10.07.2012 · Der Vatikan erwirkt vor dem Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung gegen das Satiremagazin „Titanic“. Titelbild und Rückseite der aktuellen Ausgabe dürfen nicht weiter verbreitet werden.
Von Oliver KühnRichtlinien für Lesermeinungen
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Johannes Paul II. und die "Schwächen" des Alters - Grund für das Handeln des Papstes?
Mancher mag es Benedikt als Humorlosigkeit ankreiden, gegen diese Art
von Satire vorzugehen.
Vielleicht lohnt es aber, kurz innezuhalten und an den letzten Papst zu
denken. Johannes Paul II., gegen Ende seines Lebens von den
Schwächen des Alters sichtbar gezeichnet,- möglich, dass
Benedikt vielmehr sein Ansehen schützen wollte als das seinige.
Denn wer an diesen großen alten Mann in seinem Rollstuhl und an
all seine Gebrechlichkeit zurückdenkt und dann sich das Cover vor
Augen führt, - ... Wohl war, körperliche Gebrechen, die
Hinfälligkeiten des Alters, eignen sich denkbar schlecht für
eine Satire!
Abgesehen davon sollte man bedenken, dass dem Aspekt der
(körperlichen) Reinheit in der jüdischen und auch in der
christlichen Religion eine nicht unerhebliche Bedeutung zukommt.
Das Bild mag harmlos erscheinen, wenn man den Focus erweitert, muß
es dies nicht mehr sein. Insofern ist die Reaktion des Vatikan nachvollziehbar.
Hat das Istituto per le Opere di Religione (auch Vatikanbank genannt) ...
Anteile am Titanic-Verlag ? Man könnte es fast meinen. Das juristische Vorgehen erhöht die Auflage, sonst nichts. Fallen einem doch schnell die widersinnigen Kampagnen alter Kleriker gegen Verhütung und Frauen ein.
Reaktion ist die eigentliche Satire
Da es sich bei dem Magazin "Titanic" bekanntermaßen um
ein Satirezeitschrift handelt, wirkt das Vorgehen des Vatikans
äußerst befremdlich, dass man Satire (ob nun gute oder
schlechte, das steht gar nicht zur Debatte) nicht vom Rest des
Blätterwaldes zu unterscheiden weiß, zeigt wie weit man dem
"normalen Leben" nach wie vor entrückt ist.
"Titanic" tarnt sich ja schließlich nicht und gibt
nicht vor, etwas die "Times" zu sein.
Das Ratzinger so intolerant sein soll, dass einem die Krawalle um die
Mohammed Karikaturen gleich durch die Gehirnwindungen dümpeln ist
mehr als beschämend und zeigt, dass sich die Religionen und ihre
Fanatiker in nichts nachstehen.
Eine "Fanta- und Schokoaffäre" ruft den Anwalt auf den
Plan. Das sind die Kreuzzüge des 21. Jahrhunderts. Dabei gäbe
es für den Papst so manche Schlacht, die er in den eigenenen Reihen
schlagen müsste.
Alle Jubeljahre wenn die Auflage der Titanic sinkt versucht die
Redaktion mit mehr oder weniger schmissigen Ideen die Zeitschrift
für kurze Zeit ins öffentliche Interesse zu heben.
Mal gelingt es, mal gelingt es nicht. Insofern ist die Aufmerksamkeit
die der Vatikan dieser speziellen Ausgabe gezollt hat genau das was die
Macher des Satire-Blattes erhoffen durften.
Ob das einer der guten (nicht "erfolgreichen") Versuche in
dieser Richtung war darf jeder selbst beantworten. Aber selbst als
Religions- und im besonderen Kirchenkritiker muß man das nicht
witzig finden. Wie erwähnt ging es darum dabei wohl aber auch kaum.
Wie wäre es einmal mit einem Ständchen an den Pilgertagen in Mekka?
Dort würde ein einfallsreich gestaltetes Cover sicherlich auf
Resonanz stoßen.
Und die Titanic wäre zu Recht in aller Munde.
Satire funktioniert nur, wenn ein ethisches Surplus erkennbar bleibt.
Das haben Sie wirklich gut auf den Punkt gebracht, Herr Brinkmann.
...
Ziemlich dünn, arg geschmacklos - aber auch irgendwie beruhigend
Denn die Frage der Grenzüberschreitung wird in diesem Land zwischen
den Beteiligten vor Gerichten geklärt, die Kirche droht deshalb
aber nicht mit Exkommunikation oder ruft zur Gewalt auf.
Das ist bei anderen Religionsgemenschaften, die ja angeblich auch zu
Deutschland gehören, durchaus anders...
Ich bin ein grosser fan von Titanic aber ab und an geht es mal zu weit so wie in diesem Fall. Ich finde es recht geschmack- und repektlos.
Antwort (1) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 11.07.2012 17:44 UhrDer Papst ist ein Mensch wie jede andere, nicht weniger - aber vor allem nicht mehr.
warum? nur weil es den PAPST getroffen hat?
viele Menschen sind da plötzlich empfindlich, warum eigentlich?
achso stimmt ja, man kommt ja in die Hölle wenn man Satire macht
und/oder darüber lacht.
auch der Papst ist ein Mensch wie JEDER andere auch.
steht sogar in der Bibel.
In einer Zeit, in der die selbsternannten Kultureliten den höchsten Ausdruck des Kulturellen im Widerlichen sehen, kann einen diese neuerliche Entgleisung eines der Niedertracht reichen Satireblattes nicht mehr entsetzen. Primitivität ist in unserer Gesellschaft längst salonfähig geworden, wie man auch an einigen Kommentaren zum Artikel und in der Presse wahrnehmen kann. Die klammheimliche Freude, mit der einige "aufgeklärte" Geister die Herabsetzung des Papstes kommentieren, zeugt von einer Borniertheit des Geistes, wie sie Fundamentalisten eigen ist, die nur gelten lassen, was sich in ihr Weltbild fügt. Die Engstirnigkeit feiert sich dann auch noch als Befreiungsakt und zwar von jeglicher Sittlichkeit, als ob dies tatsächlich eine erstrebenswerte Kulturleistung wäre. Da erhebt sich kein Geist, sondern er sinkt hinab auf den Urgrund des Hasses.
Antworten (4) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 12.07.2012 18:32 UhrHerr Raab,
offensichtlich haben Sie ein Problem damit, mir den "Witz" des
Titelblattes der Titanic zu erklären. Ich verstehe immer noch
nicht, was Sie und andere an der Fotomontage witzig finden.
Die Unterstellung der Papst sei inkontinent oder Inkontinenz als solche?
"Jedenfalls habe ich deutlich den Eindruck, sie reden gar nicht zu
mir, sondern zu etwas, was sie sich so unter mir vorstellen wollen
(einen Zitat "dummen Kerl" z.B.), um mal wenigstens noch den
Popanz zu erklären."
Es tut mir leid, wenn Sie sich angesprochen fühlten, ich ahnte
nicht, dass Sie sich derart eng mit der Titanic identifizieren.
Ach so, der Papst hat also auf die arme Titanic eingeschlagen!
Eine primitive Herabsetzung ist also ein Popanz?
Na, dann seien Sie doch mal so nett und erklären konkret(!), worin
denn die Pointe bei der Fotomontage liegt und welche Art des
"Witzes" da angesprochen wird.
Wie man´s nimmt Herr Raab,
für Adorno ist der Okkultismus gerade kein Phänomen des
Christlichen sondern die "Religion" der dummen Kerle, deren
Dummheit wesentlich über das Okkulte hinausreicht. Daher schrieb
ich ja auch vom Geist der dummen Kerle. Dass Ihnen der Zusammenhang
nicht klar ist, mag ich gerne glauben, auch dass es Ihnen mit der
"Pabst"kritik sehr pressierte.
Wäre es nur eine Satire über den Papst(!), es wäre
achselzuckend zu ertragen, aber im Gewande des "Humors"
bedient man sich doch der ekelhaftesten Klischees des Alters und seiner
Gebrechen. Die Titanic wusste ja auch schon mit der Herabsetzung von
Behinderten bei ihren Fans zu punkten.
Als ob es nicht ebenso einen Fundamentalismus atheistischer Prägung
gäbe, mit ausgeprägtem Hass auf die Katholische Kirche, sieht
man sich in der richtigen Weltanschauung, die jeden noch so
geschmacklosen Tabubruch erlaubt. Selbst wäre man natürlich
schon bei Petitessen sehr verschnupft.
Ihr Kommentar
bestätigt meinen Befund. Wo Witz reklamiert wird, meint man die billige Zote und wo man Freiheit reklamiert, sehe ich den Geist der "dummen Kerle", wie es weiland mal Adorno so treffend ausdrückte.
wenn hier behauptet wird die Titanic messe hier mit einerlei Mass und
mache sich lediglich am Christentum zu schaffen, muss ich aufs
entschiedenste widersprechen.
Ich erinnere hier an den Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb zur
Frankfurter Buchmesse (Gastgeber Türkei) oder die Titanic
Muslimbrüder auf dem Cover (zwei sich küssende Männer) etc.
Man kann hier sehr deutlich erkennen das derartige Kommentare sehr oft
empfohlen werden.
Das müssen demnach also Personen sein, welche die Titanic nicht
regelmäßig in der Hand halten geschweige den lesen, aber
trotzdem eine gefestigte Meinung darüber haben.
Ich würde soetwas durchaus als Vorurteil bezeichnen und wundere
mich schon weshalb hier Meinungen, ohne anscheinend selbst vom
Sachverhalt Kentniss zu haben empfohlen werden, nur weil sie einem
selbst passen. Aber vielleicht sind ja auch da wieder Vorurteile im Spiel.
Ich bin durchaus der Ansicht Satire muss weh tun und darf keine Grenzen
haben, auch wenn das zuweilen weh tut.
Gruß
Bis zwar alles andere als ein Freund dieser Organisation und ihres Chefs, aber das Beschriebene zeugt einfach nur von Niveaulosigkeit. Witzig und eher im Geiste der früheren "Titanic" wäre es in diesem Zusammenhang gewesen, ein Bild von einem Chorknaben zu nehmen, der einem Priester in die Augen sieht, und das mit dem Text „Ich mag’s zärtlich!“ der Plakatwerbung zu garnieren, die einen dieser Tage erschlägt ...
@Carsten Berg: Ja, das kann man so sehen, aber.....
Ich habe bereits angeboten die verantwortlichen Herren der Titanic bei
der Verhandlung vor dem jüngsten Gericht zu vertreten.
Wir werden nachweisen, dass die Fa Vatikan den Namen ihres Gründers
seit 2000 Jahren zu völlig anderen Interessen missbraucht hat, als
dieser beabsichtigte.
Sie haben Recht, Herr Müller - 10.07.2012 20:10 Uhr
Sie haben Recht in allen Punkten. Von »gutgemeinten«
Lösungsvorschlägen halte ich indes nicht viel.
N. b. sind die Titanic-Montagen unterirdisch abstoßend und
schlecht, genauso wie damals die meisten Mohammed-Karikaturen. Dennoch:
Satire darf alles. Auch eklig, respektlos und unterirdisch blöd
sein. Man muss sie ja nicht mögen.
Um so törichter ist es, durch sinnloses Herumgeklage missliebigen
Veröffentlichungen eine Riesenpotenzierung zu geben. Jürgen
Klinsmann hat 2009 - anwaltlich schlecht beraten - durch eine Klage
gegen eine grottenschlechte Montage mit seinem Gesicht in der TAZ
überschlägig ca. 35 Mio. Kontakte erzeugt. Die Auflage der TAZ
liegt so bummelig bei 50.000, das entspricht weniger als 150.000
Kontakten (also potenziellen Betrachtern der Montage).
wenn man bedenkt, was für Zumutungen sich die Gottlosen sonst so
vom Stellvertreter Christi gefallen lassen müssen. Da wäre
sicher die eine oder andere einstweilige Verfügung fällig,
wenn die das ernster nehmen würden.
Satiriker stellen meist an sich selbst den hehren Anspruch, reale
Missstände in der Gesellschaft in pointierter Weise zu
überspitzen und dadurh in den Fokus der Öffentlichkeit zu
bringen. Dabei kann der Tabubruch durchaus angebracht sein, denn der
eigentliche "Skandal" ist oft die Sache um die es geht. Das
gelang Titanic z.B. mit dem "berüchtigten " Titelbild zum
Missbrauchsskandal in der Kirche. Das war verletzend, aber eben auch
eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass es im eigenen Laden weder so
keusch noch so rechtschaffen zuging, wie es der eigene Anspruch ist.
Eine solche "skandalöse" Karikatur kann zum hinschauen
zwingen - mir als Katholiken hat sie damals ein bitteres Lachen entlockt.
Allerdings leidet Titanic aber schon länger darunter, einfach
keinen Witz auslassen zu können Dies ist so ein Fall. Es fehlt der
ursprüngliche Skandal und damit wird aus Satire einfach nur eine
ziemlich plumpe Beleidigung. Dagegen kann und sollte man sich dann wehren.
Geschmacklos und zugleich sachlich falsch!
Der antike Satiriker Lukian von Samosata spottete in einer seiner
Schriften über die noch junge Religion namens Christentum:
Während die römischen Wachsoldaten in der Nacht nach der
Kreuzigung vor ebendiesem eingeschlafen waren, nutze Jesus die Gunst der
Stunde und stieg herab. Als diese erwachten und das leere Kreuz
gewahrten, brachen sie in großes Entsetzen aus ob der zu
erwartenden Strafe. Jesus gereute seine Tat daraufhin derart, dass er
sich flugs wieder an das Kreuz hängte, damit den Soldaten kein
Leids geschehe.
Das ist Satire, hat Stil und Esprit.
Die billige Photomontage des "Witzblattes" läßt
diese dagegen vermissen, - greift sie doch keine "Wahrheit"
der Religion auf, sondern verspottet einen alten verdienstvollen Mann,
dem man einfach die Unpässlichkeiten des Alters andichtet.
Zu behaupten, der Papst sei die "undichte Stelle" verkehrt
zudem Täter und Opfer, die Behauptung ist damit nicht nur
dégoûtant, sondern sachlich falsch!
Aber wer den Schaden hat, braucht für...
Ein alter Mann, der in alberner Kostümierung auftritt um den Leuten was vom Männlein auf der Wolke zu erzählen, ist schon Realsatire genug.
Diese Aktion zeigt mal wieder die Serioesitaet des Papstes..
"Spielt Jesus noch eine Rolle"
Ich hoffe es gibt wie damals wieder ein Best-Of-Leserbriefe aller
deutschen katholischen Postillen
Mehr davon..auf alle Religionsvertreter....
Habe dreissig Jahre die Pfaffenschelte genossen...nun ist die Gefahr vorbei..also ran an die Muslime, Scientologen, Budhisten, ?.."
Die Titanic ist deshalb so politisch korrekt
weil die nicht die Knete haben, um in längeren Gerichtsverfahren zu bestehen. Desweiteren sind viele Autoren nebenbei auch für andere Mainstream-Medien, etwa der Spiegel oder die Zeit tätig. Für politisch unkorrekten Humor muss man außerhalb des Mainstreams stehen. Man muss entweder anonym, völlig unbekannt oder ohnehin ausgestoßen sein. Schonungslose Satire findet man aus diesem Grund auch nur noch im Internet. Bei der Titanic dagegen versucht man durch regelmäßige Schüsse auf die katholische Kirche ein eher klägliches Image als enfant terrible aufrecht zu halten. Leider ist der Vatikan für Satiriker seit mehr als 200 Jahren ein gut erschlossenes Jagdgebiet. Das ist weder einfallsreich, noch lustig, sondern einfach nur langweilig. Können die nicht einfach Witze von Reddit klauen und ins Deutsche übersetzen?