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Entführt im Ausland Chrobogs Risikoanalyse und Osthoffs Trauma

29.12.2005 ·  Auch wenn die beiden Entführungsfälle nicht wirklich vergleichbar sind, gibt es einen Zusammenhang zwischen dem verschleppten pensionierten Staatsdiener Jürgen Chrobog und Susanne Osthoff, die nach dem Ende ihres Geiseldramas seelisch schwer traumatisiert wirkt.

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Wer sich in Gefahr begibt und dieses Risiko kennt, der muß natürlich auch mit diesem Risiko leben. Das sagte der frühere Staatssekretär im Auswärtigen Amt Jürgen Chrobog über Susanne Osthoff, die im Irak entführt, mit dem Tod bedroht, wieder freigelassen wurde und trotz allem Sehnsucht nach ihrer selbst gewählten Heimat in dem Zweistromland hat.

Im Jemen - auch kein ungefährliches Land - setzte Chrobog sich und seine Familie mit einer Urlaubsreise nun selbst einem Risiko aus, das er kannte. Wenige Tage nach seiner Kritik im Bayerischen Rundfunk an der Erwartung deutscher Reisender an den Staat, daß dieser eine „Rundumversicherung“ bietet, wurde er selbst entführt. Auch für den 65 Jahren pensionierten Beamten wurde der Krisenapparat der Bundesregierung angeworfen, der ihm und seiner Familie helfen soll, aus der Notlage wieder herauszukommen.

„Wir werden immer alles für jeden tun“

Wie bei jedem anderen Bürger greift die Fürsorgepflicht der Bundesrepublik, für größtmögliche Sicherheit ihrer im Ausland in Not geratenen Bürgern zu sorgen und die Risiken so weit es geht zu schmälern. Und Chrobog selbst hatte im Rundfunk auch gesagt: „Wir werden immer alles für jeden tun, auch wenn er sich selbst in Gefahr begeben hat, ihn herauszuholen.“

Der Krisenstab unter Leitung von Chrobogs Nachfolger Georg Boomgarden schloß fast nahtlos an die gerade erst erfolgreich abschlossene Arbeit des Stabes an, der sich um die Freilassung der 43 Jahre alten Archäologin Osthoff bemühte, die als erster deutscher Staatsbürger im Irak entführt worden war.

Der Jemen ist nicht mit dem Irak vergleichbar und die beiden Entführungsfälle sind es auch nicht. Dennoch haben sie nicht zuletzt durch Chrobogs „Risiko-Warnung“ etwas miteinander zu tun. Und auch wenn der Familie Chrobog offenbar nicht wie Osthoff die Ermordung angedroht wurde, dürften Ängste zurückbleiben. Chrobog hat sich an alle Vorsichtsmaßnahmen gehalten. Geschützt hat es ihn nicht.

Osthoff schwer traumatisiert

Susanne Osthoff wirkt auch nach ihrer glücklich beendeten Entführung schutzlos. Noch immer ist unklar, wer Susanne Osthoff entführt hat, warum sie entführt wurde, unter welchen Umständen sie verschleppt wurde und ob den Entführern Zusagen, in welcher Form auch immer, gemacht wurden, die zu ihrer Freilassung führten.

Das Gespräch, das das Zweite Deutsche Fernsehen vor Tagen mit Frau Osthoff führte und jetzt im Internet in vollem Wortlaut veröffentlichte, gibt über die seelische Verfassung des Entführungsopfers mehr Aufschluß als über den Hergang der Verschleppung („diese Details sind uninteressant“).

Bestätigt wird damit der Eindruck, der unmittelbar nach der Freilassung Frau Osthoffs aus der Deutschen Botschaft in Bagdad und im Auswärtigen Amt in Berlin vermittelt wurde: Frau Osthoff sei körperlich unversehrt, seelisch aber schwer traumatisiert.

Aufgewühlt und verwirrt

In dem ZDF-Interview war zu hören und trotz ihres verschleierten Gesichtes zu erkennen, wie sehr sie unter dem Eindruck der mehr als dreiwöchigen Geiselhaft steht. Zum Teil sprach sie zusammenhangslos, zum Teil aufgewühlt. Dann war sie wieder völlig klar. Sie dankte Altkanzler Gerhard Schröder für seinen Appell für ihre Freilassung im arabischen Fernsehen und dafür, daß er Deutschland nicht am Krieg gegen den Irak beteiligt hat. Auch das habe ihr das Leben gerettet.

Und wie in ihrem ersten Interview im arabischen Fernsehen lenkte sie wieder den Blick auf das Leid der Iraker. Am Tag nach ihrer Freilassung in der vorigen Woche sagte der Experte für Rehabilitation nach Überfällen, Geiselnahmen und Unfällen, Christian Lüdke: „Sie wird dieses Ereignis niemals in ihrem Leben vergessen.“ Erst einige Tage nach ihrer Freilassung brächen viele Geiseln zusammen, weinten oder schrien, wenn sich die aufgebaute Spannung nach und nach löse. Auch Osthoffs inneres Sicherheitsgefühl sei erschüttert. Schlaf- und Konzentrationsstörungen könnten sie monatelang begleiten.

„Mir geht es schlecht“

Auf die erste Frage des ZDF, wie es ihr gehe, sagte Osthoff: „schlecht“. Ihre körperliche Verfassung werde „absinken“ und dann werde sie nicht mehr schlafen können. Sie habe ständig kurz vor dem Tod gestanden. Auf die Frage, was sie als nächstes machen wolle, antwortete sie: „Was ich möchte, hat mich noch nie im Leben einer gefragt.“ Und sie fügte hinzu: „Ich kann nicht so handeln, wie ich will.“

Das erklärte eine Frau, die von sich selbst sagt, daß sie seit Jahren „ihr eigener Herr“ sei. Daß sie in den Irak zurück will, daran zweifelt niemand. Daß sie es nicht kann, darauf hoffen viele Politiker, weil sie in einer Rückkehr eine unzulässige Herausforderung des Schicksals sehen. Dabei ist Osthoff in ihrer Entscheidung rechtlich gesehen völlig frei. So abwehrend, verwirrt und verbittert Osthoff während des Interviews auch aufgetreten sein mag, es wurde auch deutlich, wie sehr auch sie Fürsorge braucht.

„Völlig unnormal und befremdlich“

Ihren Interviewauftritt bewertete einer ihrer Vertrauten als „völlig unnormal und befremdlich“. Offenbar sei sie durch ihre Gefangenschaft schwer traumatisiert, sagte der im Irak tätige Geschäftsmann Rolfeckard Giermann. Anders sei ihr Verhalten nicht zu erklären, sagte Giermann, der die deutsche Archäologin im Irak wenige Wochen vor ihrer Entführung noch getroffen hatte. Er kenne Susanne Osthoff als „ausgesprochen selbstsichere und redegewandte Frau“.

Offensichtlich sie nach ihrer Geiselhaft „nervlich am Ende“, sagte Giermann. Dafür spreche, daß Osthoff „kaum einen klaren, zusammenhängenden Satz gesprochen“ habe und zudem im deutschen Fernsehen verschleiert aufgetreten sei, während sie zuvor im arabischen TV-Sender Al Dschazira ihr Gesicht unverhüllt gezeigt, und sich, abgesehen von dem einige Haarsträhnen frei gebenden Schal, westlich gekleidet habe.

„Wilde Katze und scheues Reh in fliegendem Wechsel“ - so beschreiben Bekannte die seelische Verfassung Susanne Osthoffs. Trauma-Experten und Psychologen haben dafür andere Worte: Dramatische Situationen der unmittelbaren Vergangenheit vermischten sich mit Erlebnissen, die lange zurückliegen.

„Verraten an Kriminelle“

Giermann stützte zugleich die Aussage Osthoffs, daß sie vor ihrer Entführung von der deutschen Botschaft in Bagdad „unter Druck gesetzt worden“ sei, die von der Bundesregierung vorgesehenen 40.000 Dollar für ein archäologisches Rekonstruktionsprojekt in Arbil bis zum Jahresende 2005 auszugeben. „Man hat ihr noch im Oktober ultimativ damit gedroht, daß andernfalls die Zahlung von Geldern für das Projekt komplett eingestellt werde“, sagte Giermann.

Zu den Umständen der Entführung Osthoffs sagte er, daß sie während ihres geplanten Umzuges von Bagdad nach Arbil verschleppt worden sei. Osthoff habe in Abstimmung mit den irakischen Projektmitarbeitern und den deutschen Stellen ihren Wohnort von der Hauptstadt direkt nach Arbil verlegen wollen. Dabei sei sie offenbar von ihrem Fahrer an eine „Bande von Kriminellen“ verraten worden.

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