12.03.2010 · Das Ziel lautet: Zürich, Schauspielhaus. Shakespeares „Was ihr wollt“ wartet. Der Theaterkritiker wartet auch. Aber nicht in Zürich, sondern auf dem Rollfeld in Frankfurt. Auf eine Heizung. Oder eine Umbuchung. Und wird zum Lufthansa-Hasser.
Von Gerhard StadelmaierEs sollte eine Reise nach Illyrien werden, ins schönste Land Shakespeares, wo in „Was ihr wollt“ sich die Zeiten und Geschlechter und Identitäten verschieben und verkehren. Der Expeditionsaufbruchsort: Zürich, Schauspielhaus. Aber nach Zürich muss man erst einmal kommen. Abflug Frankfurt, 12 Uhr 25. Man findet sich gegen 11 Uhr 30 ein. Am Gate wartet ein finsterer Geselle, eskortiert von zwei Polizisten. Ein brüderlicher Abgesandter der Rüpel, Narren und Gauner Shakespeares? Oder einer seiner Flüchtlinge, seiner Verbannten?
Der Einstieg verzögert sich. Die Lufthansa-Damen hinterm Schalter säuseln Unverständliches in Deutsch und Englisch ins Mikrophon (Shakespeares gelangweilteste Elfen in Blau und Gelb). Gegen 12 Uhr 30 endlich darf man das Flugzeug betreten, wo Shakespeares Abschiebe-Narr (ohne Polizisten) schon in der letzten Reihe sitzt und düster grinst. Kein gutes Vorzeichen. Denn der ganze Aeroplain fällt in eine Art Dämmerzustand. Nichts bewegt sich. Gegen 14 Uhr eine Ansage eines Herrn namens „Ihr Kapitän“, der Start verzögere sich. Nach einer weiteren Stunde endlich ein langsames Rollen zu einer Art Startabsicht hin, die aber suspendiert wird: Man habe keine Heizung in der Cockpit-Scheibe, verkündet „Ihr Kapitän“, in Zürich schneie es aber, man brauche dort zum Landen dringend eine beheizte Scheibe, man rolle jetzt zurück, bestelle eine neue Heizung, die dann von den Technikern eingebaut werde, das dauere ungefähr vierzig Minuten.
Ein Unternehmen gegen das Publikum
Als es kurz vor 16 Uhr ist, die Ansage von „Ihr Kapitän“, das mit der neuen Heizung gehe leider auch nicht, man verfrachte uns jetzt in einen Bus, der uns zum Terminal zurückbringe, wo wir dann umgebucht würden. Nach langer Busfahrt, die der grün gewandete Busfahrer (offenbar ein Shakespearescher Elf mit Schnauzbart) für eine längere Pinkel- oder „Sonstwas“-Pause unterbricht, während wir im überheizten Gefährt schmoren, endlich im Terminal, wo zwei zickige Shakespeare-Lufthansa-Elfen einer ganzen aufgebrachten Meute nebenbei verklickern, dass Umbuchungen auf die nächste Maschine nur für ausgesuchte „Gold-Card-Passagiere“ möglich seien, die anderen sich doch auf spätere Maschinen oder auf gar keine freuen oder sich bei irgendwem beschweren sollten.
Es geht gegen 17 Uhr und die nächstmögliche buchbare Maschine kurz vor sieben. Shakespeares Eiland rückt in unerreichbare Ferne. Dafür benimmt sich die Lufthansa, als hätte sie den neueren deutschen Regisseurstheaterkursus durchschmarotzt: ein Unternehmen gegen das Publikum. Aber ein Albtraum-Shakespeare par excellence. Wer nach dessen Illyrien aufbricht, kommt nicht als der wieder, als der er die Reise begann. Wir kehren, die wir gar erst nicht aufbrechen durften, als Lufthansa-Hasser wieder. Nach Zürich dann ein anderes Mal. Wenn die Lufthansa uns lässt.