http://www.faz.net/-gqz-8wz62

Enteignete Fahrzeuge : Die Autos der anderen

Mutter und Tochter auf der Fahrt in die Ferien, 1933: Heute erzielen die alten Fahrzeuge oft Millionenwerte. Bild: Picture-Alliance

Provenienzforschung verweigert: Wie viele Fahrzeuge jüdischer Besitzer finden sich in Museen und Sammlungen?

          Bevor die Nazis die Jüdinnen und Juden ermordeten, nahmen sie ihnen ihre Rechte und ihr Eigentum – Firmen, Gold oder Kunstwerke. Und auch ihre Autos. Aber im Gegensatz zu anderen Kulturgütern hat sich um die weiteren Wege dieser gestohlenen Automobile in Deutschland bislang niemand gekümmert. Dabei geht es um Millionenwerte, die solche alten Fahrzeuge teilweise auf Auktionen erzielen. Nach Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung werden in zahlreichen staatlichen und privaten Oldtimer-Sammlungen Hunderte klassische Autos präsentiert oder gelagert, bei denen sich noch nie jemand gründlich um die Provenienz und um die eventuelle Enteignung jüdischer Vorbesitzer gekümmert hat. So etwa im Deutschen Technikmuseum in Berlin. Archivzugänge werden behindert oder verweigert. Man schweigt und genießt die Schönheit der Objekte.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mit Bedauern und Verärgerung haben Kulturpolitiker aus Bund und Ländern nun auf diese anhaltende Weigerung reagiert. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sagte dieser Zeitung: „Da muss sich das Bewusstsein bei einigen der betroffenen Museen noch grundlegend ändern. Für mich ist es vollkommen unverständlich, dass sich Museen oder auch private Oldtimer-Sammler einer aktiven Erforschung der Herkunft von Automobilen aus der Zeit des Nationalsozialismus verweigern.“

          Tausende Fahrzeuge wurden gestohlen

          Grütters verwies auf Forschungsmittel, die der Bund für solche Nachsuchen bereitgestellt habe. Sie kündigte an, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen: „Das von uns geschaffene Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste ist von mir gebeten worden, auch in diesem Feld als Ansprechpartner für projektbezogene Provenienzrecherchen der einzelnen Häuser zur Verfügung zu stehen und auf Fachveranstaltungen und Konferenzen das Thema Raub und Arisierung von Automobilen durch das nationalsozialistische Terrorregime ins Bewusstsein der Fachöffentlichkeit und der Publizistik zu rücken.“

          Lieber nicht die Ruhe stören: im Technikmuseum von Berlin wartet noch manche Überraschung, wenn nun die Forschungsarbeiten beginnen.
          Lieber nicht die Ruhe stören: im Technikmuseum von Berlin wartet noch manche Überraschung, wenn nun die Forschungsarbeiten beginnen. : Bild: Peter Carstens

          Jüdische Bürger in Deutschland und Österreich mussten ab 1938 ihre Führerscheine abgeben und durften keine Autos mehr besitzen. Tausende Fahrzeuge wurden ihnen gestohlen. Zwar sind viele Autos im Krieg und in den Jahrzehnten danach zerstört worden, manche Papiere verschwunden. Aber mehrere zehntausend Oldtimer aus den Jahren vor 1938 sind noch für den Straßenverkehr zugelassen oder stehen in Oldtimer-Kollektionen.

          Eine eklatante Lücke

          Das Deutsche Technikmuseum in Berlin hatte den Grundstock seiner Sammlung von mehreren hundert Kraftfahrzeugen in den späten siebziger Jahren erworben und seither nie kritisch auf die Herkunft überprüft. Dabei hat sich die Bundesrepublik in der Washingtoner Erklärung von 1998 und mit mehreren nationalen Vereinbarungen dazu verpflichtet, in Museen aktiv nach Kulturgütern zu suchen, die ihren jüdischen Besitzern genommen wurden. In der bildenden Kunst sind solche Provenienzforschungen inzwischen Alltag. Nach Auskunft der Berliner Kulturverwaltung haben die Museen dem Abgeordnetenhaus seither alle zwei Jahre über entsprechende Arbeiten zur Umsetzung der Washingtoner Erklärung berichtet. Weiter heißt es: „Das Deutsche Technikmuseum hat aber im jeweiligen Berichtszeitraum keine entsprechenden Projekte durchgeführt.“

          Audi im Horch-Museum Zwickau: Hier hat man den Zugang zu den Akten verweigert.
          Audi im Horch-Museum Zwickau: Hier hat man den Zugang zu den Akten verweigert. : Bild: dpa

          Das soll sich jetzt ändern. Kultursenator Lederer kündigte an: „Das Deutsche Technikmuseum wird alle Maßnahmen ergreifen, um diese Aufgabe zu erfüllen.“ Lederer sagte dieser Zeitung: „Es wundert mich, dass wir hier so eine eklatante Lücke haben. Vielleicht liegt es daran, dass das Augenmerk sehr stark auf Kunst und Kunstgewerbe lag.“ Versäumtes werde „nun schnellstmöglich in Angriff genommen“.

          Zugang zum Archiv verweigert

          Das Museum selbst sagte auf Nachfrage: „Die Provenienzforschung ist in unserem Haus leider nicht so erfolgt, wie sie hätte erfolgen sollen. Deshalb beabsichtigen wir, für diesen Zweck ein Forschungsprojekt einzurichten; und haben bereits einen diesbezüglichen Termin mit dem Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste vereinbart.“ In dem Museum hatten sich bei einer Archivrecherche dieser Zeitung bereits mehrere Zweifelsfälle gezeigt, mindestens ein Auto hatte ursprünglich einem jüdischen Vorbesitzer gehört, dem Chemnitzer Kaufhaus Schocken. Andere Museen, etwa das August-Horch-Museum in Zwickau oder das nach eigenen Angaben größte Museum für deutsche Automobilgeschichte, das Ernst-Freiberger-Museum in Amerang, hatten den Zugang zum Archiv verweigert.

          Nach dem Anschluss: In Wien hatte jeder fünfte enteignete Wagen einen jüdischen Besitzer.
          Nach dem Anschluss: In Wien hatte jeder fünfte enteignete Wagen einen jüdischen Besitzer. : Bild: Picture-Alliance

          In Österreich, wo am Technischen Museum in Wien auf hohem Niveau Provenienzforschungen betrieben werden, existiert eine mehrere tausend Fahrzeuge umfassende Datenbank von Autos, die 1938 enteignet worden sind. Jedes fünfte damals in der österreichischen Hauptstadt zugelassene Auto befand sich in jüdischem Besitz, bevor es von Nationalsozialisten geraubt wurde. Das Wiener Museum forscht seit Jahren darüber, auch in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Polizei nimmt Verdächtigen fest Video-Seite öffnen

          Messerattacke in München : Polizei nimmt Verdächtigen fest

          Am Samstagvormittag hatte ein Unbekannter im Stadtteil Haidhausen mehrere Personen mit einem Messer angegriffen und ihnen oberflächliche Stich- und in einem Fall Schlagverletzungen zugefügt. Die Bevölkerung ist weiter zur Vorsicht aufgerufen.

          Topmeldungen

          Telekom-Aktien verkaufen, um den Breitbandausbau zu finanzieren? Das fordern zumindest FDP und Grüne.

          Jamaika sucht Geldquellen : Verkauft der Bund die Telekom-Aktien?

          Um neue Ausgaben und Steuersenkungen zu finanzieren, suchen Politiker einer künftigen Jamaika-Koalition nach Geldquellen. Alleine mit Telekom- und Post-Anteilen ließen sich Milliarden generieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.