Home
http://www.faz.net/-gqz-127ya
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Einführung Glossar der Krise

23.04.2009 ·  Ist die Talfahrt bald zu Ende? Oder liegen weitere Durststrecken vor uns? Schauen wir in den Abgrund? So reden alle durcheinander, wenn sie über die Krise reden. In einem Glossar zur Krise werden wir Wörter aus dem Strom des Geredes fischen, die allesamt mehr bedeuten, als ihnen zugetraut wird.

Von Verena Lueken
Artikel Lesermeinungen (1)

Wir sind am Tiefpunkt angekommen. Oder doch noch nicht ganz? Wir stürzen weiter in eine tiefe Rezession. Der Einbruch der Konjunktur ist dramatisch. Krisenbanken melden Rekordverluste, Großinvestoren werden gesucht, Eigentümerfamilien brechen auseinander. Regierungen fallen, Staaten gehen bankrott. Wir hören das Requiem auf eine sterbende Welt. Aber auch im Abschwung nutzen wir unsere Chance. Ist die Talfahrt bald zu Ende? Oder liegen weitere Durststrecken vor uns? Firmenjäger haben sich verzockt. Sie schauen in den Abgrund, hoffen aber auf ein Geschäftsmodell, das die Zukunft trägt. Eilverfahren sind nötig, Billionen gehen verloren, giftige Vermögenswerte werden verschoben, soziale Unruhen drohen, Konzepte müssen her, Verstaatlichung will keiner, oder doch?

So reden alle durcheinander, wenn sie über die Krise reden, heute besonders und an jedem anderen beliebigen Tag in diesen Monaten auch. Niemand weiß, was geschieht, was zu tun ist, und kaum einer weiß, was er sagt. Wörter, die noch nie in denselben Satz gehörten, gehen plötzlich Verbindungen ein: Steuerparadiese werden geschlossen, Gefühlskapital könnte ein Ausweg sein, schallt es aus Island, bei uns ist es die Abwrackprämie.

Alarmistisch und verharmlosend zugleich

Wir wollen uns an diesen Wahnsinn nicht gewöhnen. Der Weg zur Erkenntnis mag über ein Übermaß des Irrtums führen, aber nicht durch den Metaphernsalat dieser Zeit. Wir werden uns also die Wörter genau angucken, die uns aus den Nachrichten anplärren, alarmistisch und verharmlosend zugleich. Was heißen denn Tiefpunkt, Talfahrt, Chance? Was leuchtet, wenn wir ein Licht am Ende des Tunnels sehen? In welche Abgründe hat die Wahrheit sich zurückgezogen? Was bedeutet es wirklich, wenn eine Welt stirbt? Und welche Wörter hören wir nur wegwerfend im Vorübergehen zum nächsten rhetorischen Grabbeltisch, Anstand etwa, Schuld oder Verantwortung, obwohl doch ihre Stunde längst geschlagen hat?

In einem Glossar zur Krise werden wir von heute an Wörter aus dem Strom des Geredes fischen, die allesamt mehr und deshalb etwas anderes bedeuten, als ihnen zugetraut wird. Wörter, die vielleicht noch gebraucht werden, wenn nach dem Untergang des Alten etwas Neues beginnt.

Zur Spezialseite „Glossar der Krise”

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3