08.10.2008 · Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan kehrt immer wieder nach Kasimpasa zurück - in das Viertel seiner Kindheit. Eigentlich hätte Kasimpasa in einer Krise versinken müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Der Wandel, der sich dort vollzogen hat, steht für den Wandel der ganzen Türkei.
Von Rainer Hermann, IstanbulGegenüber wohnt Hasan. Er repariert Autos, die aus der Zeit stammen, als der Gast von heute noch ein Kind war und auf dieser Straße Fußball kickte. Wie immer, wenn der Gast zu Besuch ist, drängen sich die Zuschauer auf den Balkonen und vor dem Haus, in dem der Fußballklub „Erokspor“ sein Büro hat. Ein Jugendlicher drischt auf eine Trommel ein und singt, kleine Mädchen tragen ihre besten Kleider - es herrscht Volksfeststimmung. Dabei warten sie bloß auf einen der ihren, auf den Ministerpräsidenten der Türkei, der hier in Kasimpasa aufgewachsen ist. Immer wieder kehrt er in das graue Hafenviertel zurück.
„Keiner von uns redet ihn mit ,Herr Ministerpräsident' an“, sagt der junge Automechaniker Hasan. „Für jeden ist er der ,Abi', der Bruder Tayyip, zu dem man aufschaut und der uns motiviert.“ In der Yay-Gasse stand Erdogans Elternhaus. Hier kickte er, und in den Pausen betete er in der Sinan-Pascha-Moschee. Sie steht noch immer. Dort, wo die Gasse in eine Straße mündet, liegt hinter einer hohen Mauer und unter hohen Pappeln der Friedhof verborgen. Jeden zweiten Monat kommt Tayyip Erdogan hierher, um am Grab seines Vaters zu beten. Dann betet er auch wieder in der Moschee und besucht die Freunde von damals, die noch heute seine Freunde sind.
Erdogan verleugnet seine Herkunft nicht
Jetzt gerade ist er im Büro von „Erokspor“, seinem alten Fußballverein. Die Tür geht auf, und Jubel bricht unter den Zuschauern aus. Der lässig gekleidete Erdogan steuert direkt in die Wartenden hinein. Kleine Mädchen wollen ihm ihre Puppen schenken, Erwachsene tragen ihm Bitten vor. Seinen Leibwächtern steht der Schweiß auf der Stirn. „Das ist Politik, wenn einer wie er die Nähe zu uns einfachen Menschen sucht“, ruft ein Straßenhändler begeistert. Tayyip Erdogan verleugnet seine Herkunft nicht. Auf dem Pflaster und in der Luft von Kasimpasa ist er groß geworden.
Viel hat sich seitdem hier verändert. Als die „Republikanische Volkspartei“ (CHP), die Partei der alten Elite, noch das Viertel regierte, habe es kein fließendes Wasser gegeben, und nie sei die Müllabfuhr gekommen, klagt der siebzig Jahre alte Mehmet Kaya. Heute sind die Straßen sauber und geteert, das Viertel ist an Strom angeschlossen und niemand muss mehr Wasser herbeischleppen. Neu, das heißt aus den achtziger Jahren, sind auch die Häuser: Statt der flachen anatolischen Quader wurden vier oder fünf Stockwerke hohe Gebäude errichtet. Die Wände sind mit kleinen, billigen Fayencen verkleidet, wie sie damals für die Moderne standen. Sie wirken wie Relikte aus einer ärmlichen Vergangenheit.
Niemand zieht fort - obwohl sie könnten
Kasimpasa ist kein vornehmer Stadtteil. Die Reichen und Schönen wohnen auf der anderen Seite des Tals, das ein ausgetrockneter Bach einst geschaffen hat, als er sich zum Goldenen Horn hinunterschlängelte. Dort drüben, zwischen dem Galaturm und dem Taksimplatz, dem historischen Pera, pulsiert das schöne Leben. Pera ist intellektuell und das kulturelle Zentrum Istanbuls, Kasimpasa dagegen ist konservativ und ein Viertel der einfachen Leute. In Pera errang die kemalistische Staatspartei CHP die meisten Stimmen, in Kasimpasa die AKP von Ministerpräsident Erdogan.
„In den achtziger Jahren setzte in Kasimpasa die Entwicklung ein, in den neunziger Jahren gewann sie an Schwung“, sagt Suayip Korkmaz von der Stadtverwaltung Beyoglus, dem Stadtteil, zu dem Kasimpasa und Pera gehören. Früher wohnten in Kasimpasa vor allem arme Tagelöhner und Zugezogene aus Anatolien, die Dienstboten der Reichen. Inzwischen haben es einige von ihnen zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Auch diejenigen, die sich jetzt eine Wohnung in einem der teuren Viertel leisten könnten, ziehen meistens nicht aus Kasimpasa fort.
Eigentlich hätte Kasimpasa in der Krise versinken müssen
„Früher blickten wir nach Pera hoch, heute blicken wir auf uns selbst“, sagt Korkmaz. Die Veränderungen seien vor allem Tayyip Erdogan und Kadir Topbas zu verdanken, die beide aus dem Viertel stammen. Topbas ist heute der Oberbürgermeister von Istanbul, Erdogan bekleidete das Amt in den Jahren 1994 bis 1998. Heute regiert er die ganze Türkei. „Erdogan zeigt den Menschen, dass man es zu etwas bringen kann, wenn man hart arbeitet“, sagt Korkmaz.
Der Wandel, der sich in Kasimpasa vollzogen hat, steht für den Wandel in der ganzen Türkei. Lange lebten die Bewohner von Kasimpasa am unteren Ende der sozialen Skala. Immer hatte der Ort den Mächtigen zugeliefert. Als Sultan Süleyman der Prächtige General Kasim Pascha im sechzehnten Jahrhundert damit beauftragte, das Tal zu erschließen, wurden die Auen zunächst landwirtschaftlich genutzt. Spätere Generationen bauten eine Pulverfabrik und eine Patronenfabrik auf. Ein Netz von engen, steil ansteigenden Gassen entstand, das sich bis heute durch das ganze Viertel zieht. Als die kleine Werft, die am Goldenen Horn Schiffe für die Marine baute, in den neunziger Jahren in den Osten Istanbuls verlegt wurde, hätte Kasimpasa eigentlich in einer Krise versinken müssen. Doch die Menschen suchten sich neue Anstellungen und arbeiteten sich immer weiter aus der sozialen Niederung hervor.
Wandel der Zeit: Nicht islamischer, sondern moderner
Die Infrastruktur des Viertels wurde runderneuert. „Einen großen Anteil daran hat Erdogans AKP“, sagt Fahrettin Ergöksen. „Weshalb haben die anderen Parteien sich nie um Kasimpasa gekümmert?“ Wir sitzen auf dem Platz des Roten Halbmonds, dem „Kizilay Meydani“, der seinen Namen einem kleinen Krankenhaus verdankt. Früher sei rund um den Platz der Verkehr gebrandet und alles war verdreckt, erzählt Ergöksen. Heute wird er von einer hübschen Fußgängerzone gesäumt. Bänke, Teehäuser und Eisdielen laden die Menschen zum Verweilen ein. Kinder spielen Fußball, Frauen flanieren Hand in Hand mit ihren Männern. Gut die Hälfte der Frauen tragen ein Kopftuch, vor allem die Jüngeren verschleiern sich aber nicht.
Fahrettin Ergöksen, dessen Frau ihr Haar ebenfalls unverschleiert trägt, schüttelt energisch den Kopf. Nein, einen gesellschaftlichen Druck zur Islamisierung könne er in Kasimpasa nicht erkennen. „Schauen Sie“, sagt er und deutet auf ein Haus auf der anderen Seite des Platzes. „Da drüben führt mein Cousin seit Jahren eine Kneipe.“ Zu keinem Zeitpunkt sei auf den Cousin Druck ausgeübt worden, keinen Alkohol mehr auszuschenken. Kasimpasa sei in der Ära der AKP nicht islamischer geworden, sondern moderner.
Kultur - auch in einfacheren Stadtvierteln
Ergöksen ist vier Jahre älter als Erdogan und ebenfalls in dem Viertel geboren. Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit und haben zusammen Fußball gespielt. Früher hat Fahrettin Ergöksen für die städtische Wasserbehörde gearbeitet und damals oft monatelang keinen Lohn erhalten. Sobald Erdogan Bürgermeister wurde, kam das Geld immer pünktlich.
Sympathien gewinnt die AKP vor allem durch ihre Bürgernähe. Dazu gehört, den einfachen Menschen öffentliche Räume wie den „Kizilay Meydani“ zu schaffen. Die Partei setzt sich damit von den Islamisten ab, die das Leben in die Privatheit abdrängen wollen. Früher hat es in Istanbul nur in reicheren Vierteln wie Pera Kulturzentren und Theater gegeben. Natürlich konnte jeder dorthin gehen, doch die Menschen aus Kasimpasa hätten sich nicht getraut, sagt der Städteplaner Korkmaz - der Kulturbegriff war zu elitär. Erst Erdogan hat in seiner Zeit als Oberbürgermeister damit begonnen, das Kulturangebot der Stadt zu dezentralisieren. Seitdem gibt es auch in einfacheren Stadtvierteln Theater und Büchereien.
Die kemalistische Elite rümpft die Nase
Für ein Kulturzentrum fehlt in Kasimpasa der Platz, dafür gibt es dort jetzt eine Bibliothek. Vor allem Kinder und Jugendlich treffen sich dort, jeden Tag zählt man tausend Besucher. In den Lesesälen finden sie Grundlagenwerke zu Zeitgeschichte und Informatik, Psychologie und Weltliteratur und viele andere Bücher mehr. Die Bibliothek ist an sieben Tagen der Woche den ganzen Tag geöffnet.
Zu öffentlichen Plätzen gehören Grünflächen, und wieder waren es Erdogan und seine Nachfolger, die in Kasimpasa die ersten angelegt haben. So auch am Ufer des Goldenen Horns, wo ein Denkmal an den Seefahrer Hasan Cezairli erinnert. Tagsüber spielen Kinder Fußball vor dem Sockel, abends flanieren Familien auf den Rasenflächen oder essen in dem neu eingerichteten städtischen Restaurant. Die kemalistische Elite rümpft über das Lokal die Nase, weil es dort keinen Alkohol gibt. Nach den Plänen der Stadtverwaltung soll demnächst die leerstehende Werfthalle in ein Museum und ein Kulturzentrum umgewandelt werden.
Besonders stolz aber sind die Bewohner von Kasimpasa auf das städtische Schwimmbad mit dem Fünfundzwanzig-Meter-Becken, das in dem Viertel gebaut wurde. „Die Reichen haben ihre privaten Schwimmklubs, in die sie gehen“, sagt Salih Dogan, der Bademeister. Bis fünf Uhr nachmittags ist der Besuch kostenlos; jeden Tag kommen über vierhundert Besucher: Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer. Erdogan hatte in seiner Zeit als Oberbürgermeister den Bau von städtischen Bädern angestoßen, zehn wurden inzwischen realisiert. „Die früheren Regierungen haben sich doch nie um uns gekümmert“, sagt Salih Dogan. Dass sich das geändert hat, erzählt der Wandel von Kasimpasa.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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