In Lindsay Andersons Film „If“, einer surrealen Satire auf das britische Internatswesen, beichtet ein Schüler dem anglikanischen Kaplan unreine Gedanken. Der Geistliche neigt sich nach vorn, die Augen blitzen lüstern. Seine hochgezogenen Augenbrauen sagen alles über die unter dem Firnis biblischer Moral lauernde Erotik. Der Kaplan, der auch Mathematik lehrt, pflegt seine Zöglinge im Unterricht mit willkürlichen Ohrfeigen oder sadistischem Kneifen zu schikanieren. In dem Film aus den späten sechziger Jahren dient das Internat mit seinem so pompösen wie engstirnigen Leiter und den sadistischen Klassenordnern freilich als Metapher für die hierarchische Gesellschaftsordnung, gegen die sich die Achtundsechziger aufbäumten.
So überzogen Lindsay Andersons Darstellung sein mag, erkennen Generationen von Schülern in den Szenen aus „If“ doch die Kehrseiten ihrer Internatsjahre wieder. Auffallend ist vor allem die hochexplosive Kombination aus Tyrannei und sublimierter Erotik, die sich auch durch den „Public School“-Roman zieht, dieses eigenwillig britische Genre der Literatur, der ebenso gekennzeichnet ist von Nostalgie wie von tiefsitzenden Affekten gegen die Qualen des institutionellen Lebens.
Unnatürliche Verhältnisse
Figuren wie der fiktive Mr. Chips, die das Ideal des selbstlosen Studienrates verkörpern und, wie der Dichter W. H. Auden von seinem Musiklehrer mit dem ulkigen Namen Walter Greatorex schrieb, „bereit waren, Freund und nicht Schulmeister zu sein, dem Heranwachsenden den Trost und die Anregung einer persönlichen Beziehung zu spenden, ohne gleichzeitig irgendwelche Ansprüche zu stellen“, gehörten ebenso zum Internatsleben wie jene Pädagogen, die ihre Vertrauensrolle missbrauchten und den schmalen Grat zwischen pädagogischer Zuneigung und Päderastie überschritten, wobei zu betonen ist, dass beide Varianten die Ausnahme und nicht die Norm bildeten.
In einer Umgebung, in der Jungen auf dem Höhepunkt ihrer sexuellen Triebkraft in einer quasimonastischen Welt eingepfercht sind, trieft es nur so vor pubertären Hormonen. „In solchen Umständen wäre es überraschend, wenn es keine unangenehmen Komplikationen gäbe“, schrieb Evelyn Waughs älterer Bruder Alec 1922 in einer kritischen Analyse der Public Schools, die damals viel Aufsehen erregte. Das britische Internatssystem sei unnatürlich und führe zwangsweise zu unnatürlichen Ergebnissen. Versuche, unziemliche Beziehungen durch rigorose disziplinäre Maßnahmen, kalte Bäder oder andere Hindernisse zu verhindern, wie die Entfernung der Toilettentüren oder die Montage eines Drahtverhaus über den Zellen der Schlafsäle, wie es Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in dem Internat Wellington geschah, vermochten das heimliche Treiben nicht zu unterbinden.
Prügeln? Chefsache!
Vor lauter Sorge um die Unschuld der engelhaften Chorknaben ließen manche Schulen ihre Kapellen sogar umbauen, damit sich die Bänke nicht mehr gegenüberstanden und keine Blicke ausgetauscht werden konnten. Ein Schulleiter verbot sogar Chorhemden, weil er meinte, dass die Jungen in dieser charmanten Aufmachung von frommen Gedanken ablenkten. Die berühmte Schule Eton fand eine Zeitlang eine andere Lösung: Im frühen neunzehnten Jahrhundert, bevor die viktorianische Moral Einzug hielt, unterhielt die Schule ein Bordell für die Oberstufe. Die Viktorianer glaubten, die unheilsamen Triebe in sportliche Betätigung umleiten zu können, und ahnten nicht, dass sie die Flammen damit bloß anheizten, von den zusätzlichen Versuchungen nicht zu reden, die sich in den Umkleidekabinen und den Duschräumen pädophil veranlagten Lehrkräften boten.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass der systematische Missbrauch von Kindern keineswegs nur die Domäne heuchlerischer Priester ist, die mit ihrem Zölibatsgelöbnis ringen. Der Unterschied liegt darin, dass sich die Vergehen in der katholischen Kirche an der Institution festmachen lassen. In den Erinnerungen britischer Internatszöglinge sind die Übergriffe, denen vor allem Jungen durch Lehrer und durch ältere Mitschüler ausgesetzt waren, ein stets wiederkehrendes Motiv. Von dem für die Härte seiner Prügel berüchtigten Leiter des Internats Eton, der im sechzehnten Jahrhundert wegen Sodomie verurteilt und dennoch nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zum Direktor der Westminster-Schule ernannt wurde, über den Leiter von Harrow, der als vorbildlicher Pädagoge galt, aber 1853 kleinlaut den Hut nehmen musste, um nicht als Päderast entlarvt zu werden, bis hin zu jüngst aufgedeckten Fällen an verschiedenen Grundschulinternaten wurde über die Skandale meist der Mantel des Schweigens gelegt. Als die Zeitung „Independent“ vor einigen Jahren einen Bericht über die „verletzten Überlebenden des Internatssystems“ veröffentlichte, die ihre Kindheitserfahrungen durch nachträgliche Therapien zu verarbeiten suchten, schilderte ein anonymer Leser, wie die Kinder in seiner Schule verprügelt und sexuell missbraucht worden seien und sich ihrerseits zueinander „wie Tiere“ verhalten hätten: „In den fünfziger Jahren glaubte niemand, dass es schädlich sei - die barbarischen Akte waren ,charakterbildend'. Was den sexuellen Missbrauch betrifft, gab es kein Vokabular, um diese Fragen zu diskutieren. Sie wurden nicht nur von den Opfern als beschämend empfunden, sie waren unsäglich.“
Devise: Mund halten!
Das hierarchische Regiment geschlossener Männergesellschaften erzeugte eine Atmosphäre absoluter Verschwiegenheit, die Missetätern den Schutz der Dunkelheit bot. Zudem unterlagen die wie Lehensgüter geführten Privatschulen nicht der staatlichen Regulierung. Das änderte sich erst 1989 mit dem sogenannten „Children Act“, das die Verpflichtungen des Staates gegenüber dem Kind definierte. Ein Paragraph über das Wohlergehen von Kindern in unabhängigen Schulen wurde bei der Formulierung des Gesetzes unter dem Eindruck eines damals zutage getretenen Missbrauchsskandals an einem Grundschulinternat hinzugefügt. Bis heute aber sind die Institutionen nicht verpflichtet, die Polizei über Übergriffe zu unterrichten.
Besonders anfällig waren die Internatszöglinge im Grundschulalter. Dort vor allem nutzten Lehrer die Unschuld, die Verwirrung, die Isolierung und das Gefühl der Zurückweisung von Kindern aus, die mit sieben Jahren von zu Hause weggeschickt wurden. So begegneten sie, wie Evelyn Waugh in seiner Autobiographie bemerkte, einigen Lehrern, die kleine Jungen zu wenig, und anderen, die kleine Jungen zu sehr mochten. Der Schauspieler Laurence Olivier erinnerte sich, wie ihm beim ersten Mal, dass ihm ein Schulmeister befahl, die Hose runterzuziehen, klar gewesen sei, dass dies nicht geschah, weil die Strafe mit hochgezogener Hose weniger wirkungsvoll ausgefallen wäre. Die Figur des Lehrers, der bei der Verabreichung einer Prügelstrafe besonders genussvoll mit dem Pantoffel auf die entblößten Hinterteile seiner Zöglinge schlug, ist vielen Jungen ebenso vertraut wie der Typus, der die Rolle des liebevollen Vaterersatzes einnahm und sich Kinder durch zärtliche Zuneigung gefügig machte.
James Foucar, der mit seiner Organisation über die schädliche Wirkung von Internaten auf Grundschüler aufklären will und erwachsene „Internatsüberlebende“ unterstützt, schildert aus der eigenen, gut dreißig Jahre zurückliegenden Erfahrung, wie Sexualtäter ihre Opfer durch eine Mischung aus Bevorzugung und Einschüchterung auf die Tat vorbereiteten. Angst und Scham machten es den Kindern meist unmöglich, ihren Eltern oder anderen Vertrauenspersonen davon zu erzählen. In einem Dokumentarfilm über den systematischen Kindesmissbrauch am Grundschulinternat Caldicott in den sechziger und siebziger Jahren offenbarten drei Opfer gröbster Misshandlungen, weshalb sie erst Jahre später imstande gewesen seien, über ihr Trauma zu sprechen: Solange ihre Eltern lebten, sagten sie, sei es ihnen nicht möglich gewesen.
Hinzu kommt freilich eine veränderte Haltung in der Gesellschaft. Frühere Generationen neigten mit steifer Oberlippe dazu, die Vergehen zu verdrängen. Neuerdings fühlen sich die Opfer dazu ermutigt, ihre schrecklichen Erfahrungen zu offenbaren. Aber auch die Zustände an den Internaten haben sich verändert. Die Prügelstrafe und das feudale Knechtschaftssystem, das Oberstuflern ungebührende Macht über jüngere Schüler gab, sind abgeschafft, Kinder haben leichteren Zugang zu den Eltern, die Überprüfung von Lehrern ist strenger geworden und das quasimonastische Dasein durch die stärkere Präsenz von Frauen gemildert. Das will nicht heißen, dass der ein oder andere Pädophile nicht durchs Netz schlüpft, wie regelmäßig vor Gericht verhandelte Fälle bezeugen. Der Film „If“ endet mit der blutigen Revolte der Schüler gegen die Tyrannei. Die Lehrer werden mit Maschinengewehren niedergeschossen. Der gesellschaftliche Wandel hat unterdessen eine Revolution auf friedlichem Wege herbeigeführt.
Mich wundert, dass sich kein Mensch um den Leidensweg der Heimkinder, unter der
Sukrija Jusufbegovic (Sukrija)
- 28.03.2010, 21:53 Uhr
@Sukrija Jusufbegovic (Sukrija)
Stefan Neudorfer (sttn)
- 29.03.2010, 02:46 Uhr
@Stefan Neudorfer
Peter Glowatz (Herr_Glowatz)
- 29.03.2010, 12:50 Uhr
Sehr g. Hr. Neudorfer, die Hintergründe u. die Argumentation als Rechtfertigung
Sukrija Jusufbegovic (Sukrija)
- 29.03.2010, 16:56 Uhr
Stillschweigende Übereinkunft
Herold Binsack (Devin08)
- 30.03.2010, 11:10 Uhr