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Elmore Leonard: Road Dogs : Balzac in Venice Beach

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Eine Gaunerei, mit der man sogar Luhmanns Systemtheorie verstehen lernt: Elmore Leonard bringt seinen bewährten Helden Jack Foley wieder in die Klemme. Im grauen Gewimmel der handelsüblichen Privatdetektive sticht „Road Dogs“ heraus.

          Wenn der Mann Geschichten aus seinem Leben erzählt, klingen sie wie Episoden aus seinen Büchern. Er habe, sagt Elmore Leonard, sein neuestes Buch der Regisseurin Kathryn Bigelow geschickt, er kenne sie flüchtig, weil vor mehr als zwanzig Jahren mal eine große, blonde Frau in einer Limousine vor seinem Haus vorgefahren und hineingestürmt sei. Zwanzig Minuten lang habe sie mit ihm über sein Werk geplaudert. „Dann lief sie raus, und das war's.“ Weil die Dinge bei Leonard so schnell gehen, muss man hinzufügen, dass er ihr „Djibouti“ geschickt hat, den 2010 erschienenen Roman über eine Dokumentarfilmerin, die im Indischen Ozean nach Piraten sucht.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Bei uns gehen die Uhren langsamer, da ist jetzt gerade erst Leonards vorletztes Buch „Road Dogs“ erschienen, und auch sonst hinken wir etwas hinterher in Sachen Leonard, obwohl er inzwischen auch schon 85 ist und nicht erst seit gestern schreibt. Zweiundvierzig Romane sind es insgesamt, in den siebziger Jahren hat er sich etabliert mit Kriminalromanen, aber es hat in Deutschland auch nicht viel geholfen, dass Verfilmungen wie „Jackie Brown“ oder „Schnappt Shorty!“ ziemlich erfolgreich waren.

          Eingängig, selten holprig

          Man würde ihn hier kaum mit Balzac vergleichen wie in Amerika, und das liegt vor allem daran, dass die Schnittmenge zwischen Balzac-Verehrern und Leonard-Lesern leider verschwindend ist. Es hat aber auch damit zu tun, dass die Übersetzungen selten das treffen, was man den Sound von Elmore Leonard nennen muss. Schnell, rhythmisch, in allen Soziolekten zu Hause, mit hohen Anteilen wörtlicher Rede, haben seine Romane ihren unverwechselbaren Klang. Man sollte das nicht mit Naturalismus verwechseln, bloß weil die Charaktere scheinbar so daherreden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Was man da liest, ist keine geglättete Tonbandabschrift, sondern harte Arbeit an einer Art Partitur; wofür im Englischen schon mal fünf Worte reichen, kommen im Deutschen oft fünfzig Prozent und mehr dazu. Und die Verdichtung, in der Leonard eine Szenerie, ein ganzes Milieu skizzieren kann, lässt sich auch nicht so ohne weiteres nachbilden.

          In „Road Dogs“ haben die beiden Übersetzerinnen ihren Job gar nicht so schlecht gemacht, es liest sich eingängig, selten holprig. Man muss sich, nur zum Beispiel, halt entscheiden, ob man in wörtlicher Rede „wegen“ mit dem Dativ verbindet, wie es im Alltag dauernd passiert. Man kann nur nicht im selben Satz einmal den Genitiv wählen und dann den Dativ. Aber weil nicht jeder Leonard-Romane im Original lesen kann und will, muss man mit Übersetzungen leben.

          Ein Wiedersehen mit Jack Foley

          Dafür hat man in „Road Dogs“ ständig George Clooney vor Augen, weil er in Steven Soderberghs Verfilmung von „Out of Sight“ Jack Foley spielte. Foley, der Charmeur, der 176 Banken überfallen hat, ohne Blut und ohne Gewalt, ist dank eines kubanischen Knastbruders auf freiem Fuß. Jetzt schuldet er ihm etwas. Im kalifornischen Venice soll er auf die Frau dieses Cundo Rey aufpassen, die als Hellseherin den passenden Namen Dawn trägt. Foley richtet sich ein, geht natürlich mit Dawn ins Bett, traut niemandem, muss sich dann auch seinen Compañero vom Leibe halten - und schafft es, dass man ihn, auf ganz eigene Weise, für einen anständigen Kerl mit Prinzipien hält.

          Natürlich geht es vor allem darum, wer wen mit wessen Hilfe über den Tisch zieht, wer am Ende das Geld bekommt und womöglich auch die Frau. Im Grunde wäre nicht nur dieser Plot ein idealer Studienfall für Luhmanns Systemtheorie, weil Leonards Gauner listig mit Erwartungen und Erwartungserwartungen der anderen kalkulieren - aber gerade nicht, um ein soziales System zu stabilisieren. Elmore Leonard hat zündendere Romane in ausgefalleneren Milieus geschrieben als „Road Dogs“ - aber im grauen Gewimmel der handelsüblichen Privatdetektive, Ermittlungsbeamten und Serienkiller ist dieses Wiedersehen mit Jack Foley noch immer ein Solitär.

          Elmore Leonard: "Road Dogs". Roman. Übersetzt von Conny Lösch und Kirsten Riesselmann. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2010. 303 S., geb., 19,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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