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Erinnerung an Claude Lévi-Strauss Mythen erschließen die Wahrheit unserer Welt

04.11.2009 ·  Kurz vor seinem 101. Geburtstag ist Claude Lévi-Strauss gestorben. Er war einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts - und spätestens seit dem Tod von Sartre der einflussreichste französische Intellektuelle. Er starb am vergangenen Samstag, die Familie hat die Nachricht erst am Dienstagabend verbreitet.

Von Jürg Altwegg
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„Montaigne hat gesagt, dass das Alter den Menschen jeden Tag ein bisschen mehr reduziert und der Tod nur noch ein Viertel oder die Hälfte eines Menschen dahinrafft. Montaigne starb mit 59 Jahren und konnte sich zweifellos keine Vorstellung machen vom extremen Alter, in dem ich mich heute befinde. In diesem hohen Alter, das ich nicht zu erreichen dachte und das eine der merkwürdigsten Überraschungen darstellt, habe ich das Gefühl, ein zerstörtes Hologramm zu sein.“ Claude Lévi-Strauss war damals gerade neunzig Jahre alt geworden, als er diese Worte sprach.

Im Collège de France hatte er seine Freunde versammelt, die ihm eine Sondernummer von „Critique“ überreichten. Lévi-Strauss war spätestens seit dem Tod von Jean-Paul Sartre der einflussreichste französische Intellektuelle. Seine letzten Jahre waren nicht einfach. Im vergangenen Jahr konnte er seinen hundertsten Geburtstag feiern und wurde als großer Denker des zwanzigsten Jahrhunderts gewürdigt (siehe: Ein Zivilist in der Fremde: zum 100. Geburtstag von Claude Lévi-Strauss). Es befasste sich weit über die Ethnologie hinaus auch aus philosophischer Sicht mit den Mythen und Strukturen unserer Existenz. In ihr hat er grundsätzliche Systeme ausgemacht, die er freilegte und beschrieb - als Denk- und Verhaltensmuster, in der Sprache und überall in der Welt.

Ethnologische Erkundungen gehen mit Verlust einer Welt einher

Nach dem Studium in Paris war Claude Lévi-Strauss in den dreißiger Jahren Professor in Brasilien. Von dieser Zeit handelt sein berühmtes Buch „Tristes Tropiques (Traurige Tropen)“, das mit einem noch berühmteren Satz beginnt: „Ich hasse das Reisen“ - das Reisen und die Forscher. Er wusste, dass die ethnologischen Erkundungen auch mit dem Verlust einer Welt einhergehen. Seine Bücher, die auch in literarischer Hinsicht überleben werden, handeln von den „Elementaren Strukturen der Verwandtschaft“.

Zu seinem Hauptwerk gehören vier Bände „Mythologiques“ und die Schrift „Das wilde Denken“ über den Totemismus: „Die Mythen sagen nichts aus, was uns über die Ordnung der Welt, die Natur des Realen, den Ursprung des Menschen oder seine Bestimmung belehrt. Wir können von ihnen keine metaphysische Verbindlichkeit erwarten; sie werden entkräfteten Ideologien nicht beispringen. Hingegen lehren uns die Mythen viel über die Gesellschaften, denen sie entstammen, sie helfen uns, die inneren Triebfedern ihres Funktionierens aufzudecken, erhellen den Daseinsgrund von Glaubensvorstellungen, Sitten und Institutionen, deren Anordnungen auf den ersten Blick unverständlich schienen. Schließlich und vor allem ermöglichen sie es, einige Operationsweisen des menschlichen Geistes zutage zu fördern, die im Laufe der Jahrhunderte konstant und über ungeheure Räume hinweg so allgemein verbreitet sind, dass man sie für grundlegend halten und versuchen darf, sie in anderen Gesellschaften und anderen Bereichen des geistigen Lebens wieder zu finden, wo man sie nicht vermutete, und deren Natur sie dadurch erhellen.“

Sein Werk wird überleben und das Verständnis der Welt weiterbringen

Als mythische Gesellschaft verstand Claude Lévi-Strauss durchaus auch die aufgeklärte Gegenwart, die ihm in vielem fremder war als frühere Jahrhunderte. So weit wie möglich entzog er sich ihren Zwängen und Ehrungen. An irgendeinen Fortschritt glaubte er nicht, auch nicht an ein Jenseits.

Er ist auf eine Stufe mit Freud und anderen großen Denkern, die ein System entwickelt oder entschlüsselt haben, gestellt worden. Sein Werk wird überleben und das Verständnis der Welt weiterbringen. Doch in der Stunde seines Todes kurz vor seinem 101. Geburtstag, den er Ende des Monats hätte feiern können, geht es nicht nur um das Würdigen eines überwältigenden Werks. Sondern schlicht um Trauer. So groß wie seine Bedeutung war seine persönliche Bescheidenheit. Und jedes Interview mit ihm eine Sternstunde - eine Lektion in menschlicher Weisheit.

„Ich weiß genau“, hatte er damals zu den Zuhörern im Collège de France gesagt, „dass das reale Ich weiter schrumpfen wird bis zu seiner endgültigen Auflösung. Aber ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mir die Hand gereicht und damit für einen Moment das Gefühl vermittelt haben, es sei nicht so.“

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