http://www.faz.net/-gqz-6ykuh

Empowerment der Rentner : Mobilisiert

Das Horrorszenario ist vorbei. Bald müssen Rentner nicht mehr freudlos ihr Erspartes verjubeln. Sie dürfen bis ins hohe Alter arbeiten.

          Seit gestern können wir wieder nach vorne schauen. Seit gestern wissen wir: Es geht auch mit Mitte sechzig weiter wie bisher. Die Rentnerperspektive ist nicht länger trostlos, wir leben ihr von Stund’ an mit einem inneren Lächeln entgegen. Denn die biographische Bruchlandung, der wir seit einem halben Leben tapfer ins Auge schauen, fällt aus.

          Was hatten wir uns nicht schon für Horrorszenarien ausgemalt: verdammt zu einem Alter in Fitness und Würde, aber niemand will mehr etwas von unserer Arbeitskraft wissen; die Kinder längst aus dem Haus (nicht jeder verfügt über so viel Fortune und Virilität, sich am Lebensabend mit seinen spät Gezeugten umgeben zu können); in den Rentnerparadiesen von Florida bis Thailand braun gebrannt und freudlos das Ersparte verjubelt. Solche Bilder aus Dantes Höllenkreisen, die uns an die Zukunft nicht zu denken wagen ließen und den transzendentalen Rahmen der Gegenwart empfindlich verzogen – solche Bilder sind seit gestern obsolet.

          Der Lockruf der Eigenverantwortung

          Ruhestand, wo ist dein Stachel, wenn wir uns dank unserer Bundesarbeitsministerin nun auch im hohen Alter noch dumm und dämlich verdienen können? Es geht ja nicht ums Geld, es geht um die Anerkennung als später Leistungsträger, die es symbolisiert und unsere intrinsischen Antriebe zum Blühen bringt, uns auch bei schwindenden Renten „ich“ sagen lässt. In diesem Sinne hält Frau von der Leyen vom nächsten Jahr an für Rentner einen Willkommensgruß aus der demographischen Küche bereit: So darf man sich künftig, hat man das dreiundsechzigste Lebensjahr erreicht und fünfunddreißig Versicherungsjahre hinter sich, so viel hinzuverdienen, dass man zusammen mit der Schwundrente auf einen Satz kommt, der dem höchsten Einkommen der letzten fünfzehn Berufsjahre entspricht.

          Bislang durfte man neben der Rente nur vierhundert Euro einnehmen, der Rest musste schwarz laufen. Das Empowerment der Rentner, das die Arbeitsministerin mit dem Lockruf der Eigenverantwortung betreibt, soll nicht zum Schaden der Volkswirtschaft sein: Drei jobbende Rentner kommen den Staat naturgemäß billiger als ein Arbeitnehmer. Sind die voll mobilisierten Alten erst einmal losgelassen, werden sich die Jungen, denen sie die Arbeitsplätze wegnehmen, warm anziehen müssen.

          Topmeldungen

          Mit einer Kundgebung vor dem Berliner Reichstagsgebäude fordern Demonstranten die Abschaffung von Paragraf 219a.

          Abtreibungsgesetz : Straffrei, aber geächtet

          Die Debatte zum Paragraphen über das Verbot der Werbung für Abtreibung wirft Fragen auf: Können Politiker Reklame und Information nicht unterscheiden? Und verhindert das Gesetz auch nur eine einzige Abtreibung?
          In der Münchner BMW-Zentrale muss man sich nun kritische Nachfragen gefallen lassen

          Diesel-Affäre : BMW spielte falsche Abgas-Software auf

          Eine irrtümlich aufgespielte Software sorgt nun für einen Rückruf: BMW muss 12.000 Dieselmotoren korrigieren. Eine peinliche Lage für den selbsternannten Saubermann der Branche.

          Vergabe-Streit um EU-Mittel : Bloß keine neuen Spaltungen!

          Berlin will die Vergabe von EU-Mitteln an die Kooperation in der Flüchtlingspolitik koppeln. Die Osteuropäer sind entrüstet. Und Brüssel will das Thema erst mal nicht anfassen. Was nun?

          Angriffe in Ost-Ghouta : Ein unmenschlicher Feuersturm

          Syrien bombardiert seit Tagen mit russischer Hilfe Ost-Ghouta. Krankenhäuser werden gezielt angegriffen. Und ein Angriff mit Bodentruppen könnte bevorstehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.