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Einsturz-Katastrophe Ein Monat danach: Köln im Dauerschock

01.04.2009 ·  Als vor einem Monat das Historische Archiv der Stadt Köln einstürzte, waren Tote zu beklagen und der Verlust unschätzbarer kultureller Werte. Einen Monat danach ist die Stadt noch immer im Schockzustand: Drängende Fragen nach Verantwortung und Zuständigkeit warten auf eine Antwort.

Von Andreas Rossmann
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„Wir wissen, was passiert ist, aber nicht warum“, sagte der Chef der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), Jürgen Fenske, am Tag danach. Vier Wochen nach dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln, der sich am 3. März kurz nach 14 Uhr am Waidmarkt ereignete, stimmt dieser Satz noch immer. Wer für das Unglück die politische, wer die moralische Verantwortung trägt, wer für die Schäden haftet, wer schuldig ist, sind Fragen, die seitdem die Kölner beschäftigen. Erst mit mehrwöchiger Verzögerung hat die Staatsanwaltschaft damit begonnen, Büros von Bauherren, Behörden und Baufirmen durchsuchen zu lassen, und so sind Mutmaßungen, Hypothesen und Verdächtigungen dazu, wie sich alles wohl zugetragen hat und warum, nur so ins Kraut geschossen.

Wer hat den Schwarzen Peter?

Kein Zweifel besteht zumindest daran, dass das Unglück mit dem U-Bahn-Bau ursächlich zusammenhängt. Doch eine plausible Erklärung, gar eine lückenlose Aufklärung steht weiter aus. Stattdessen hat eine Art Schwarzer-Peter-Spiel begonnen, in dem sich die Beteiligten der KVB, Verwaltung, Politik und Bauunternehmen die Zuständigkeit und damit auch die Verantwortung und Schuld gegenseitig zuschieben. Keiner will es gewesen sein.

Das Desaster hat die Stadt verändert. Die alte Colonia hat ihre Sicherheit und auch ihre Selbstsicherheit verloren. Eines ihrer folkloristischen Grundgesetzte gilt nicht mehr: „Es hätt noch immer jot jejange.“ Der Schock sitzt tief. Zwei junge Männer wurden in den Tod gerissen, eine 84 Jahre alte Anwohnerin hat sich, von dem Unglück traumatisiert, drei Wochen danach das Leben genommen, Dutzende Menschen haben das Dach über dem Kopf und ihr Hab und Gut, die Lehrer und Schüler des traditionsreichen Friedrich Wilhelm Gymnasiums für Monate, vielleicht für immer ihre angestammte Bleibe verloren, mehrere Nachbargebäude und ein denkmalgeschütztes Portal, Relikt der preußischen Festungsarchitektur, mussten angerissen werden.

Die Verluste sind unermesslich

Schier unermesslich ist der kulturelle Schaden: Das größte Kommunalarchiv nördlich der Alpen, ein Schatzhaus mit bedeutendem, ein ganzes Jahrtausend umspannendem Schriftgut, liegt in Schutt und Trümmern. Was von den umfangreichen Dokumenten, die sich über dreißig Regalkilometer erstreckten, gerettet, geborgen und restauriert werden kann, lässt sich noch nicht absehen: Auch wenn es mehr als die zunächst geschätzten zwanzig Prozent der Bestände und vielleicht die Hälfte sein wird, der Schaden ist riesengroß, und es wird Jahrzehnte dauern und Millionen Euro kosten, ihn zu beheben. Die Stadt hat ihr Gedächtnis oder zumindest große Teile davon verloren.

Inzwischen zeigt die Katastrophe auch politische Auswirkungen. Der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma, seit dem Jahr 2000 im Amt, hat am 29. März erklärt, dass er als Kandidat der CDU für die Kommunalwahl am 30. August nicht mehr antreten wird - angeblich, um die Katastrophe und ihre Aufarbeitung aus dem Wahlkampf, in den die rot-grüne Opposition das Thema gezogen habe, herauszuhalten, eher aber wohl, weil er, der sich als Krisenmanager überfordert zeigt, auf die öffentliche Kritik reagiert und sich von seiner eigenen Parte im Stich gelassen fühlt. Seitdem sucht die Kölner CDU, der es schon lange an Geschlossenheit wie an Persönlichkeiten fehlt, geradezu fieberhaft einen neuen Kandidaten und handelt sich eine Absage nach der anderen ein: Persönlichkeiten aus der ersten Reihe sind bisher keine darunter, aber auch in der zweiten und dritten findet sich niemand, der sich das jetzt noch antun will. An der Spitze der viertgrößten Stadt in Deutschland zu stehen: Was Schramma „meinen Traumjob“ nannte, ist nicht mehr so ohne weiteres attraktiv.

Die Stadt hat den Überblick verloren
Auch viele Klischees über Köln scheint die Tragödie vom 3. März zu bestätigen: dass hier der Klüngel regiert, dass Schlendrian und Schlamperei herrschen. Dabei deutet die Katastrophe auch auf Probleme, die sich nicht nur in Köln stellen. Wie andere Großstädte auch hat die Kommune, um die Verwaltung zu „verschlanken“, hoheitliche Aufgaben, die sie früher selbst wahrgenommen hat, ausgegliedert und so 2002 den Stadtbahn-Bau aus der eigenen Verantwortung in die der Stadttochter KVB, einer Aktiengesellschaft, überführt. Was bis dahin das Amt für Brücken und Stadtbahnbau von der Bauentwicklung über die Planung bis zur Bauüberwachung betreut hatte, wurde einem Unternehmen anvertraut, das dafür selbst keine eigene Kompetenz mitbrachte und die verschiedenen Arbeitsvorgänge parzelliert, nach außen vergeben, privatisiert, verrechtlicht und mit dem Zuständigkeiten auch die Verantwortlichkeiten delegiert hat. Haben die KVB, und das scheint das Kompetenzgewirr, das die Aufklärungsversuche des Unglückes offenbaren, spiegelbildlich zu bestätigen, dabei den Überblick verloren, so dass sich womöglich Zuständigkeits-, Sicherheits- und Verantwortungslücken aufgetan haben? Ist die Köln Katastrophe auch Folge von Outsourcing und Deregulierung? Fragen, die über Köln hinaus und auf die Organisation unseres Gemeinwesens weisen.

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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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