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Einsatz im Krankenhaus : Googles wundertätige Datenbrille

  • -Aktualisiert am

Google Glass wird testweise in Krankenhäusern eingesetzt, mit Erfolg. Das gibt gute Presse. Bild: dpa

Bloß nicht einlullen lassen: Dass Google Glass im Krankenhaus Leben retten kann und Kindern Freude macht ist noch lange keine Grund, die Brille super zu finden.

          Welch herzerwärmende Geschichte: Dr. Steve Horng, Notarzt an einem Krankenhaus in Boston, konnte das Leben eines Patienten retten. Dank Google Glass. Die Rettung spielte sich bereits im Januar ab, doch erst nachdem die New York Times sie am 7. April aufgriff, machte sie im Internet die Runde. Fast zeitgleich begannen weitere Nachrichten rund um Google Glass zu zirkulieren, zum Beispiel aus einem Kinderkrankenhaus in Houston, wo die Datenbrille kleinen Patienten einen virtuellen Zoo-Besuch ermöglicht, oder von Wissenschaftlern der Universität Newcastle, die erforschen, wie sie den Alltag von Parkinson-Patienten erleichtern könnte.

          Google dürften diese Nachrichten nur recht sein, schließlich hat „Glass“ bisher eher wenig gute Presse bekommen. Die Brillen-ähnliche Konstruktion kann im Grunde alles, was ein Smartphone auch kann: Informationen im Internet abrufen, den eigenen Standort bestimmen, Fotos machen (ausgelöst durch ein Augenzwinkern). Im Gegensatz zum Smartphone, das doch zumindest hin und wieder in der Hosentasche verschwindet, trägt man Goggle Glass wie eine ganz normale Brille. Es macht pausenlos Fotos, bestimmt pausenlos Standorte, erkennt die Gesichter der Menschen, denen wir begegnen, und führt uns gleich alle über diese Personen verfügbaren Informationen vor Augen. Und Google liest immer mit.

          Das können selbst die Hasser nicht hassen

          Google Glass ist ein riesiger Sprung in der digitalen Entwicklung, den Internet-Kritiker Andrew Keen mit dem vom Fahrrad zum Auto verglich. Im gleichen Atemzug fügte er hinzu, nicht einmal Geroge Orwell und Alfred Hitchcock hätten sich solch ein Instrument in ihren schrecklichsten Dystopien (1984 beziehungsweise Rear Window) ausdenken können.

          Mit dieser Meinung steht Keen keinesfalls alleine da – auf beiden Seiten des Atlantik befürchtet man zurecht, dass uns die Einführung der Datenbrille auf den freien Markt endgültig zu gläsernen Bürgern macht. Selbst 72 Prozent der Amerikaner, die sich über Datenschutz normalerweise weit weniger Gedanken machen als die „konservativen“ Europäer, beäugen sie skeptisch. Auch wer die Brille nicht trägt, wird ihr ausgesetzt sein, sobald er ins Blickfeld eines Glass-Nutzers kommt. Google wird, so die Befürchtung, über der Erde schweben wir Saurons gigantisches Auge in Herr der Ringe, über allem wachend, alles bedrohend.

          Im Krankenhaus, hier der Operationssaal einer deutschen Klinik, kann Google Glass eine Hilfe sein. Solange Google nicht mitschaut.

          Ein bisschen positive Berichterstattung kommt da gerade recht. „Selbst Hassern wird es schwer fallen, diese Google-Glass App zu hassen“, schreibt die Tech-Webseite Re/code am 8. April über die der Technologie  zu verdankenden Rettung des Patienten im Bostoner Krankenhaus. Die Datenbrille, wird der behandelnde Arzt Dr. Steve Horng zitiert, habe es ihm ermöglicht, Informationen über Allergien und die Medikation des Notfall-Patienten abzurufen ohne sich an einen Computer setzen zu müssen. So habe er sofort mit der Behandlung beginnen können, andernfalls wäre der Patient vielleicht gestorben oder hätte zumindest langfristige Beeinträchtigungen davongetragen.

          Google sieht Informationen aus dem Krankenhaus nicht

          Es mag stimmen, dass selbst „Hasser“ wenig gegen diese App einzuwenden haben werden. Allerdings schadet ein bisschen Differenzierung nicht. Es ist wichtig, dass mein Arzt weiß, gegen welche Substanzen ich allergisch bin und welche Medikamente ich nehme – aber der Arzt steht auch unter Schweigepflicht. Es ist gefährlich, wenn die Erfolge, zu denen Google Glass in einem Krankenhaus beiträgt, auf das Produkt an sich übertragen werden. Ich finde ja auch Röntgengeräte und Betäubungsmittel in einem Krankenhaus sinnvoll, will aber trotzdem nicht, dass jeder Zugang dazu hat.

          Auf Twitter kommentieren derweil Nutzer die Nachricht mit Statements wie „das ist der Grund, aus dem Google Glass existiert: Arzt rettet Patienten das Leben“ oder „Google Glass erscheint endlich einen Nutzen zu haben“. Andere Aspekte, die die Geschichte nur unnötig kompliziert machen, werden oft vernachlässigt – zum Beispiel die Tatsache, dass die Google Glass-Versionen des Bostoner Krankenhauses von aller Google-Software befreit und stattdessen mit jener des kalifornischen Start-Ups „Wearable Intelligence“ ausgestattet wurden.

          Gute Laune hier: Positive Berichterstattung kann das öffentliche Bild von Google Glass verändern.

          Die Funktionen der Brille (Fotos zu schießen und in sozialen Netzwerken Informationen über Patienten aufzuspüren gehört nicht dazu) sind nur innerhalb des Krankenhaus W-LAN-Netzes verfügbar und Google hat auf keinerlei Informationen Zugriff. Der „Ich sehe was, was Google nicht sieht“-Modus, den die Brillen von Dr. Horng und seinen Kollegen haben, ist für die „normale“ Version leider nicht geplant.

          Saruman war auch mal ein Guter

          Diese Zusatzinformation ist natürlich zu kompliziert und zu lang, um sie in 140 Twitter-Zeichen zu kommunizieren. Gut für Google. Die Einführung der Google Glass in den professionellen Arbeitsmarkt mitsamt der Berichte über die Nutzen, die die Technologie dort hat – der Plan trägt den Namen „Google at Work“ – ist sicherlich ein kluger Schachzug vor einer Öffnung für die breite Öffentlichkeit. Schaut her, wie Google Glass Gutes für euch tut!

          Nachrichten wie die Rettung des Notfallpatienten, Hilfe für Parkinson-Erkrankte oder virtuelle Zoobesuche für Kinder im Krankenhaus haben vor allem einen Effekt: Sie verändern das Bild, das die Öffentlichkeit von Google Glass hat. Sie nehmen die Angst. Sie geben der Technologie einen menschlichen Touch.

          Wenn Google das große Auge Saurons ist, dann kommt Google Glass die Rolle Sarumans zu. Saruman war auch mal ein Guter, das haben wir nur fast schon vergessen, weil wir das Ende der Geschichte kennen. Saruman wurde gierig nach Wissen und Macht und wechselte auf die böse Seite. Bei Google Glass kennen wir das Ende noch nicht, aber das ist kein Grund, sich von Geschichten über gerettete Patienten und frohe Kinder, die Giraffen im Zoo sehen, einlullen zu lassen.

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