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Mobys Erinnerungsbuch : Bei tiefster Ratlosigkeit hilft beten

  • -Aktualisiert am

Dabei ist er doch so ein netter Junge! Technomusiker Moby. Bild: AP

Moby ist nicht nur der Ururgroßneffe des Schriftstellers Herman Melville, er hat auch selbst ein Buch geschrieben. In „Porcelain“ berichtet er aus seinem Leben und einer unsichtbaren Epoche.

          Im Jahr 1976 sitzt ein zehnjähriger Junge allein im Auto auf einem Parkplatz in Connecticut. Er betrachtet seine Mutter, die nachts in einem Waschsalon arbeitet. Sie faltet Wäsche, raucht, weint. Dann hört er ein Lied im Radio, das ihn, den „Raumschiff Enterprise“-Fan, auf seltsame Weise mit der Zukunft versöhnt. Die Welt muss größer sein als das hier. Es gibt ein Entkommen, und es liegt irgendwo da draußen, im Äther. Das Lied hieß „Love Hangover“ von Donna Summer, und der zehnjährige Junge war Richard Melville Hall, den die Welt später als Techno-Musiker Moby kennenlernt.

          Moby ist der Ururgroßneffe des Schriftstellers Herman Melville und hat nun ebenfalls ein Buch geschrieben, seine Lebenserinnerungen aus den Jahren 1989 bis 1999. In „Porcelain“ geht es um ihn, den veganen Christen, der keinen Alkohol trinkt, tagsüber Bibelgruppen unterrichtet und nachts auf Sexpartys Platten auflegt. Es geht aber auch um eine Zeit, die online so gut wie nirgendwo zu finden ist. Fotos muss man suchen, kein Wunder, denn damals wäre es niemandem eingefallen, in einem Technoclub Selfies von sich zu machen, geschweige denn andere Gäste zu fotografieren. So liest sich „Porcelain“ auch wie ein Bericht aus einer unsichtbaren Epoche.

          Nur Chloe Sevigny spricht mit ihm

          Moby nimmt einen mit auf die Straßen des Meatpacking District, als dort im grauen New Yorker Morgenlicht noch Blut in den Pfützen schimmerte. Er schläft in heruntergekommenen Fabrikgebäuden ohne fließend Wasser, in denen man Nachtwächter monatlich mit fünfzig Dollar „Miete“ besticht und nichts zu essen hat. Er mixt Kassetten und träumt davon, auch mal ein Lied zu komponieren, das Tony Humphries im „Club Zanzibar“ fünfzehn Minuten lang spielen kann.

          Er beschreibt, wie Miles Davis einmal zufällig bei einem Soundcheck im Limelight vor seiner Bühne steht. Wie seine Ehemalige ihn zum Konzert ihres neuen Freundes mitnimmt, der Jeff Buckley heißt. Wie Chloe Sevigny auf einer Party die einzige Frau ist, die mit ihm spricht, weil sie aus demselben Vorort stammen. Er erzählt von Arbeitsgeräten wie Samplern oder wie er kleine Türme seiner Ausrüstung auf seinem alten Skateboard vom Club nach Hause schiebt, um Geld für ein Taxi zu sparen, was im Vergleich zu heute absurd wirkt, wo internationale DJs höchstens mit einem USB-Stick im Gepäck verreisen.

          Man fährt mit ihm durch das London der neunziger Jahre, als es dort noch pro Quadratkilometer einen illegalen Piratensender gab. Er wohnt in unbeheizten Bed&Breakfasts, hungert in Flugzeugen, weil keiner weiß, was „vegan“ bedeutet. Er ist verwirrt darüber, plötzlich neben Phil Collins bei „Top of the Pops“ zu stehen. An einer Stelle beschreibt er das Elementare der frühen Technobewegung: Ohne die Hilfe von Konzernen stellen Tausende von Menschen in den Städten der Welt neue Regeln auf – für ihre Art zu feiern, für das Erzeugen und Vertreiben einer neuen Art von Musik, für ihre Haltung und ihr Aussehen; sie schaffen Räume, gründen Magazine, Radiosender, Unternehmen.

          Ein junger Mann, der auf Gemüse steht

          Für viele endet die Unschuld der Techno-Bewegung, als die CDU den ersten Wagen auf der Berliner Love Parade mitfahren ließ. Für Moby endet sie, als er Mitte der Neunziger in einem seiner Lieblingsclubs, dem „NASA“, auflegen wollte und feststellte, dass sich niemand mehr für Freundlichkeit interessiert. Die Leute wollten Düsternis, sie wollten Breakbeats, je gebrochener, umso besser. Er fängt an zu trinken, macht Punkmusik, bleibt ratlos.

          In dieser Zeit eilt ihm auch ein Ruf voraus: „Der ist schwierig, streng vegan, ein extremer Christ, der zertrümmert auf der Bühne seine Synthesizer.“ In Wahrheit ist er ein sehr höflicher junger Mann, der auf Gemüse und die Simpsons steht, von Gott nicht spricht und darüber hinaus gern auf seinen Instrumenten herumhopst. Er hat ein Interesse an Menschen, als wäre die Welt ein besonders seltsamer Ort. Small Talk gibt es nicht, und wenn doch, ist er komisch. Von außen wirkte er damals ein bisschen wie der Woody Allen des Techno. Wenn man nun rückblickend seine Memoiren liest, findet man Hinweise überall: Ängste, Neurosen, der Hang zur Genauigkeit, der unbedingte Wunsch, Widersprüche verstehen zu wollen, sich an Kleinigkeiten zu reiben – da schreibt ein Außenseiter, der in Momenten tiefster Ratlosigkeit betet. Faxe und Schallplatten unterschrieb er damals oft mit einer kleinen Figur mit großer Nase, noch größeren Augen und einem länglichen Hund. Die Figur malt er heute noch, nur mit Fühlern auf dem Kopf.

          „Porcelain“ ist ein Buch über das Träumen und Scheitern, über Einsamkeit. Es erzählt vom Zauber einer der letzten großen Jugendbewegungen und wie sie düsterer, härter, anstrengender, weniger glücklich wurde – und der Autor mit ihr. Am Ende fährt Moby im Auto mit einem bewusstlosen Pornofilmregisseur auf der Rückbank in seine Vergangenheit und hört „Play“, das Album, das dazu beitragen wird, dass sich seine Platten bis heute mehr als zwanzig Millionen Mal verkauften. Wer die elektronische Musik dieser Epoche versäumt hat, kann sich die Doppel-CD „Music for Porcelain“ anhören. Auf der A-Seite befinden sich Songs von Moby, auch der erste Hit „Go“, der auf Angelo Badalamentis Musik für „Twin Peaks“ basiert. Auf der B-Seite sind Titel zu finden, die im Buch erwähnt werden: HipHop von Big Daddy Kane, Run DMC, A Tribe Called Quest, Techno, Dancehall oder altbekannte House-Hymnen wie „Definition of a Track“ von Precious oder Love-Parade-Hits wie „Plastic Dreams“ von Jaydee.

          Quelle: F.A.Z.

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