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England Pomp und Glory

 ·  Wie Ascot, die Weihnachtsansprache der Königin oder das Ruderrennen zwischen Oxford und Cambridge zählt die „Last Night of the Proms“ zu den Fixpunkten des britischen Kalenders. In diesem Jahr liefert sie mal wieder Anlass für einen Streit.

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Wehe dem, der am Ritual der „Last Night of the Proms“ rüttelt. Wann immer Änderungen erwogen werden von Veranstaltern, denen das ausgelassene Finale der alljährlichen Promenadenkonzerte in der Londoner Royal Albert Hall nicht behagt, fahren die Traditionalisten hoch, als werde ein Heiligtum geschändet.

Sicherlich finden sich auch im postimperialen England Patrioten, die beflügelt sind von jenem Sentiment, dem der Dirigent Henry Wood, Gründer der seit 1895 stattfindenden Proms, Ausdruck verlieh, als er beschrieb, wie ihm zumute war, wenn er bei „Rule Britannia“ vom Pult auf das Meer der Gesichter herunterschaute. Dann „erreichen wir einen Höhepunkt, den nur Briten erreichen können“, schwärmte er, dann wisse er, dass der Geist Horatio Nelsons fortlebe und niemals sterben werde. Wie Ascot, die Weihnachtsansprache der Königin oder das Ruderrennen zwischen Oxford und Cambridge zählte die „Last Night of the Proms“ zu den Fixpunkten des Kalenders, um die sich ein Gefühl von nationaler Zusammengehörigkeit kristallisierte.

Ironisch angehauchte Belustigung

Aber peinlich berührte Kritiker, in deren Augen die Silvesterstimmung mit Fahnenschwenken, knallenden Ballons, Hupen, Pfeifen und Luftschlangen die rückwärtsgewandten und rüpelhaften Züge des britischen Nationalcharakters verkörpert, übersehen vor lauter Schrecken die ironisch angehauchte Belustigung, die das Spektakel inzwischen auch erzeugt. Anachronismus hin oder her, das Publikum will sich den Spaß nicht verderben lassen, weder von den Bürokraten in Brüssel, die neuerdings aufwendige geräuschdämpfende Maßnahmen vorschreiben, noch von edelgesinnten Intendanten, die die überschwängliche Gaudi zügeln wollen. Als vor Jahrzehnten einmal „Land of Hope and Glory“ aus dem Programm entfernt wurde, gab es einen Aufschrei.

In diesem Jahr gibt es einen neuen Stein des Anstoßes. Der Dirigent Roger Norrigton will Elgars „Pomp and Circumstance March No. 1“, eines der Paradestücke der „Last Night“, am 13. September ohne Vibrato musizieren lassen, obgleich seine Behauptung, diese Spielform sei authentischer, durch Elgars eigene Aufnahmen widerlegt wird. Norrington hat einige Prommers bereits mit einer vibratolosen Darbietung von Elgars erster Symphonie vor den Kopf gestoßen. Nun kündigt der Dogmatiker der historischen Aufführungspraxis an, die Musiker notfalls mit einer Handgranate bewerfen zu wollen, um ihnen das Vibrato auszutreiben. Man darf gespannt sein, was sich das notorisch aufsässige Prom-Publikum dazu einfallen lässt.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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