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Elfriede Jelinek : Hausbesuch bei der Nobelpreis-Erträgerin

  • -Aktualisiert am

„Eine Ehre, die für mich zu groß ist im Moment” Bild: REUTERS

Elfriede Jelinek haßt öffentliche Auftritte; aber dann hat sie doch die Tür aufgemacht und über den Preis gesprochen, über die Last, die er ihr aufbürdet, aber auch über das Glück, das er bedeutet.

          Das Haus ist klein und unscheinbar, wie alles in dieser Straße, wie alles in diesem Teil der Stadt. Es ist graubraun und hat Fenster, die man nur einbaut, wenn man keinen Lärm im Haus haben will oder keine Einbrecher. Von der Innenstadt sind es gut zwanzig Minuten hier heraus, nach Hütteldorf, wo sich Wien in den grünen Hügeln verliert. Neben dem Gartentor sind zwei Klingeln, die Metallschilder daneben sind ohne Namen.

          Das ist von Bedeutung. Alles ist an so einem Tag von Bedeutung. Es geht schließlich um den Preis.

          Elfriede Jelinek macht die Tür auf. Zuerst sind da ihre Augenbrauen, die sie leicht orange nachgezogen hat, dann sind da ihre Augen, die freundlich und ein bißchen müde schauen und dabei sagen, daß sie die Situation schon versteht, es ist für uns alle nicht angenehm, da müssen wir jetzt durch, notfalls zusammen. Dann ist da ein komplettes Gesicht. Sie lächelt.

          „Ich kann das nicht ertragen, dieses Angeschautwerden”
          „Ich kann das nicht ertragen, dieses Angeschautwerden” : Bild: AP

          "Kommen Sie herein."

          So klar war das nicht. So klar war das ganz und gar nicht. Aber man kann ja mal Glück haben.

          Sie geht die Treppe hoch. Oben ist ein helles Wohnzimmer, wo auch das rosa Bild hängt, das im Fernsehen zu sehen war und in den Zeitungen und auf der ganzen Welt. Sie setzt sich auf das weiße Sofa mit dem Stahlgestell, auf dem auch der Teddybär sitzt, auf dem auch das rosa Kissen ist, auf dem "Elfi" steht. Sie hat weite schwarze Hosen an und einen beigefarbenen Pullover, sie hat diese Elfriede-Jelinek-Frisur, sie schaut aus wie jemandes beste Freundin. Das Telefon klingelt.

          "Ich gehe da mal schnell hin", sagt sie, als ob sie das erklären müßte.

          Sie weiß es seit Donnerstag halb eins. Sie hat dann gleich den Sekretär der Akademie in Stockholm angerufen und ihm gesagt, daß sie nicht kommen kann. "Der hat das verstanden", sagt sie, "da bin ich ihm auch sehr dankbar."

          Es ist seltsam. Schon am Anfang entsteht eine Leichtigkeit um sie herum, die daher rührt, daß für sie alles so schwer ist.

          Der Preis also. Das Telefon klingelt noch ein paar Mal an diesem Vormittag, sie geht immer hin und spricht kurz mit den Leuten. Dann setzt sie sich wieder auf das Sofa und schaut einen an. "Das ist eine Ehre, die für mich zu groß ist im Moment", sagt sie. "Es ist doch unvorstellbar, daß ich mich jetzt neben Leuten wie Beckett und Hemingway wiederfinde." Sie macht eine Pause. "Gleichzeitig ist so ein Preis auch ein aggressiver Akt. Ein Eindringen."

          Der Blick geht normalerweise weit von hier oben, die Hügel gegenüber liegen heute im grauen Dunst. Sie gibt kaum Interviews, seit das mit dem Preis bekannt ist. Und dieses nur wegen ein, zwei Zufällen. "Ich mag Ihre Sonntagszeitung", hatte sie gesagt. Aber was ist so schlimm an der Preisverleihung?

          "Ich kann das nicht ertragen", sagt sie, "dieses Angeschautwerden. Irgendwann ist einmal der Punkt dagewesen, wo es einfach nicht mehr ging."

          Die Sätze, die sie sagt, kommen ruhig, sie kommen präzise, sie kommen mit Pausen. Sie sind ganz anders als die Sätze, die Elfriede Jelinek schreibt.

          Sie erzählt von der Disziplin, mit der sie sich früher gezwungen habe, sich den Menschen auszusetzen, eine 68er-Disziplin, wie sie sagt, ein politischer Akt, weil sie doch Rechenschaft schuldig war diesen Menschen gegenüber, die "als Steuerzahler mein Scheintum mitfinanzierten". Sie erzählt davon, daß es ein Fehler war, soviel zu reden damals, über ihre Bücher zum Beispiel, über "Lust" oder "Die Klavierspielerin", "es wird ja sowieso mißverstanden, was man sagt". Sie erzählt von dem Bild, das sich andere von ihr machen, und wie sie dieses Bild nicht mehr erfüllen will.

          Es war das Bild des Wunderkindes, der Feministin, der Skandalautorin, der Rabiatpoetin, der Theaterfurie, der Haiderfeindin, der Vaterlandsverräterin. Jetzt also das Bild der Nobelpreisträgerin.

          "Ich wollte nie eine öffentliche Person sein", sagt sie. "Ich habe diese Rolle nicht gesucht, wir Künstler in Österreich haben diese Rolle nicht gesucht. Aber jemand muß ja die Drecksarbeit machen." Sie meint den Krieg und die Lügen, den Faschismus und die Pornographie, die Männer, die Sprache, den Sport und die Bergbahn von Kaprun. Sie meint die Welt.

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