Ich brauche mehr Platz, mein Fürst, sagte der Maler Andrea Mantegna 1465 zu Ludovico Gonzaga, dem Markgrafen von Mantua. Wenn Ihr, mein Fürst, wirklich gut zur Geltung kommen wollt, muss ich große Wandflächen haben, die nicht von Fenstern unterbrochen werden. Na schön, sagte Ludovico, der seinem den Ruhm von Mantua mehrenden Hofmaler nichts abschlagen konnte. Wir lassen einfach die alten, gotischen Fenster in der Mitte der Mauern schließen, und bauen in den Ecken die neuen, großen rechteckigen Fenster der Renaissance ein.
Neue, lichte Zeitalter brauchen nach dem finsteren Mittelalter eben größere Fenster, wenn ein hellerer Schein auf die monumentalen Figuren der Herrscherfamilie fallen soll. Selbst wenn dafür die für die Statik wichtigen Fensterachsen einer Wasserburg zerstört werden, was von draußen auch nicht wirklich hübsch aussieht. Aber was interessiert schon der Blick von außen, wenn hinter den dicken Mauern Kunst entsteht. Mantegna dankte dem Fürsten den brachialen Eingriff in die Burg seiner Vorfahren mit einem Zimmer, das heute als Hauptwerk der Frührenaissance gilt: Die Camera degli Sposi, das Zimmer der Vermählten. Lebensecht tritt einem der Hof von Ludovico entgegen, mit Höflingen, Familienmitgliedern und demütigen Botschaftern anderer Höfe. Feinsinnig hat Mantegna die Gesichter mit ihren Regungen festgehalten, und nirgendwo sonst wirkt ein Herrscher dieser Epoche psychologisch so gut herausgearbeitet. Natürlich ist die Camera degli Sposi knallhart berechnete Propaganda einer Herrscherfamilie mit eher zweifelhafter Vorgeschichte, die sich anderthalb Jahrhunderte früher an die Macht geputscht hatte und deren männliche Mitglieder dem Beruf des Söldners nachgingen.
Die Touristen bleiben draußen
Aber Mantegna ist so ehrlich, seinen Auftraggeber, zu seiner Zeit „Il Turco“ genannt, interessant aussehen zu lassen - eine höfliche Umschreibung, denn im Vergleich zu den ebenfalls abgebildeten jungen, blonden Höflingen ist er nicht wirklich schön. Aber eben interessant, wie er sich vom Betrachter abwendet und mit einem Vertrauten leise etwas Geheimes bespricht. Mantegna gelingt es, die Vertrautheit des Familienporträts - „Seht her, wir sind eine nette Herrscherfamilie!“ - mit der Distanz des Herrschenden - „Pardon, aber die Staatsgeschäfte rufen“ - zu vereinen. Auf Putz vor zugemauerten Fenstern.
Seit dem 29. Mai 2012 ist das ein Problem für die ganze Stadt. Denn das Gemälde, für das jedes Jahr zweihundertvierzigtausend Menschen durch die weitläufige Palastanlage des Palazzo Ducale pilgern, um dann in kleinen Gruppen zu zwanzig Personen für genau fünf Minuten einen Blick darauf werfen zu dürfen, hat durch die Erdbeben einen Riss bekommen. Der Palazzo ist geschlossen, die Touristen, so sie überhaupt kommen, bleiben draußen, und die Angst ist groß: Der Riss hat für die Stadt viel schlimmere Folgen als all die Banner der Unterwelt, die als rotweiße Absperrbänder vor einsturzgefährdeten Mauern und Balkonen flattern.
Das große Drama im kleinen
Es war, das sieht man heute, ein schwerer Fehler, die alten Fenster zu vermauern und neue, größere Fenster in den Ecken aus der Mauer brechen zu lassen. Die alten Fenster haben die Belastung der schweren Befestigungsanlage gleichmäßig auf die Mauern verteilt. Es ist nur natürlich, dass eine derartige Fensterverfüllung nicht ideal mit der alten Mauer verbunden ist. Entlang der Grenze entsteht eine Sollbruchstelle, und wenn die Mauer wackelt, wackelt die Verfüllung anders als der Rest. Das muss eine Wand wie die des Kastells von Mantua nicht zum Einsturz bringen, selbst wenn daneben neue, größere Fensterlöcher in der Wand klaffen. Bevor der Turm ernsthaft beschädigt wird, fliegt drinnen erst mal der Putz von der Wand. Nur: Hier ist es der Putz, auf dem Mantegna in zehn Jahren ein Weltkulturerbe der Menschheit gemalt hat.
Eine hohe Last, ungünstig auf ein destabilisiertes Stockwerk verteilt, Sollbruchstellen, und nun auch ein Riss im Gemälde: So eine Putzschicht ist recht dick, die Risse verlaufen nicht gerade, sondern im Material windschief. Egal woher die Erschütterung kommt: Der Putz bebt nicht mehr als Einheit, es drücken harte Platten gegeneinander. In der Camera degli Sposi wiederholt sich im kleinen das große tektonische Drama Italiens. Und weil die Platten so dicht aneinander liegen und sich reiben, ist jetzt kein Stoß wie am 29. Mai mehr nötig. Der Riss ist da. Jede weitere auch kleine Erschütterung hilft, ihn auszuweiten und zu vergrößern. Kleine Stöße, wie sie hier momentan zehn oder zwanzig Mal am Tag auftreten. Die Erdbebenschwärme sind nicht so rücksichtsvoll wie jene zwanzig Touristen, die ergriffen vor dem Meisterwerk kaum zu atmen wagten.
Eine Lappalie für Ludovico
Andere Risse sind schlimmer. Am Rathaus sind vor allen Türmen Absperrbänder gespannt, manche Steinträger hat das Beben einfach zertrümmert. Aber das stört die Touristen kaum, das Leben geht fast seinen normalen Gang, selbst wenn die Bewohner immer wieder fassungslos vor den Gerüsten stehen. Der Palazzo Ducale und der Palazzo del Te sind beide gesperrt, damit fallen die Hauptattraktionen für Besucher weg. Jene Zweihundertvierzigtausend, die jedes Jahr kommen, sind es auch, die die Geschäfte, Cafes und Lokale in der Altstadt am Leben erhalten. Aber dafür müssen die Paläste offen sein, die Meisterwerke darin müssen sie anziehen, und das geht nicht: Im Palazzo del Te ist das berühmte Zimmer von Amor und Psyche beschädigt, und im Palazzo Ducale ist unklar, wann Besucher die Camera degli Sposi wieder betreten können. So lange müssen eben Reiseführer und Postkarten als Ersatz herhalten.
Man kann die Bausünden des 15. Jahrhunderts nicht mehr ungeschehen machen, die Statik ist so, wie sie verhunzt wurde, und das Erdbeben tut, was es eben tut. Solange die Erde bebt, ist es ein unlösbares Problem, und niemand kann sagen, wann sich die Platten beruhigen oder weiter bröckeln. Auf den Verantwortlichen lastet neben der Ungewissheit der Druck, das Meisterwerk zu retten, und gleichzeitig der Zwang, es wieder zu eröffnen, damit die Besucher strömen. Es sind nur zwei verlegte Fenster, eine Lappalie für Ludovico, aber nach über fünfhundert Jahren entscheiden sie, wie die Nachwirkungen für seine Stadt sein werden. In den nächsten Wochen und Monaten wird sich zeigen, ob weiterhin Geld in die Stadt kommt, ob die Geschäfte florieren, oder ob die wirtschaftliche Misere hier in Mantua noch schlimmer wird. Eine schlechte Verfüllung, ein Riss und viele kleine Erdstöße spielen Schicksal. Oder auch ein großer Schlag, wie der von gestern Abend. Zum Glück für Mantua war das weit im Süden, in der Zona Rossa, wo der Putz nicht reißt, sondern in Haufen vor den Kirchen liegt.