Home
http://www.faz.net/-gqz-qbzo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Ende des Zweiten Weltkriegs „Jungs, stellt euch da hin und hißt die Flagge“

Jewgeni Chaldej schoß 1945 das Foto der sowjetischen Soldaten, die ihre Landesflagge auf dem Reichstagsgebäude hissen. Es wurde zu einem der Symbolbilder des 20. Jahrhunderts. Doch die interessantesten Geschichten muß man dem Bild erst entlocken.

© Fotograf Jewgeni Chaldej Sammlung Ernst Volland Vergrößern „Der Klassiker” - ohne zweite Armbanduhr und Tage nach der Erstürmung

Das Bild der sowjetischen Soldaten, die 1945 die Flagge ihres Landes auf dem Reichstagsgebäude hissen, ist eines der bekanntesten Fotos des 20. Jahrhunderts. Neben dem Porträt des jesusgleichen Revolutionärs Che Guevara von Alberto Korda ist es das meistgedruckte Fotomotiv überhaupt.

Schon früh wurde es in deutschen Schulbüchern abgebildet. Es hat seinen festen Platz in der Geschichte, als fotografische Ikone des Kriegsendes, die aus dem kollektiven Gedächtnis nicht mehr zu verdrängen ist.

Mehr zum Thema

Symbol deutscher Stärke und Macht

Immer wieder wird behauptet, das Bild sei inszeniert, sogar eine Fälschung. Ein eingehender Blick auf die sowjetischen und russischen Darstellungen offenbart eine Fülle von widersprüchlichen, verklärenden und sprechenden Fakten. Ja, eigenartig: Versucht man, Licht in die Historie dieses vielfach reproduzierten Fotos (siehe Abbildung „Der Klassiker“) zu bringen, erscheint der Schatten, der auf dem Bild liegt, bisweilen sogar noch dunkler.

Variantenreichtum © Fotograf Jewgeni Chaldej Sammlung Ernst Volland Vergrößern „Variantenreichtum” - ohne Rauchwolken, aber mit zweiter Armbanduhr

Aufgenommen hat das Bild Jewgeni Chaldej, 1917 in der Ukraine geboren, Frontberichterstatter: der Mann, der oft auch der russische Robert Capa genannt wird. Mit seiner Leica stieg er am Morgen des 2. Mai 1945 gegen 7 Uhr auf den Reichstag, um die Aufnahme zu machen. Warum der Reichstag? Er war seit den Jahren nach dem Reichstagsbrand 1933 nur noch die Hülle eines Gebäudes, in dem seinerzeit das Parlament der ersten deutschen Republik tagte.

Für die Sowjets und insbesondere für Stalin symbolisierte das kolossale Gebäude dennoch deutsche Stärke und Macht - und das Einrammen des Flaggenstabes in dieses Gebäude, für Gegenwart und Nachwelt im Bild festgehalten, sollte für den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ stehen.

„Das hier ist das offizielle Foto“

Chaldej selbst beschrieb die Aktion später so: „Als der Krieg begann, sprachen alle vom Reichstag: Reichstag, Reichstag... Es war am frühen Morgen des 2. Mai 1945. Ich betrat das Reichstagsgebäude. Überall war schrecklicher Lärm. Ein junger, sympathischer Soldat kam auf mich zu. Ich hatte eine rote Fahne in der Hand.

Er sagte 'Leutnant, dawai, laß uns mit der Fahne aufs Dach klettern.' 'Deswegen bin ich ja hier.' Wir waren endlich oben. Der Reichstag brannte. Er meinte: 'Wir wollen auf die Kuppel klettern.' 'Nein', sagte ich, 'da werden wir geräuchert und verbrennen.' 'Na, dann versuchen wir es hier.' Wir fanden eine lange Stange. Ich suchte lange nach Kompositionsmöglichkeiten. Erst machte ich ein Foto links. Nein, das war nicht gut. Es sollte auch etwas von Berlin zu sehen sein.

Dann sagte ich: 'Jungs, geht und stellt euch da hin und hißt die Flagge an der und der Stelle.' Es waren drei Soldaten. Ich habe einen ganzen Film verknipst, 36 Bilder, und bin in der Nacht zum 3. Mai nach Moskau geflogen, und das Foto ist sofort veröffentlicht worden. Das hier ist das offizielle Foto."

Die Szene dramatisiert

Doch gibt es neben dieser klassischen Version des Bildes, die am weitesten verbreitet ist, auch noch eine ganze Reihe von anderen. Eine davon („Variantenreichtum“) ist nahezu identisch; nur geringfügige Abweichungen sind zu erkennen, vor allem an der Form der Flagge, aber auch an den Personen, die sich auf der Straße befinden. Die beiden Aufnahmen wurden einen Sekundenbruchteil nacheinander geschossen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wie erkläre ich es meinem Kind? Warum ein Krieg in einem fernen Land auch mit uns zu tun hat

Die Kämpfe in Syrien oder an der ukrainisch-russischen Grenze sind auch in der Wahrnehmung unserer Kinder angekommen. Und werfen Fragen auf. Mehr Von Nils Minkmar

17.10.2014, 14:34 Uhr | Feuilleton
Regierungstruppen erobern Mariupol zurück

Nach schweren Kämpfen sollen sich pro-russische Separatisten aus der Stadt zurückgezogen haben, meldet die Regierung in Kiew. Soldaten hätten die ukrainische Flagge auf dem Rathaus der Stadt im Südosten des Landes gehisst. Mehr

13.06.2014, 16:52 Uhr | Aktuell
Nach den Schüssen von Ottawa Wie sicher ist der Reichstag?

Nach dem Anschlag in Ottawa wird auch in Berlin nachgedacht und geprüft, wie es um die Sicherheit des Deutschen Bundestages steht Mehr Von Günter Bannas, Berlin

23.10.2014, 16:08 Uhr | Politik
Hunderte ukrainische Soldaten in Russland

Laut russischer Behörden haben die Soldaten Asyl in Russland beantragt. Die ukrainische Regierung widersprach der Darstellung scharf. Mehr

05.08.2014, 15:37 Uhr | Politik
Kanada Mutmaßlicher Terrorangriff auf Soldaten

Das Auto als Waffe: Ein junger Mann überfährt auf einem Parkplatz in der kanadischen Provinz Québec zwei Soldaten, einer von ihnen stirbt später. Nach einer Verfolgungsjagd kommt auch der mutmaßliche Islamist ums Leben. War es ein Terroranschlag? Mehr

21.10.2014, 18:20 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 03.05.2005, 15:54 Uhr

Warhol mit Zeitungsbeilage

Von Patrick Bahners

Wie kann man Leser noch schockieren, die man an optische Sensationen gewöhnt hat? Mit der Mittwochsausgabe dieser Woche gelang der „New York Times“ das Kunststück: Die Zeitung wurde in eine Anzeige verpackt. Mehr 1