22.12.2007 · Hape Kerkeling wird das zweite Weihnachten in Folge an der Spitze der Bestsellerliste erleben. Der Boom spiritueller Bücher ist keine Mode: Eine Gesellschaft, die immer älter wird, hat immer mehr Zeit für die letzten Fragen.
Von Frank SchirrmacherDas bisherige Credo der Moderne steht in einem berühmten Brief von Charles Darwin: „Ich kann mich nicht davon überzeugen, dass ein gütiger, allmächtiger Gott planvoll die Ichneumonidae erschaffen hat, wobei seine Absicht ausdrücklich darin bestand, dass sie sich durch den Körper lebender Raupen fressen.“ Das neue Credo ist auf dem Buchmarkt zu besichtigen und lautet: „Ich kann mich nicht davon überzeugen, dass ich geschaffen wurde, nur um der zu sein, der ich auf Erden bisher gewesen bin.“
Es rührt das kälteste Herz, wie eine sinnsuchende Öffentlichkeit sich hinter Hape Kerkeling schart, den dreiundvierzigjährigen Major Vorwärts der neuen Spiritualität. Kerkelings Buch wird das meistverschenkte, meistverkaufte Buch der Weihnacht 2007 sein, nachdem es bereits das meistverkaufte Buch der Weihnacht 2006 war. Und bleibt es wohl. Auf Rang 2 kommt schon „Gott - Eine kleine Geschichte des Größten“, dann der mystisch-skurrile Weltbestseller „The Secret - Das Geheimnis“, aus Amerika mischt „The Spiritual Warrior“ mit und um alles herum eine weniger verkaufslaute, aber tiefreligiöse oder spirituelle Literatur, von den Schriften des Papstes bis zu Robert Spaemanns „Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne“.
Was geschieht hier irdisch?
Ehe man wieder zu Talkshowsendungen einlädt, in denen Frau Ditfurth, Herr Lanz und Herr Holbe Gottesbeweise erörtern, sollte man fragen, was hier irdisch geschieht, was dieser neu entstehende Markt profan beweist. Wie immer nämlich die individuellen Motive dieser neuen religiösen oder quasi-religiösen Sinnsuche beschaffen sein mögen, sie sind selber ein „Quod erat demonstrandum“, ein endlich erbrachter Beweis, der etwa Ernst-Jünger-Leser der achtziger Jahre nicht überraschen kann: eine Evidenz für Interessens- und Bedeutungsverschiebungen einer sich demographisch neu formierenden Gesellschaft.
Eine Gesellschaft, deren Durchschnittsalter permanent in niemals gekannte Größen steigt, ist eine Gesellschaft, in der sich die rein quantitativ meinungsbildende Mehrheit des Landes langsam, aber sicher mit den vorletzten und bald auch letzten Dingen befasst. Das Kollektiv erlebt die Sinnkrise durch das Altern der eigenen Eltern, die ihre Kinder lebensgeschichtlich länger begleiten als je zuvor. Nicht nur die ökonomischen, sondern auch die ethischen Fragen, die wir gesellschaftlich im Augenblick behandeln - von der Rente bis zur Patientenverfügung - haben ihren Antrieb darin, dass ein statistisch unverhältnismäßig stark wachsender Teil der Gesellschaft mit ihnen konfrontiert wird.
Das große Vergessen
Das verändert die Mentalität, die Psychologie, das Seelenleben der Gesellschaft auf eine Weise, die dem Bewohner des jungen Westens der frühen siebziger Jahren unvorstellber schien. Hier eine kurze Aufstellung der Titel des „Stern“ in den letzten Monaten, jener Illustrierten, die früher die junge Republik mit sexuellen Reports bediente: „Das Verschwinden der Kindheit“, „Warum es keinen Gott gibt“, „Warnsignale des Körpers“, „Wer pflegt uns, wenn wir alt sind?“, „Besser sehen“, „Die 68er“, „Was im Leben wirklich zählt“, „Das große Vergessen. Wie Demenz das Hirn schädigt“, „Einsamkeit - Wenn dem Ich das Du fehlt“, „Die Entstehung der Bibel“.
Das alles sind die Grillen alternder Gesellschaften, die älter werden, aber das wirkliche Alter noch an den Eltern ablesen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das vor-religiöse Interesse in ein Beben übergehen wird. Der aufgeschobene Tod tritt irgendwann ein. Vor dreißig Jahren, als die letzte große Morgendlandfahrt einer sinnsuchenden Gesellschaft unter Hesse-Castaneda-Salinger-Fromm ihren demographischen Höhepunkt erreichte, betrug der Anteil der Vierzig- bis Siebzigjährigen in Deutschland 34,6 Prozent. Jetzt sind es bereits 42,8 Prozent. Es geht weiter, die Uhren der Gesellschaft laufen subjektiv immer schneller. Denn der schnellstwachsende Teil der Gesellschaft wird bis in die Mitte des Jahrhunderts die Gruppe der Siebzigjährigen sein. Möge jeder sich ausmalen, wie die „Stern“-Titel des Jahres 2020 aussehen oder wie die seelische Infrastruktur eines Landes beschaffen sein wird, in dem ein Drittel der Bewohner - so viel werden nämlich die mehr als Sechzigjährigen ausmachen - plötzlich mit der Lebenserwartung des Mittelalters in einer modernen Gesellschaft leben.
Angekommen in der Alltagskultur
Dass alle Künstler, wie Gottfried Benn schrieb, „nur die eine innere Aufgabe empfunden haben, ihren Nihilismus schöpferisch zu überdecken“, war die Lehrmeinung noch bis in die neunziger Jahre. Was jetzt auf dem trivialen Sektor des Erfolgswirrwarrs namens „Secrets“ angekommen ist, wurde freilich längst vom Jünger der „Strahlungen“ hochkonzentriert, dann vor allem von Botho Strauss emphatisch vorbereitet. Jetzt erreicht es die Alltagskultur.
Wir erleben den ersten Akt - aber beileibe keinen düsteren. Denn die Menschen, die ihren letzten Kontakt mit dem Anders-Sein vor vierzig oder dreißig Jahren mit der „Kunst des Liebens“ und dem „Siddharta“ machten, tauchen nur nach Jahrzehnten des Desinteresses auf dem Jakobsweg wieder auf. Sie fragen, wie in einer Novelle des neunzehnten Jahrhunderts: Was haben wir angebetet, all die Zeit? Manche wirken leicht desorientiert, wie ausgesetzt, andere mit Stab und Stecken und munterer Rentnergruppe frisch vorneweg. Und dann, wie die Erzählstimme in einem Film, mischt sich in das fidele Wandern - auch das ein Symptom, auch das ein Bestseller - die Stimme des früheren anglikanischen Bischofs von Edinburgh, der schreibt: „Ich wurde Priester, dann Bischof, dann Primas. Heute, vierzig Jahre später und nach vielen Konflikten, ist es vorüber. Was bleibt, ist der angeborene Drang, immer wieder die nicht zu beantwortende Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen.“
Die Zaubereien der Kindheit
Der Papst hat die alte lateinische Messe wieder zum Muster erhoben. Die moderne liturgische Bewegung hatte das Magische aus der Kirche vertrieben. Jetzt erlebt die Generation der Katholiken, die aus der Arbeitswelt ausscheidet, dass die Zaubereien ihrer Kindheit zurückkehren. Das Versprechen, in einer Kirche der Besprechungstische und Gitarrenlieder werde sich die Spiritualität in formloser Kommunikation verbreiten, war trügerisch.
Wir erleben keine Mode. Und auch kein Aussteigertum. Dazu ist die materielle, demographisch induzierte Grundlage dieses Vorgangs zu massiv. Wir erleben vermutlich eine neue Phase. Es gibt Phasen, die werden von vielen jungen Menschen geprägt, und es waren historisch die meisten, vor allem aber die der sechziger bis achtziger Jahre. Sie eroberten asiatische und südamerikanische Provinzen der Phantasie, da ging es um „Inhalte“, um „Ausstrahlung“ und „Verwirklichung“ und Erfahrung - künftig geht es um Form, und sei es die Form der Pilgerreise.
Michel Houllebecq hat die Auseinandersetzung, die uns nun bevorsteht, in den „Elementarteilchen“ vorhergesagt: „Diese idiotischen Hippies“, sagt Michel, „sind immer noch davon überzeugt, dass die Religion eine individuelle Angelegenheit ist, die auf Meditation, spiritueller Suche usw. basiert. Sie können einfach nicht begreifen, dass sie ganz im Gegenteil eine rein soziale Tätigkeit ist, die auf der Festlegung von Riten, Regeln und Zeremonien basiert.“ Goa ist nah. Die Räume, um die es künftig in den Büchern und Filmen gehen wird, sind nicht alle von dieser Welt.