27.11.2007 · Hinter ihm ragt keine wohlgeordnete Bibliothek auf. Nur Papiere liegen auf den wenigen Regalbrettern herum, wie vom Wind zusammengeweht. Bei Cioran daheim in Paris sieht man: Komfortables Wohnen ist schon Verrat.
Emile Cioran sitzt bei sich daheim in Paris. Er hat vor allem Aphorismen geschrieben, keine dicken Theorien. Er lässt keinen Krümel am Daseinssinn. Mit dem, was er gedacht hat, kann man sich in der Welt nicht behaglich einrichten. Mit Adorno kann man sich ein Nest bauen, auch mit Foucault, mit Luhmann sowieso. Bei Cioran sieht man: Komfortables Wohnen ist schon Verrat. Hinter ihm ragt keine wohlgeordnete Bibliothek auf. Er sitzt da ohne den festen Rahmen der Belesenheit, mit dem Intellektuelle ihre angenommene Reichweite ausmessen. Nur Papiere liegen auf den wenigen Regalbrettern herum, wie vom Wind zusammengeweht.
So schaut das Materiallager eines intellektuellen Nomaden aus, von einem Kopf, der sich wundert. Cioran macht keine ausladenden Gesten, er war kein Angeber. Wahrscheinlich würde er auch nur mit den Händen an die Zimmerwände stoßen. Dieses Denken ist ganz und gar Gesicht. Solche Falten bekommt man, wenn man an allem zweifelt. Der amerikanische Philosoph Richard Rorty sieht dagegen hausbacken aus. Wer alles bei Licht betrachten möchte und nichts in die Dämmerung von Sinnkonstrukten zieht, der wirft keine Blicke ins Publikum, der braucht keine Brille für den Kollegenanmerkungsapparat.
Cioran blinzelt, als könnte er, was und wie es ist, nicht mehr sehen. Im Grunde genommen ist das unser Mann. Aber wir wollen es uns doch lieber bequemer machen, wollen uns einkuscheln, vielleicht auch deshalb, damit wir uns nicht so leicht wie eine Eintagsfliege vorkommen. Cioran spricht leise, weil alles Wesentliche schon gesagt ist - wir sprechen weiter drum herum: Er in der Kammer, wir in unserem Rede-Empire.
Video: Emile Cioran auf youtube.com