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Erinnerungspolitik : Dummes Denkmal

Heiner Geißler will die Siegessäule sprengen, Münster den Schlossplatz zurückbenennen, Berlin hadert mit dem Namensgeber seines neuen Flughafens. Wie wäre es mit einer Neuausschreibung?

          Die Geschichte ist ein unerschöpflicher Quell moralischer Dividenden. Heiner Geißler beispielsweise möchte die Berliner Siegessäule - „Deutschlands dümmsten Denkmal“ - sprengen lassen. Anders gehe es nicht, ließ er in einem Fernsehinterview wissen, entweder verändern oder sprengen. Denn die Siegessäule, das hat sich Geißler jetzt einmal genau angeschaut, ist ein militaristisches Denkmal, Sedanstag und so weiter, in dessen goldenen Schmuck Kanonen verbaut wurden, mit Gewaltszenen auf den Reliefs. Das könne man doch heute nicht feiern, meinte Geißler. Tut zwar erstens niemand in Berlin, kann man aber zweitens doch, wie man im westfälischen Münster sehen kann. Dort wird gerade eines Siegers von Sedan wieder liebevoll gedacht. Im März hatte die Stadt ihren Hindenburgplatz in Schlossplatz umbenannt. Noch schöner wäre - im Schloss sitzen schon lange keine Preußen mehr, sondern Professoren -, kriegsgeschichtlich betrachtet, in Münster ja ein Thomas-Hobbes-Platz gewesen.

          Aber ihn kennt bei der Jungen Union, die als Erste eine Rückbenennung angeregt haben will, halt keiner. Mit Losungen wie „Hindenburg war kein Verbrecher“ und „Hindenburg hat Ostpreußen gerettet“ bewehrt, steht jetzt jedenfalls eine westpreußische Bürgerinitiative, die sich eigenem Bekunden zufolge vor allem an CDU-Mitglieder, Vertriebene und Bundeswehr-Reservisten wendet, kurz davor, ein Plebiszit zu erwirken. In der Stadt des Westfälischen Friedens liefe das natürlich auf ein schönes Bekenntnis zur Artillerie hinaus. Gegebenenfalls könnten die Berliner ja die Siegessäule nach Münster ausliefern, wo sie Deutschlands scharfsinnigste Bürgerinitiative bestimmt gern vor der Universität aufstellen würde.

          Noch probater ist als Lösung bei erinnerungspolitischem Dissens allerdings, was soeben über den neuen Berliner Großflughafen bekannt wurde. Dort soll, nach Informationen des „Spiegel“, der Betreibergesellschaft intern zugestanden worden sein, in fünfzehn Jahren den Namen „Willy Brandt“ wieder ändern und das Namensrecht am Flughafen zahlungskräftigen Unternehmen verkaufen zu dürfen. Das wäre doch ein friedliches Modell auch für alle deutschen Straßennamen. Man schriebe sie alle fünfzehn Jahre neu aus, und wenn die Jungunionisten und ihre Reserveartillerie brav zusammenlegen, können sie dann auch noch eine Ludendorffallee und eine Kapp-Passage dazukaufen. (Und jetzt schnell googeln, wer das war.)

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