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Erdzeitalter : Kommt das Anthropozän?

Schon lange hinterlässt der Mensch seine Spuren auf der Erde. Aber um ein neues Zeitalter einzuläuten, müssen handfeste Befunde nachweisbar sein. Bild: dpa

Seit Aufkommen der Menschheit sedimentiert die Erde anders, nämlich schneller und mit Plastikteilchen. Bedeutet das, dass wir in ein neues Zeitalter eintreten? Einige Wissenschaftler sprechen sich dafür aus.

          Der Mensch erschien nicht im Holozän. Da lag Max Frisch knapp daneben. Unsere Gattung tauchte im Pliozän auf, zwei Epochen früher in der Erdneuzeit (Känozoikum). Obwohl Frisch doch insoweit richtig lag, als die Gattung Homo sapiens im Holozän, also seit dem Ende der jüngsten Eiszeit vor etwa 11 650 Jahren, erst richtig damit begann, sich die Erde untertan zu machen. Mit so weitreichenden Folgen für den Planeten, dass seit einigen Jahren schon heftig darüber debattiert wird, ob nicht auch eine neue erdzeitliche Epoche unseren Namen tragen müsste: das Anthropozän.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Ginge es nach der Häufigkeit, mit der das Anthropozän mittlerweile in Büchern, Zeitschriften oder Ausstellungskatalogen auftaucht, könnte man meinen, es sei schon längst etabliert. Aber so einfach ist ein neues Erdzeitalter nicht ausgerufen. Die Hoheitsrechte liegen bei der International Union of Geological Sciences (IUGS), welche für die erdgeschichtliche Periodisierung eine International Commission on Stratigraphy (ICS) unterhält, die ihrerseits eine Subcommission on Quaternary Stratigraphy (SQS) eingerichtet hat – das Quartär umfasst seit einer Entscheidung von 2009 die beiden jüngsten Epochen der Erdneuzeit, Pleistozän und Holozän –, welche wiederum eine Arbeitsgruppe bestellt hat, die sich den Vorschlägen widmet, einer neuen Epoche des Anthropozäns den offiziellen geologischen Segen zu geben. So solide prozediert die Wissenschaft.

          Man braucht nachweisbare sedimentäre Befunde

          Die 2009 ins Leben gerufene, fünfunddreißig Wissenschaftler umfassende Arbeitsgruppe Anthropozän hat nun einen Bericht vorgelegt, der ein Schritt in Richtung der offiziellen Absegnung sein könnte. Zumindest hat sie sich fast einstimmig darauf festgelegt, dass der vor mittlerweile sechzehn Jahren von Paul Crutzen and Eugene Stoermer – Atmosphärenchemiker der eine, Biologe der andere – aufgebrachte Terminus eine geologische Realität bezeichnet. Genau darauf aber kommt es an: Für die Etablierung einer neuen erdzeitlichen Epoche reicht die Einsicht nicht, dass der Mensch offensichtlich zu einem prägenden Faktor der Biosphäre geworden ist. Dieser prägende Einfluss muss sich durch eindeutig nachweisbare sedimentäre Befunde ausweisen lassen. Welche Befunde man dazu heranzieht, entscheidet darüber, wann das ins Auge gefasste Zeitalter begonnen haben soll.

          Zündung der ersten Atombombe in der Wüste von New Mexico am 16. Juli 1945: Beginnt hier ein neues Erdzeitalter?
          Zündung der ersten Atombombe in der Wüste von New Mexico am 16. Juli 1945: Beginnt hier ein neues Erdzeitalter? : Bild: dpa

          Einig wurde sich die Arbeitsgruppe darüber, worin sich die planetarische Gestaltungsmacht unserer Gattung in stratigraphisch fassbarer Form niederschlägt: Beschleunigung von Erosions- und Sedimentierungsprozessen; Verbreitung von Plastik, Aluminium, künstlichen Radionukleiden und Flugasche; großräumige Perturbationen der Kreisläufe von Kohlenstoff, Stickstoff, Phosphor und anderen Elementen; Klimaveränderung mit Auswirkungen auf den Meeresspiegel; Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten. Aber bemerkenswerter noch ist, dass die Wissenschaftler eine Empfehlung abgaben, wo die Zäsur zwischen dem Holozän und der jüngsten erdgeschichtlichen Epoche liegen soll, nämlich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts.

          Damit scheinen nun eine Reihe von anderen Vorschlägen aus dem Spiel. Sie reichten von der jungsteinzeitlichen Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht (Befund: Methangehalt der Atmosphäre) über das Jahr 1610 (Befund: tiefste globale CO2-Werte wegen des Zusammenbruchs der Landwirtschaft in der Neuen Welt durch den drastischen Bevölkerungsrückgang der Ureinwohner infolge der beginnenden Kolonisierung) bis zur europäischen Industrialisierung, die Paul Crutzen ursprünglich im Sinn hatte (Befund: Beginn des Anstiegs der CO2-Werte durch fossile Energieträger).

          Der Weg durch die Instanzen ist noch lang

          Man erkennt an diesen Vorschlägen, dass sich auch politische Akzentsetzungen mit ihnen verknüpfen lassen. Selbst wenn die Arbeitsgruppe es nun vermeidet, für das von ihr erwogene Jahr 1945 explizit den Atombombenabwurf – als Beginn der Produktion radioaktiven Fallouts bis zum Teststoppabkommen von 1963 – anzuführen. Für den Beginn mit der „Großen Beschleunigung“, als eine Reihe von Kenngrößen in exponentielles Wachstum überging – von der Erdölförderung bis zur Kunstdüngerproduktion –, sprächen aber sowohl die globale Synchronizität dieser Entwicklungen wie das Vorliegen von eindeutigen Zeugnissen in jüngsten geologischen Ablagerungen.

          Allerdings muss die Zäsur gar nicht durch ein Kalenderjahr markiert werden. Handfester wäre ohnehin, was die Geologen „Global Boundary Stratotype Section Point“ (GSSP) getauft haben: ein konkreter Ort mit seinen Ablagerungen, der als Referenz für die Festlegung der Zäsur gilt. Nach geeigneten GSSPs soll deshalb Ausschau gehalten werden, im politisch präferierten Jahr 1945 wird man da allerdings nicht landen.

          Ob die Arbeitsgruppe dafür eine Unterarbeitsgruppe einrichten wird? Der Weg durch die Instanzen, bis zur offiziellen Ausrufung, ist jedenfalls noch lang für das Anthropozän. Doch dafür, dass es erst 2002 offiziell als Vorschlag eingereicht wurde, darf seine Karriere schon jetzt als sehr beachtlich gelten.

          Quelle: F.A.Z.

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