14.12.2008 · Den Pekinger Einkaufszentren hat die Finanzkrise nicht ihren Glanz genommen. Ganz im Einklang mit der offiziellen Regierungsdevise übt man sich in Zuversicht. Die Einkaufstüten sind dieses Jahr jedoch auffallend klein.
Von Mark Siemons, PekingDie Menschen in der Joy City, dem Einkaufszentrum mitten in Pekings beliebtester Einkaufsstraße Xidan, lassen sich nichts anmerken. Witzelnd, kichernd und mit dem nach wie vor obligaten Victory-Zeichen fotografieren sie sich gegenseitig vor den violetten Tannenbäumen und den kolossalen Plastikschwänen, die jetzt vor dem Eingang aufgebaut worden sind.
Das zehnstöckige Glasgebäude ist wirklich ein Ort der reinen Freude. Die einzelnen Etagen tragen Namen wie „Glamourös“ (Erdgeschoss), „Sexy“ (zweite Etage) oder „Crash“ (vierte). Cafés und Restaurants gibt es auf jeder Etage, auch für avantgardistische Friseurläden ist gesorgt, und die Dekoration - zurzeit mit dem Fokus auf Pandabären und Schwanensee - wird mit viel Sinn für Buntheit und ulkige Effekte fortlaufend aktualisiert. Nirgendwo hat man hier das Gefühl, dass die Leute bloß aus Notwendigkeit oder Pflichtbewusstsein hergekommen sind oder dass sie am liebsten woanders wären. Ob sie untergehakt in Gruppen durch die Geschäfte streifen oder allein, in ihr Handy sprechend, flanieren, immer ist ein sanftes Leuchten in ihren Augen, das signalisiert: Sie sind bei sich.
Bis jetzt hat die Finanzkrise dem Shopping-Gehen in Peking nicht seinen Glanz genommen. Wie auch in der chinesischen Öffentlichkeit überhaupt von Weltuntergangsstimmung nichts zu spüren ist. Den Diskurs scheint die zuversichtliche Diktion der Regierung zu bestimmen. Allerdings kann nicht verschwiegen werden, dass die fröhlichen Besucher der Xidan Joy City auffallend kleine Einkaufstüten in der Hand halten, wenn sie überhaupt welche mit sich tragen.
Daraus ist zu schließen: Der Akt des Shoppens scheint mit dem des Geldausgebens nicht mehr zusammenzufallen. Die Chinesen haben gelernt, nicht nur das für real zu halten, was öffentlich gesagt wird - oder vielmehr gerade das nicht. Sie können Zeichen deuten. Und sie registrieren mit völlig unhysterischem Realismus: Die Zeiten werden ungewiss.
So sind die Ausgaben für alles Nicht-Notwendige dramatisch gesunken. Es werden sieben Prozent weniger Handys verkauft, und die Wachstumsrate für Unterhaltungsartikel ist im Oktober von achtzehn Prozent auf zwei Prozent gefallen. Auch teure Lokale haben hohe Umsatzeinbußen. Deshalb wird vieles billiger. Allerdings: Nur die wenigsten Geschäfte posaunen ihre Sonderangebote laut hinaus, lieber überzeugt man die erfahrenen Kunden persönlich, indem man ihnen für jede Ware zusätzlich wertvolle Gutscheine in Aussicht stellt. Auch der Preissturz vollzieht sich diskret. Noch lassen die Pekinger sich nichts anmerken. MARK SIEMONS