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Eiscreme im Museum : Diese Schau lässt keinen kalt

Der weiteste Weg lohnt sich: Für Käufer wie Verkäufer von Speiseeis. Letztere kamen meist aus Italien. Und man glaubt gar nicht , wie fußfrisch eine Portion der kühlen Leckerei die Menschheit wieder machen kann. Bild: dpa

Eiskalte Verführer: „Gelato!“ heißt eine Ausstellung in Neuss, die uns zeigt, was wir im Sommer den Italienern zu verdanken haben. Grazie für die Erfrischung!

          Die ersten von ihnen kamen Ende des neunzehnten Jahrhunderts: Seit 1894 gibt es (mit kurzen Unterbrechungen) das Eiscafé Sagui in Mönchengladbach, das in vierter Generation geführt wird. Alte Fotos zeigen die Gründerbrüder im dreiteiligen dunklen Anzug mit Fliege. Andere waren davor schon als Wanderhändler unterwegs, die wie die Schausteller oder Straßenmusikanten weiterzogen, nicht immer freiwillig, denn deutsche Konditoren fürchteten die italienische Konkurrenz und sagten ihnen mangelnde Hygiene nach. Die meisten, drei Viertel von ihnen, sind in zwei Alpentälern, dem Val di Zoldo und dem Cadore, zu Hause, einer armen Gegend, wo Landwirtschaft und Viehzucht nicht alle ernähren konnten.

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

          Die Gelatieri aus den Dolomiten waren die ersten, die südliches Flair über deutsche Marktplätze wehen ließen. In den zwanziger Jahren eröffneten in vielen Städten Eisdielen, und in den Fünfzigern, so diese Zeitung 1959, „sprossen sie wie Pilze aus dem Boden“. Längst gehören sie fest zum Stadtbild.

          Historisches Werkzeug der ersten Speiseeishersteller in deutschen Landen Bilderstrecke
          Historisches Werkzeug der ersten Speiseeishersteller in deutschen Landen :

          Das Clemens Sels Museum in Neuss nimmt mit der Ausstellung „Gelato!“ die Spuren der Eismacher auf und verfolgt ihren Weg an den Niederrhein. Und wieder zurück. Denn sie kamen – und kommen noch heute – nur für den Sommer, Saison-Migranten, Pendler zwischen den Welten, die in der Heimat überwintern. Vom kargen Leben dort erzählt ein Raum, in dem Geräte und Werkzeuge, Hobel und Holzschuhe, Schober und Schlitten vor Fototapeten mit Bauernhöfen, Dorfansichten und dramatischen Bergpanoramen aufgebaut sind und leise Kuhglocken bimmeln; ein anderer versammelt die Instrumente und Utensilien, die zur Herstellung gebraucht werden, von Holzbottich und Rührstab bis zum Proportionierer und der in Deutschland erfundenen Spaghetti-Eis-Presse.

          Glanzstück – und das im Wortsinn – der Ausstellung aber ist das nachgebaute Eiscafé „Lido“, auf dessen elegant designter Theke eine Original-Gaggia, Baujahr 1958, thront. In seinen Vitrinen funkeln die Silberbecher wie Pokale (das italienische Wort „coppa“ bedeutet beides), und runde Tischchen und Stühle mit chromblitzenden Streichholzbeinen laden zum Verweilen.

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          Die Schau lässt keinen kalt. Denn sie taut Kindheits- und Jugenderinnerungen auf. Das Eiscafé ruft die Zeit wieder wach, als die Kugel zehn Pfennige kosteten, die Matheaufgaben unter Lampen aus Muranoglas abgekupfert wurden, sich vor dem Verkaufsfenster Schlangen bildeten und Conny Froboess „Zwei kleine Italiener“ trällerte. Und sie sind winzige Inseln der italianità, Fernwehtreibsamen des Südens, die nach der Herkunft ihrer Inhaber „Dolomiti“, „Cortina“ oder „Belluno“ heißen, aber auch „Venezia“, „Adria“, „Rimini“. Der Besucher kann viele Aromen schnuppern und in Gläser mit Zutaten wie Amarena-Kirschen, Schoko-Raspeln oder Malaga-Rosinen blicken, die eiskalte Verführung aber gibt es nur abgepackt an der Kasse. Würde sie ausgestellt, erginge es ihr wie den Besuchern: Sie schmölze dahin. Entschädigung bietet das Eiscafé Zampolli in der Krefelder Straße 54, das, seit 1937 in Neuss, dem Museum zahlreiche Objekte zur Verfügung gestellt hat.

          Gelato! Italienische Eismacher am Niederrhein. Im Clemens Sels Museum, Neuss; bis zum 17. September. Der Katalog kostet 12,90 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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