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Einheitsabitur Zentral schwach

 ·  Das Einheitsabitur soll für Chancengleichheit bei der Bewerbung sorgen. Was der Schüler wirklich kann, müssen nachgelagerte Instanzen herausfinden.

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Das Einheitsabitur ist die Fata Morgana der bildungspolitischen Debatte. Genauer gesagt, sind die Effekte, die man sich von ihm erhofft, Trugbilder. Sie steigen auf, weil man es als ungerecht empfindet, dass es in einem Bundesland die Abiturienten leichter haben, gute Noten zu erzielen, als in einem anderen. Da auf manchen Studienfächern ein Numerus clausus liegt und zumindest die Chance, an einem bestimmten Ort das Studium aufnehmen zu können, vom Abiturerfolg abhängt, gilt er als ausschlaggebend für Karrieren. Darum soll jetzt, nach Beschluss der Kultusminister, für wichtige Fächer ein allgemein verbindlicher Aufgabenkatalog erstellt werden. Aus ihm sind die Abiturfragen zu entnehmen und die Schüler nach einheitlichen Kriterien zu prüfen.

Das kann man bundesweit natürlich genauso gut machen wie bislang auf Länderebene. Was damit nicht aus der Welt geschafft ist, sind unterschiedlich gute Schulen, Lehrer, Klassen. Wer also bei immensen Leistungsunterschieden verhindern will, dass an manchen Gymnasien erhebliche Schülerzahlen die Prüfung nicht bestehen, wird das Niveau der Abitursprüfungen oder ihrer Korrekturmaßstäbe an den schwächeren Schulen und Ländern ausrichten müssen. Als in Berlin vor Jahren das Zentralabitur eingeführt wurde und die ersten Aufgaben sich herumsprachen, da wurde an den besseren Gymnasien der Stadt hinter vorgehaltener Hand nur gelacht.

Sinkende Aussagekraft für das Leben danach

Mittelfristig stärkt das Zentralabitur das „teaching to the test“, also einen weniger auf Probleme und Können als auf Bestehen und Durchkommen konzentrierten Unterricht. Da in die Abiturnote auch Leistungen der letzten Schuljahre eingehen, bleibt außerdem dieser Teil der angeblichen Ungerechtigkeit erhalten. Was sich jedoch ändern wird, ist die Aussagekraft des Abiturs für alles, was danach kommt. Man kann es auch so formulieren: Wer die Schüler nicht für ihr Wohnquartier oder ihre Lehrer bestrafen will oder andere Ungleichheit nicht aushält, der muss entweder dezentral prüfen und fairnesshalber den Hochschulzugang, etwa in Medizin, auch für die offen halten, die strengere Lehrer hatten. Oder er kann durchlässig prüfen und die Ungleichheit auf der nächsten Stufe einsetzen lassen.

In Bildungssystemen, in denen der höhere Schulabschluss leicht erreicht wird, verschiebt sich entsprechend die Auswahl anhand der unvermeidbaren Frage „Was kann der Schulabsolvent denn?“ auf die nachgelagerten Instanzen. Die Arbeitgeber interessiert dann irgendwann nicht mehr die Abiturnote, sondern, an welcher Schule sie erworben wurde. In Frankreich steckten vor Jahren die Jugendlichen auch deshalb Autos an, weil sie gemerkt hatten, dass ihnen Zertifikate als solche gar nichts nützen, wenn fast alle sie haben. Die Universitäten wiederum reagieren mit eigenen Auswahlgesichtspunkten, besonders augenfällig in den Vereinigten Staaten, wo es sogar einen Schultyp gibt, der verspricht, auf die echte Prüfung vorzubereiten, den universitären Eingangstest nämlich. Wie gerecht das ist, kann jeder durch Preisanfrage bei solchen „Prep Schools“ feststellen. Und so wird es auch bei uns kommen: zur Verlagerung der Frage, was ein Schüler kann, aus den Schulen heraus.

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22.06.2013, 08:36 Uhr

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Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 3 3