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Endspiel für Putin? Onkelchen Botox

06.12.2011 ·  In ganz Russland wächst der Widerstand gegen Putin. Schriftsteller und Blogger empören sich über seine Partei der „Gauner und Diebe“. Mancher prophezeit ihm schon ein revolutionäres Ende.

Von Kerstin Holm, Moskau
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Die Magie des Alphatiers Putin ist verblasst. Nach den Duma-Wahlen, wo die Kremlpartei des „Einigen Russland“ trotz massiver Fälschungen das von Putin vorgegebene Ziel einer Fünfzig-Prozent-Mehrheit nicht erreichte, protestierten in Moskau Tausende von Sympathisanten der liberalen Opposition auf den Straßen, darunter viele junge, gebildete Leute, deren politisches Desinteresse noch vor wenigen Jahren sprichwörtlich war. Die Demonstranten skandierten „Wir brauchen Neuwahlen!“ und „Russland ohne Putin!“ und bliesen in Trillerpfeifen, aus Solidarität mit anwesenden „Whistleblowern“ wie dem Politiker Boris Nemzow, der Waldverteidigerin Jewegnia Tschirikowa und insbesondere Korruptionsjäger und Blogger Alexej Nawalnyj, der später verhaftet wurde und jetzt, gemeinsam mit dem liberalen Aktivisten Ilja Jaschin, wegen „Widerstands gegen die Ordnungsmächte“ vor Gericht gestellt werden soll. So viel zivilen Widerstand habe Moskau seit 1993 nicht mehr erlebt, erklärte der Radiojournalist Dmitri Solopow. Nach Ansicht seines Kollegen Stanislaw Kutscher reift im Land allmählich eine revolutionäre Situation heran. Es protestierten ja keine wilden Haufen, sagt Kutscher, sondern Leute mit Gehirn und Prinzipien.

Alexej Nawalnyj, der als die politische Integrationsfigur gilt, weil er Wirtschaftsrecht und Informationstechnik beherrscht und zugleich mit dem Volk eine gemeinsame Sprache findet, war am Morgen nach der Wahl sogar euphorisch. Er habe kleingläubig mit einem Ergebnis von mehr als fünfzig Prozent für die Partei der „Gauner und Diebe“ gerechnet, wie er das „Einige Russland“ getauft hat, bekannte Nawalnyj den Lesern seines Blogs. Dafür, dass es nicht dazu kam, dankt er insbesondere den Landsleuten in Sibirien und Fernost, wo die Kremlpartei zwischen 33 und 41 Prozent bekam, aber auch im Wolgabezirk Jaroslawl, wo sie unter dreißig Prozent blieb. Wobei die dortigen Bürger nicht nur gesiegt, sondern auch Versuche vereitelt hätten, ihnen den Sieg wieder zu stehlen, verkündet Nawalnyj mit dem Pathos des Frontberichterstatters. Das „Einige Russland“ repräsentiere die kriminelle Elite bestimmter nationaler Republiken, verschreckte Dörfler und beamtete Ganoven, die insbesondere das Moskauer Ergebnis umfrisierten. In der Hauptstadt wurden gezielt Studenten und kremlkritische Personen am Wählen gehindert, unter anderen der Science-Fiction-Autor Boris Strugazki, der mit Chodorkowskij korrespondierte.

„Es fließt Blut, aber gestürzt werden Sie trotzdem“

Doch das politische Lifting auf 49 Prozent für die Kremlpartei wirke so überzeugend wie die kosmetische Verjüngung ihres Schöpfers Putin, der von seinen Kritikern gern als „Herr Botox“ verhöhnt werde, findet Nawalnyj. Da habe jemand andere an der Nase herumführen und wie ein Jüngling aussehen wollen, spottet Nawalnyj, doch das Ergebnis war ein Onkel mit lauter Bienenstichen im Gesicht. Putins Gesicht sei tatsächlich das der Partei der Macht, meint Russlands Blogger Nummer eins. Mit seinen gewaltsam geschönten 49 Prozent löse es vor allem Peinlichkeitsgefühle aus. Ein paar Falten, glaubt er, hätten beiden besser gestanden.

Schon wird Putins notorischer Ausspruch, bewaffnete Regimegegner würden „im Klo erledigt“, zur Nemesis, stellt der Politologe Andrei Piontkowski bitter fest. Der Beweis ist für Piontkowski der Zwischenfall im Wahllokal Nummer 2501 des Moskauer Stadtteils Chamowniki, in dessen Toilette oppositionelle Wahlbeobachter bestellte Gauner mit dicken Wahlzetteln bündeln, wo das „Einige Russland“ angekreuzt war, stellten und verprügelten. Zwischen Klo und Klo verlief das glückliche Leben des Alpharüden des russischen Vielvölkerstaates, schließt Piontkowski. Das Fernsehen, das Nawalnyj „Zombiekasten“ nennt, habe Putins Mythos begründet, den Internet und Telefonvideo nun zerstört hätten, so Piontkowski. Den Dreck des Klos im Wahllokal 2501 werde Putin nicht mehr loswerden, prophezeit der Publizist und wünscht ihm bei den Präsidentenwahlen kommendes Frühjahr eine Niederlage - in seinem eigenen Interesse.

Auch den Schriftsteller Boris Akunin, gleichfalls ein Chodorkowskij-Sympathisant, verfolgen finstere Vorahnungen. Ihm tut Putin fast leid. Im nun anlaufenden Präsidentenwahlkampf werde nicht eine Papp-Partei zur Zielscheibe von faulen Eiern und Tomaten, sondern Putin persönlich, der Kandidat für die lebenslange Regentschaft, gibt Akunin zu bedenken. Pfeift ihn aus, fordert er die Bevölkerung auf und wünscht, die Moskauer möchten Hupkonzerte veranstalten, wenn der „Nationale Führer“ mal wieder am eigens für ihn paralysierten Autoverkehr vorbeibrause. Im Guten abzutreten werde zusehends schwieriger für Putin, mahnt Akunin. Irgendwann, wenn es vielleicht zu spät ist, werde die Geduld der Basis zu Ende und das Geld für die Organe aufgebraucht sein. „Dann werden Sie Befehl geben zu schießen“, prophezeit er. „Es fließt Blut, aber gestürzt werden Sie trotzdem. Ich wünsche Ihnen nicht das Schicksal“, versichert Akunin, „von Muammar Gaddafi“.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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