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Elefantenrunde : Fehler in der 24. Minute

Neulich in der Berliner Runde Bild: ARD-Hauptstadtstudio/Axel Berger

Was mussten wir da in der Berliner Runde vernehmen: Die AfD hat ihre stärksten Zahlen unter Migranten? Das würde sogar noch Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ in den Schatten stellen.

          In der „Elefantenrunde“ saß diesmal neben dem „Ideenstaubsauger“ (so Martin Schulz über Angela Merkel), dem „verantwortungslosen“ Wahlverlierer (so Christian Lindner über Martin Schulz), der „offenen rechten Flanke“ (so, über sich selbst, Joachim Herrmann) und den drei Kleingewinnern dieser Wahl ein neuer, gewichtiger Dickhäuter mit am Tisch: Jörg Meuthen, Parteivorsitzender der AfD, der nun drittstärksten politischen Kraft in diesem Land, hatte als Klassenneuling neben der sichtlich enervierten Linken-Chefin Katja Kipping Platz genommen und sich zunächst nur mit sorgenvoller Stirn über seine Notizzettel gebeugt. Aber nachdem sich die Altbekannten dann gegenseitig immer stärker darin überboten hatten, dem Neuling mit größtmöglicher Aversion zu begegnen, ihn als „Antidemokraten“ mit Abschottungsphantasien und Rassisten mit „völkischen Reinheitsgedanken“ zu begrüßen, zog Meuthen in der 24. Minute plötzlich eine Karte aus dem Ärmel, die alle anderen hätte vom Stuhl fallen lassen müssen: Um den Vorwurf des fremdenfeindlichen Rassismus zu entkräften, sagte er nämlich auf einmal im Brustton der Überzeugung: „Schauen Sie doch, wo wir die stärksten Zahlen haben – das ist de facto unter Migranten, die selbst nicht mehr fassen können, was mit diesem Land passiert.“

          Ein Satz, der ein bisschen so klingt, als wäre er falsch aus „Unterwerfung“, dem jüngsten, 2015 erschienenen Roman von Michel Houellebecq, abgeschrieben. In der dort beschriebenen Dystopie gehen die traditionellen Parteien bekanntlich eine Liaison mit einem muslimischen Charismatiker ein, der nach dem Wahlerfolg schnurstracks die Scharia und Polygamie einführt. Was Meuthen hingegen hier suggerierte, klang wie ein geistesverwandter Wunschtraum unter verkehrten Vorzeichen: Konservative Migranten strecken die Hand nach den Neurechten aus, weil sie nur noch hier ihre „Werte“, ihre Vorstellung von Familie und Sicherheit verteidigt sehen. Die fortschrittlich-aufgeklärte Linksliberalität als gemeinsamer Feind führt zu einer Gefühlsgemeinschaft zwischen Migranten und Neurechten – diese These ist weder wahrscheinlich noch belegbar.

          Keines der großen Wahlforschungsinstitute befragt ihre Testpersonen mit Blick auf den Migrationshintergrund. Allein aus regionalem Kontext gibt es vereinzelt Ergebnisse: So findet sich eine nach der letzten Landtagswahl geführte Umfrage der Stadt Freiburg, nach der 34 Prozent der AfD-Wähler einen Migrationshintergrund haben. Allerdings sind das wohl vor allem Russlanddeutsche und nicht etwa türkischstämmige Muslime. Trotzdem täuscht Meuthen mit dieser Behauptung eine waghalsige Erweiterung des AfD-Parteiprofils vor: Neben den Wutbürgern wird nun das Netz nach einer weiteren Sorte von Abgehängten ausgeworfen, die sich politisch nicht repräsentiert fühlen: die konservativ-islamische Community, die sich nach Recht und Ordnung in Alltagsdingen und in Moralfragen sehnt. Vom alles dominierenden „Anti-Islam“-Kurs müsste Meuthen seine Parteifreunde freilich noch abbringen. Aber dann wäre ein neuer Houellebecq-Roman schon fast geschrieben.

          Quelle: F.A.Z.

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