John Major machte sich zum Gespött der Nation, als er sich vor Jahren in Anlehnung an George Orwell eines heimeligen England-Bildes besann von „langen Schatten auf Cricketspielwiesen, warmem Bier, unbesiegbaren grünen Vororten, Hundeliebhabern und alten Jungfern, die im Morgennebel zur Kommunion radeln“. Dieses Bild, so scheint es, wird am 27. Juli durch alle Welt gehen.
Danny Boyle, der Filmemacher, der die Regie für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele führt, hat einen kleinen Vorgeschmack der wie ein Staatsgeheimnis gehüteten Zeremonie gegeben: Ein Modell zeigt, dass eine bukolische Idylle mitten im Stadion entstehen soll mit grasenden Schafen, weidenden Kühen und schnatternden Gänsen, mit einem Cricketfeld auf echtem Gras, einer das standhafte Seefahrervolk symbolisierenden Eiche und zwei Moshpits, mit Menschentrauben gefüllten Tanzkreisen wie bei Hardcorekonzerten. Boyle will „the Best of Britain“ zur Schau stellen - eine Insel der Wunder, eine Zelebration dessen, was Britannien zur Weltkultur beigetragen hat, darunter der Gesundheitsdienst, der durch eine Sequenz mit Hunderten von Krankenschwestern repräsentiert werden soll.
Dem Porträt der Nation liegen Calibans Worte aus Shakespeares „Sturm“ zugrunde: „Sei nicht in Angst! Die Insel ist voll Lärm, voll Ton und süßer Lieder, die ergötzen und niemand Schaden tun.“ Auch Britanniens Sieg über Hitler werde in der patriotischen Feier gedacht, notiert die hurrapatriotische „Daily Mail“. Und zur Vervollständigung des, wie er versichert, durch britischen Humor gekennzeichneten Konzepts schweben Wolken über dem Stadion, die Regen spenden können, sollte die Natur naturgemäß ungefällig sein und dem klischeehaften England-Bild ausnahmsweise nicht entsprechen. Die Feier solle szenisch erfassen, „wo wir herkommen, wo wir sind, wo wir uns hinbewegen“, erläutert Boyle den Überbau.
Man fragt sich, ob dies derselbe Boyle ist, der in „Trainspotting“ die Miseren einer Jugend ohne Zukunft dargestellt hat, ob dies dasselbe Land ist, das sich vor einem Jahr nach den Ausschreitungen und Plünderungen fragen musste, wo Politik und Gesellschaft versagt haben. Die Proben für Boyles olympisches Fest finden bezeichnenderweise in einer stillgelegten Autofabrik nahe dem Olympiastadion statt, ein Symbol der niedergegangenen Fertigungsindustrie, die einst zur Größe der Nation beitrug.