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Eröffnung des EZB-Neubaus : Das Frankfurter Kristallriff

  • -Aktualisiert am

Blick in die Eingeweide eines Hightech-Zyklopen: Der Neubau der Europäischen Zentralbank Bild: Helmut Fricke

Am Mittwoch wird der Neubau der Europäischen Zentralbank eröffnet. Angesichts der befürchteten Tumulte droht vergessen zu werden, was er für Architektur und Stadt bedeutet.

          Die Rebellen sind staatstragend geworden. Vor rund dreißig Jahren schleuderte die Architektengruppe Coop Himmelb(l)au glas-stählerne Hornissen in die walzerselige Dachlandschaft Wiens, provozierte mit stachligen Bars oder splitternden Exzentrikläden und beschoss die Architektenschaft mit Manifesten des Inhalts, dass aktuelle Architektur „brennen, stürzen“ müsse: „Wenn sie kalt ist, dann kalt wie ein Eisblock. Wenn sie heiß ist, dass so heiß wie ein Flammenflügel.“ Der Lohn: 1988 zählte das New Yorker MoMA, die Gralsburg der Gegenwartsarchitektur, Coop Himmelb(l)au in einer Ausstellung zu den Glorreichen sieben des internationalen „Dekonstruktivismus“, der überall die Liebedienerei der betulich gewordenen Postmoderne beiseitegefegt hatte.

          Wenn am morgigen Mittwoch in Frankfurt am Main der von Coop Himmelb(l)au entworfene Neubau der Europäischen Zentralbank eröffnet, wird diese Vorgeschichte allenfalls als Randarabeske auftauchen. Denn die Wahrnehmung des Gebäudes seitens der Bauherren, des Magistrats, der Öffentlichkeit, der Bedenkenträger, Demonstranten und Querulanten, die momentan durch den kaum verhohlenen Belagerungszustand des Frankfurter Ostends zusätzlich verschärft und eingeengt wird, begnügt sich mit Grobreizen. So wird denn der 185 Meter hohe, gletschertürkis schimmernde Katarakt am einstigen Frankfurter Osthafen mal als eisglatter Gefechtsstand des Kapitals im momentanen Schlachtengetümmel der Schuldenkrisen und mal als fesselnde Chiffre für die geradezu mythischen, ungreifbaren 1,4 Billionen Euro wahrgenommen, mit denen die EZB in den kommenden Jahren Europas Wirtschaft retten will.

          Sorgfältig und schillernd gestaltet

          Ein Jammer, dass die ideologischen und ökonomischen Kämpfe den Blick derart zuspitzen. Denn das österreichische Team von Coop Himmelb(l)au um Wolf D. Prix hat Architektur lange nicht mehr so sorgfältig und schillernd gestaltet wie hier am Frankfurter Mainufer. Rampen und Schrägen, Keile und Pisten lassen den Turm in Sekundenbruchteilen scheinbar die Gestalt wechseln - eine atemberaubende Chimäre, gerade deshalb unverwechselbar.

          Blick in den großen Konferenzsaal Bilderstrecke

          In der Fernwirkung überwiegt Archaisches in der Anmutung. Wie dieser Kristallkeil sich, die waagerechte Silhouette durchstoßend, in den Himmel stemmt, das lässt für Momente an die stilisierten Widderhörner Babylons, Ninives und Alt-Jerusalems denken, oder an die stilisierten monumentalen Stiergehörne des minoischen Kretas. Doch Coop Himmelb(l)au stocherte bei einer solchen Bauaufgabe nicht in mythischen Nebeln. Im Gegenteil, wer 2013 oder 2014 Gelegenheit hatte, schon den Rohbau zu besichtigen, der stellte fest, dass die Gruppe partiell zu ihren aggressiven dekonstruktivistischen Anfängen zurückgekehrt war: In den zentralen inneren Lichtschächten und Verbindungschluchten überkreuzten sich, noch unverhüllt, stählerne Träger und Trossen wie metallene Eingeweide eines Hightech-Zyklopen; ein atemberaubender Anblick, den distinkte Innenarchitektur und Edeldesign abgeschwächt haben.

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