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Einsame Rufer „Beten wir, dass Bush den Irak nicht angreift“

17.09.2002 ·  Arthur Miller, der große alte Mann der amerikanischen Literatur, warnt vor einer neuen „Hexenjagd“.

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Zum 11. September hat das französische Magazin „L'Express“ in letzter Minute amerikanische Schriftsteller befragt. Paul Auster, James Salter und andere kommen zu Wort. Höhepunkt der Befragung ist jedoch ein Interview mit Arthur Miller. Während die Jüngeren vor allem ihre Betroffenheit wiedergeben, gibt sich Miller provokant und desillusioniert. Wer dem 1915 geborenen Dramatiker, der durch Werke wie "Tod eines Handlungsreisenden" (1949) "Hexenjagd" (1953) und "Blick von der Brücke" (1955) berühmt wurde, zuhört, könnte meinen, dass sich Amerika seit der McCarthy-Ära nicht verändert hat.

Das Interview kreist natürlich um den 11. September. Miller hält einen neuen Angriff auf Amerika für wahrscheinlich. Die Furcht seiner Mitbürger sei verständlich. Ihre Ziele - wenn sie den welche hätten - hätten die Terroristen meilenweit verfehlt. Amerika sei durch den Angriff eher reaktionärer geworden als vorher. Das Verständnis für die „Anderen“ sei zurückgegangen. In Frage stellt er die neue Freundlichkeit, die er in New York bemerkt. Die Leute seien alle so nett zu einander. Für eine Stadt, wo sonst „keiner mit dem anderen spricht“, sei das etwas völlig Neues, meint er bitter.

Noch ätzender urteilt er über die intellektuelle Debatte in seinem Land. Eine solche gebe es nicht in Amerika - jedenfalls nicht über den 11. September. Es gebe nur zwei Parteien in Amerika, und die ähnelten sich so sehr, dass es keine Debatte geben könne. Beide seien „konformistisch“, und zwischen ihren Programmen gebe es kaum einen Unterschied. „Auf der Seite der Demokratischen Partei ist keine Stimme stark genug, um gegen Bush ankommen zu können“. Und diejenigen in Bushs Partei, die sich gegen den Irak-Krieg aussprechen, täten das nicht aus Humanismus, „sondern aus Furcht, bei der nächsten Wahl nicht wiedergewählt zu werden“.

„Neuer McCarthyismus“

Eine Frage an den Autor von „Hexenjagd“ war unvermeidlich: Besteht in Amerika die Gefahr eines neuen McCarthyismus? Vor drei Monaten hätte er die Frage noch mit Nein beantwortet, antwortet Miller. Jetzt denke er, dass diese Gefahr tatsächlich droht. „Es gibt ein neues Gesetz, dass die Leute dazu anhält, Verdächtige zu verraten: Die Regierung Bush lässt Leute auf der Straße ohne das geringste Motive verhaften, weil ihr deren Gesicht nicht gefällt. Das ist unglaublich.“

Nicht nötig zu betonen, dass der Altlinke Miller von Präsident Bush wenig hält. Enron, Worldcom, die Arbeitslosigkeit - überall versage der Präsident. Er habe das Sozialsystem ruiniert, die Wasserreserven, die Umwelt. „Für eine solche Regierung sollten wir uns schämen.“

„Die richtige Debatte beginnt“

Langsam beginne zwar die richtige Debatte in Amerika: die um die wirtschaftliche Nöte vieler Menschen. „Man muss jedoch beten, dass Bush nicht den Irak angreift, denn sobald die US Air Force irgendwo involviert ist, werden die Grundrechte mit Füßen getreten. Das ganze Land stellt sich hinter den Präsidenten und hört auf zu denken. So ist es seit dem 11. September. Jeder, der es wagt, die Politik von Bush zu kritisieren, wurde beschuldigt, dem Feind in die Hände zu spielen“.

Doch Miller hat auch eine gute Nachricht, und die ist - anders als seine unerschrocken einseitige politische Meinung - vielleicht die wichtigste von allen. „Ich war 14, als die Weltwirtschaftskrise ausbrach. Und ich erinnere mich daran, als wäre es heute: Niemand wusste, wie man da wieder rauskommen würde.“ Miller beschreibt die Stimmung, die auch heute herrscht. Und so wie die Weltwirtschaftskrise nicht ewig dauerte, so wird auch die jetzige Krise vorübergehen. Schöner hätte es auch ein Konservativer nicht ausdrücken können.

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