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Erdbeben in Italien Warten auf den nächsten Stoß

 ·  Nach den Erdbeben am 20. und 29. Mai sind die Menschen in Norditalien noch immer verunsichert. Die Basilika San Zeno in Verona zeigt, wie man in früheren Zeiten mit der Katastrophe fertig wurde.

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© Rainer Meyer Vor dem Erdbeben ein bedeutender öffentlicher Raum, jetzt eine Gefahrenzone: Die Piazza delle Erbe in Mantua.

Im Jahr 1117 legte ein heftiges Erdbeben Verona und weitere Städte in der Poebene in Schutt und Asche. Viereinhalb Jahrhunderte später, 1570, legte ein weiteres heftiges Erdbeben die Stadt Ferrara und ihre Umgebung in Schutt und Asche. Fast viereinhalb Jahrhunderte später, 2003, erfolgte eine Untersuchung der Region auf mögliche Risiken durch Erdbeben.

In den nächsten viereinhalb Jahrhunderten wäre so ein schweres Beben durchaus wieder vorstellbar, sagten die Wissenschaftler. Allerdings nur mit zehn Prozent Wahrscheinlichkeit. Na, dann ist ja alles gut, werden sich manche bis zum 20. Mai 2012 gesagt haben. Vielleicht macht sich die Natur einfach nur gern über Wissenschaftler lustig.

Ein ganzes Jahr seismischer Aktivität?

Redet man in den vom Erdbeben betroffenen Orten mit den Menschen, ist es vorbei mit dem Glauben an Wahrscheinlichkeiten. Sie haben Angst vor „the big one“. Sie glauben, dass noch mehr passieren wird. 1117 und 1570 kamen nicht einfach nur Erdbeben, sondern es gab jeweils ein ganzes Jahr starker seismischer Aktivität mit längerem Gerumpel und im Abstand von Wochen und Monaten weitere schwere Stöße mit schlimmeren Schäden. Die bisherigen Schläge vom 20.und 29. Mai 2012 passen ganz gut in das Schema der früheren Ereignisse. Dann würden noch weitere „big ones“ folgen. Noch mehr rotweiße Plastikbänder, Risse in Mauern und Balkone auf den Straßen - wenn es glimpflich abläuft.

Die Menschen haben genug vom Terremoto. Aber es sieht nicht so als, als würden sie bald ihre Ruhe bekommen. Die Epizentren wandern unablässig in der Ebene südlich des Po umher; es kracht mal dreißig Kilometer, dann auch nur neunhundert Meter unter der Erde. Das Beben reißt unterschiedslos alles zu Boden: Parmesanlaibe und Wohnhäuser, Kirchendecken und Ställe, Wehrtürme und Balkone.

Man ahnt, wie hilflos sich die Menschen in Verona 1117 gefühlt haben müssen, als innerhalb eines Jahres die Kirchen, die Häuser und die Stadtbefestigung zusammenfielen und die Arena ihre heutige Gestalt erhielt, als die titanenhafte Außenmauer nach über tausend Jahren fast vollständig umkippte, einfach so.

Verona war eine reiche Stadt. Nach 1117 machte man sich an den Wiederaufbau, und wer heute die berühmte Basilika San Zeno besucht, wird im ersten Moment von der delikaten Leichtigkeit des damals hochmodernen Kirchenraums begeistert sein. Noch größer, noch höher baute man nach dem Untergang der alten Kirche. Mühelos, so mag es scheinen, erheben sich grazile Säulen und Mauern in die Höhe. Dünne, in das Schiff gehauchte Bögen überspannen den Raum, nichts erinnert hier an die massive, gedrungene Bauweise, mit der einem die Romanik sonst gegenübertritt.

Misstrauen gegen das Schicksal

Man kann es aber auch anders erklären, und im Dunkeln der Seitenschiffe sieht man es an den nicht bis zum Dach reichenden Bögen: Die Baumeister hatten offenkundig keinerlei Neigung, auch nur einen Stein mehr als nötig in luftige Höhen zu bringen. Die Kirche ist stabil, in der Krypta opferte man ganze Schiffe für gewaltige Pfeiler, um den Chor gut zu befestigen. Aber was darüber ist, ist nicht nur leicht und grazil, sondern auch gebautes Misstrauen gegen das Schicksal und die Kräfte eines Bebens. Man wollte für den nächsten schweren Schlag gerüstet sein - der jedoch besuchte erst Ferrara und jetzt die Region zwischen Mantua, Modena, Ferrara und Reggio Emilia.

Noch etwas erinnert jeden, der die Kirche betritt, an die Erschütterungen des Jahres 1117. San Zeno hat eine romanische Tür mit Bronzeplatten, links mit Szenen aus dem Neuen Testament, angefertigt um 1100 von aus Deutschland stammenden Handwerkern. Rechts befinden sich Darstellungen aus dem Alten Testament, die in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von Italienern geformt wurden. Dazu sind an den Rändern etliche kleine Bruchstücke anderer älterer Platten angenagelt.

Die Welt und ihre Gefahren

Man hatte in der Zeit nach dem Beben noch etwas aus der Zeit vor dem Unglück übrig, liess im gleichen Format weitere Platten anfertigen und hat es zu einer - kunstgeschichtlich einzigartigen - Tür vereint, obwohl die älteren Platten stilistisch nicht mehr der Zeit und den neuen Möglichkeiten der Formgebung entsprachen. An der prominentesten Stelle der wichtigsten Kirche der Stadt. Aus Sparsamkeit? Achtung vor dem Alter? Dem Wunsch, wenigstens Teile des Vorgängerbaus zu retten? Oder als eine Erinnerung an die Unwägbarkeit des Schicksals?

Dazwischen geht der Mensch zum Heil der Kirche und wieder hinaus in die Welt und ihre Gefahren. Über der Tür befand sich früher eine riesige Darstellung des Jüngsten Gerichts. Wenn man jetzt in die Erdbebenregion reist, wenn man mit einem Hilfstrupp in Richtung Ferrara geht, wo Absperrbänder als Banner der Unterwelt flattern und sonst keiner hinkommt, ist dieses Portal kein schlechter Ausgangspunkt.

Natürlich sind die Menschen heute weiter. Sie haben andere Portale für die Erschütterungen. Der Twitteraccount INGVterremoti liefert über fünfundfünfzigtausend Followern alle relevanten Daten zu den Erdbeben in Echtzeit; das 2.0-Beben im schwer betroffenen San Felice sul Panaro ist jetzt eine Stunde her, und der Moment während der Ankunft in Mantua, als es schien, der Motor würde typisch italienisch unruhig laufen, lautet so: #terremoto Ml:2.5 2012-06-02 15:59:07 UTC Lat=44.92 Lon=10.88 Prof=25.3Km Prov=MANTOVA,REGGIO EMILIA,MODENA. Von Moglia.

Stärke, Uhrzeit, Lage des Epizentrums, Tiefe, betroffene Regionen, Epizentrum als Ort. Sollte da statt dem 2.5 eine 6.5 stehen, erfährt es der moderne Mensch, kurz nachdem das Gebäude über ihm zusammengebrochen ist, inklusive Tiefe in der Erdkruste auf hundert Meter genau. Es geht eben nichts über die moderne, präzise Wissenschaft und ihre Zehn-Prozent-Wahrscheinlichkeiten.

Dämonen zur Abwehr des Bösen

Und deshalb schlafen manche draußen, deshalb brennen hier nachts noch viele Lichter, die Menschen tun die seltsamsten Sachen, während sie auf the big one warten, oft mit Schulden in unterversicherten Eigenheimen, die soziale Absicherung von 1117 lässt schön grüßen. Sie gehen in die Altstadt, feiern, reden, bleiben länger als üblich und versuchen, zwischen Absperrgittern und rotweißen Bändern so zu leben, wie sie es früher getan haben. The big one mag kommen oder nicht, aber der kleine Gott der Welt benimmt sich immer wunderlich.

Das Portal von San Zeno gilt als Wunder und Rätsel der Kunstgeschichte, aber es wird weniger rätselhaft, wenn man weder Tag noch Stunde von the big one kennt und auf einer unruhigen Erdplatte das feinfühlige Warten einem alles verneinenden Geist gleich das Denken beherrscht. Die Rahmung der einzelnen Platten am Portal von San Zeno trägt an jeder Ecke ein Schreckgesicht, das Sünde, Zerstörung, alles Böse abwenden soll. All die liebevoll gestalteten Dämonen sind mit ihren spitzen Zähnen und wilden Augen fast interessanter als die schematischen Tafeln selbst. Wer immer das so wollte: Er hatte Angst. Das Heil der Kirche, die Bemühungen der Baukunst allein reichten nicht. Eine ganze Heerschar von Fratzen sollte an der Tür sehr viel Schlimmes abweisen. Vielleicht the big one, das nicht mehr gekommen ist.

Zumindest nicht 1117.

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