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Eisenman-Interview (I) „Ich hatte lange Zeit Angst zu bauen“

03.02.2001 ·  Berlin hat mit seinen strengen Bauauflagen einen Fehler begangen. Das sagt der amerikanische Architekt Peter Eisenman, Erbauer des Holocaust-Mahnmals, im großen FAZ.NET-Gespräch. Obwohl die deutsche Hauptstadt an Attraktivität gewonnen habe, seien Investoren auf lange Sicht abgeschreckt worden.

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Peter Eisenman ist den Deutschen fast ausschließlich durch seinen Entwurf für das Berliner Holocaust-Mahnmal bekannt. Der amerikanische Architekt ist aber seit den 60-er Jahren zugleich einer der international einflussreichsten Architekturtheoretiker. Jetzt - mit 68 Jahren - will Eisenman nur noch bauen. FAZ.NET sprach mit ihm über seinen Werdegang als Architekt, über die Hauptstadt-Architektur und über seine Projekte in aller Welt.

Herr Eisenman. Wenn von Ihnen gesprochen wird, dann geht es immer um das Holocaust-Mahnmal. Aber Sie sind, wie man hört, zur Zeit auch anderweitig beschäftigt. Was kommt als nächstes?

Wir haben gerade den Wettbewerb für ein neues Wissenschaftsmuseum in Pittsburgh, Pennsylvania, abgeschlossen. Und wir haben gerade die Vorplanung für die Kulturstadt in Santiago de Compostela beendet. In zwei Wochen muss ich nach Taiwan, um die Vorplanung für ein Museum für Digitale Kunst in Angriff zu nehmen. Dann komme ich zurück, und wir arbeiten an einem anderen Wettbewerb für ein neues Museum Moderner Kunst in Lyon. Am Montag fährt mein Partner nach Phoenix, Arizona, wo wir ein American-Football-Stadion bauen werden. Freitag treffe ich die Ausstellungsdesigner eines Museums in Staten Island. Wir sind tatsächlich sehr beschäftigt.

So war es nicht immer.

Das stimmt. Wenn Sie Qualität, Architektur mit Ideen, bauen wollen, dann entwickelt das menschliche Gehirn die Ideen nicht so schnell wie die Kunden ihre Gebäude haben wollen. Manchmal, wenn Sie zwei oder drei Gebäude zur selben Zeit bauen, zum Beispiel das Digital Art Museum, das Pittsburgh Science Museum, das neue Museum in Lyon, dann spiegeln die drei Museen ähnliche Überlegungen darüber, was ein Museum sein sollte. Ich habe immer nur eine bestimmte Auswahl von Ideen gleichzeitig. Es wird daher schwierig sein, drei neue Ideen zur selben Zeit zu generieren.

Wie schnell geht so was, ein Bauwerk zu entwickeln?

Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, wo wir für den ersten Entwurf zwischen sechs und acht Wochen brauchen. Das liegt daran, dass ich in jedes Projekt eingebunden werden muss. Ich habe verschiedene Teams, die an einem Projekt arbeiten, aber den ideologischen Rahmen lege ich fest. Dann entwerfen wir den Bau am Computer und in Modellen. Manchmal dauert es, bis wir überhaupt eine Strategie gefunden haben. Für Lyon zum Beispiel haben wir immer noch keine Strategie. Wir haben den Platz besichtigt. Er liegt am Zusammenfluss der Saone und der Rhone - ein sehr schmaler Ort. Es könnte sein, dass wir hier ein vertikales Museum bauen. So was habe ich nie zuvor gemacht. In Pittsburgh haben wir ein Museum im rechten Winkel zum Fluss angelegt. Jeder Baugrund birgt seine eigenen Chancen und Schwierigkeiten.

Sie wollen ein Museum als Wolkenkratzer anlegen?

Das Land ist so eng, und die zwei Flüsse verlangen nach einem symbolischen Ausdruck. Ich denke an ein Museum, das aus mehreren Gebäuden besteht, die jeweils vierzig, fünfzig Meter hoch sind, mit 2000 Quadratmeter auf jedem Geschoss, zehn Stockwerken mit Ladenflächen und Büros. Das ist eine erste Idee.

Der Wettbewerb ist noch nicht entschieden.

Nein. Das Gute an Wettbewerben ist, dass Ideen generiert werden. Wettbewerbe sind besser als direkte Aufträge. Sie setzen eine Energie frei, eine nervöse Energie. Man kämpft gegen einen unsichtbaren Gegner. Wenn ich einfach einen Auftrag bekomme, dann fehlt mir diese Energie. Es gibt nicht diesen Zwang, sich zu übertreffen. Wettbewerbe helfen mir, Risiken einzugehen, eingefahrene Wege zu verlassen. In Pittsburgh etwa war einer der Mitbewerber Daniel Libeskind, und das allein reichte aus, mich unter Spannung zu setzen. Auch Bernard Tschumi und Jean Nouvel waren dabei. Diese Leute sind fast immer dabei und sind schwierige Mitbewerber.

Welches dieser Projekte betrachten Sie als die größte Herausforderung?

Das Stadion ist das imposanteste Projekt. Es stellt eine große Herausforderung dar. Es kostet 700 Millionen Mark. Ich dachte, das Holocaust-Mahmal sei das größte Projekt, das wir jemals verwirklichen würden. Das Stadion ist noch größer. Und es stellt auch inhaltlich eine unglaubliche Herausforderung dar. Jede Stadt braucht ein Stadion, ob Frankfurt oder Berlin. Doch die meisten Stadien gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Hier etwas Neues zu entwickeln, ist eine große Aufgabe. Ansonsten sind für mich natürlich alle Projekte auf ihre Art wichtig: Das Museum in Staten Island ist mein erster Auftrag in New York City. Das Holocaust-Memorial ist eine ganz besondere Bauaufgabe. Die Kulturstadt in Santiago de Compostela ist wieder etwas ganz anderes. Auf Santiago bin ich auch sehr stolz. Es ist wie die anderen Projekte ein Beispiel dafür, dass ich als Architekt meine Reife erreicht habe.

Wie hat man sich diesen Reifeprozess vorzustellen?

Reifen bedeutet ganz einfach Wachsen. Im Laufe meiner Karriere habe ich eine bestimmte Position in meinem Werk erlangt - eine ideologische Position, eine soziale Position, eine philosophische Position, die definiert, wo ich stehe und wer ich bin. Ich habe gerade im Museum of Modern Art darüber mit Richard Rorty debattiert, dem pragmatischen amerikanischen Philosophen, die Nummer eins. Man steckte uns zusammen, weil ich einen eher kontinentalen poststrukturalistischen Blick auf die Welt habe. Wir diskutierten sehr ernsthaft: Pragmatismus versus Poststruktualismus, gesehen durch die Augen eines Architekten und eines Philosophen. Meine Position entstand immer im Wechselspiel zwischen Philosophie und Architektur.

Wenn ich sage, ich habe ein Reifestadium erreicht, dann meine ich damit, dass ich eine bestimmte Position jetzt erreicht habe. Jetzt entwickle ich mich innerhalb dieser Position, erkunde verschiedene Wege. Anstatt neue theoretische Positionen zu entwickeln, setze ich jetzt lieber die um, die ich in den letzten Jahren nicht verwirklichen konnte. Das würde ich Reife nennen. Mit anderen Worten: Meine wichtige intellektuelle Arbeit ist getan. Jetzt muss ich die praktische Ausführung auf das Niveau bringen, das die Ideen schon haben. Ich habe also nicht vor, noch einmal einen neuen Stil oder eine neue theoretische Position zu entwickeln.

Das Gespräch führten Holger Christmann und Swantje-Britt Koerner in Berlin

Quelle: @hc
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