzen versehenen Seiten beschrieben hatte, muss auch das Vorstellungsvermögen eines mathematisch gewiss begabten Zwölfjährigen maßlos überfordert haben.

„Lies das sorgfältig“

Crick, immer noch sichtlich ergriffen von der „Schönheit“ ihres DNA-Modells, versuchte semantisch alles, um seinem Sohn die Bedeutung der Entdeckung vor Augen zu führen „Mit anderen Worten, wir haben den grundlegenden Kopiermechanismus gefunden, mit dem Leben aus Leben entsteht. Du kannst verstehen, dass wir sehr aufgeregt sind“, schrieb Crick zum Ende hin, und abermals: „Lies das sorgfältig, so dass du es verstehst. Wenn du nach Hause kommst, werden wir dir das Modell zeigen. Mit viel Liebe, Daddy“

Michael Crick; Francis Crick © AP Vergrößern Sohn Michael und sein Vater Francis Crick um 1943 in Northampton

Es ist der Schlusssatz eines Briefes, wie ihn bisher vermutlich kein zweiter Halbwüchsiger im Leben zugeschickt bekommen haben dürfte. Es war ein veritabler Heureka-Moment, der da aufgezeichnet wurde, der Moment, an dem die Sprache des Lebens sichtbar gemacht wurde. Bisher war nur einmal, in Cricks Biographie, aus dem Brief Michaels zitiert worden. An diesem Mittwoch nun wird der Brief des vor knapp neun Jahren an Darmkrebs verstorbenen Jahrhundertforschers auf Betreiben seiner Familie im Auktionshaus Christie’s in New York versteigert. Geschätzter Verkaufswert: bis zu drei Millionen Dollar. Damit könnte er die Summe von zwei Millionen Dollar übertreffen, die ein anonymer Käufer für jenen Brief geboten hatte, in dem Albert Einstein 1939 den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt vor den Gefahren einer deutschen Atombombe warnte.

Zum ersten Mal fällt hier das Wort „Code“

Die brutale Macht des Atomkerns und die Eleganz der „Schrift“ des Lebens, von der Crick in seinem Brief sprach, das waren ohne Zweifel die zwei großen Sternstunden der Naturwissenschaften im vergangenen Jahrhundert. Das letzte Puzzleteil am Modell ihrer DNA-Doppelhelix hatten Crick und Watson nach aufreibenden Wochen im Cavendish-Labor am Morgen des 28. Februar 1953 eingefügt. Noch am gleichen Abend feierten sie im Eagle Pub in Cambridge, wo Crick angeblich jeden Kneipengast habe wissen lassen: „Wir haben das Geheimnis des Lebens entdeckt.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Trauerspiel Suhrkamp

Von Sandra Kegel

Kultur geht nicht vor Recht: Nach der Entscheidung des Bundesgerichtshofs droht der Insolvenzplan des Traditionsverlags zu scheitern. Mehr 9 7