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Erdogan Der Stammesfürst der Türken

31.01.2009 ·  Tayyip Erdogans frühzeitiges Verlassen des Podiums in Davos war Theaterdonner. Wohlkalkuliert, um den Menschen in der Türkei zu gefallen. Dass der Antisemitismus auch dort verbreitet ist, ist ein Tabuthema im Land.

Von Karen Krüger
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Dass man sogar einen Ministerpräsidenten nicht immer ausreden lässt, weiß man auch in der Türkei. Tayyip Erdogans frühzeitiges Verlassen des Podiums in Davos, weil ihm der Moderator nicht genauso viel Redezeit wie dem israelischen Präsidenten Schimon Peres zugestehen wollte, und seine Ankündigung vor laufenden Kameras, nie wieder nach Davos zurückkehren zu wollen, waren Theaterdonner. Wohlkalkuliert, um den Menschen in der Türkei zu gefallen. Denn einig sind sie sich vor allem darin, auf Kritik aus Westeuropa mit reflexhaftem Beleidigtsein zu reagieren.

Auch mit seiner Replik auf Peres minutenlange Verteidigungsrede des israelischen Angriffs auf Gaza lieferte Erdogan, der auf internationalem Parkett als wichtiger Vermittler im Nahost-Konflikt gilt, einen ehrlichen Einblick in die türkischen Verhältnisse: „Dass Sie Ihre Stimme erheben, zeigt, dass Sie sich schuldig fühlen, Sie wissen sehr gut, wie man tötet“, wandte er sich an Peres und erinnerte daran: „Im Buch der Juden steht: Du sollst nicht töten.“ Für türkische Ohren sind solche Worte nicht unbekannt, denn dort lässt Erdogan seit Wochen mit seiner Rhetorik die Ahmadineschads und Gaddafis der arabischen Welt hinter sich zurück.

Auf Tuchfühlung mit den Wählern

Ein Fluch Allahs werde Israel heimsuchen, der jüdische Staat zerstöre sich selbst, sagte Erdogan unlängst in einem Interview. Wohlwissend, dass die türkischen Juden bei türkischen Massendemonstrationen gegen den Gazakrieg für die Politik Israels in Haftung genommen wurden, bot er damals Israel onkelhaft moralische Hilfe an - die Juden, von denen viele bis zum siebzehnten Jahrhundert Aufnahme im Osmanischen Reich gefunden hatten, seien schließlich die „Enkel“ der Türkei.

Im März sind Kommunalwahlen in der Türkei, da gilt es auf Tuchfühlung mit den Wählern zu gehen, die sich vor allem aus dem konservativen muslimischen Milieu rekrutieren.

Dass der Antisemitismus auch dort verbreitet ist, ist ein Tabuthema in der Türkei. Übersetzungen der „Protokolle der Weisen von Zion“ und von Hitlers „Mein Kampf“ haben Konjunktur, der antisemitische Film „Tal der Wölfe“ war ein Kassenschlager.

Wie man mit diesen Ressentiments Stimmung macht, hat Erdogan vor seiner Konversion zum Demokraten bei seinem Ziehvater, dem Islamisten Necmettin Erbakan, gelernt. „Ich weiß nur, dass ich die Ehre der Türkei und die des türkischen Volkes verteidigen muss, ich bin doch nicht irgendein Stammesfürst, sondern der Ministerpräsident der Türkei“, sagte Erdogan nach dem Eklat - hinter sich an der Wand ein Gemälde Atatürks. Der Jubel war ihm gewiss.

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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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