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Eine unterhaltsame Reise Die Nachbarin

 ·  Gesprächige Sitznachbarn sind selten geworden. Heutzutage beschäftigen sich Reisende lieber mit ihren Maschinen. Bei dieser Zugfahrt war alles anders und dann war da auch noch dieses Klappern.

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Der Blick wandert über die Sitzreihen im ICE nach Berlin. Aus den Kopfhörern eines kleinen Mannes mit starrem Blick wummert der Bass herüber. Der Fensterplatz neben ihm ist noch frei. Dahinter streckt ein großgewachsener Mann seine Beine aus. Eine Reihe weiter stieren zwei Frauen auf ihre Handys. Etwas klickt im linken Ohr. Das Geräusch kommt von einer Frau mit rotblonden Haaren. Vor ihr liegt ein knatschgrünes Wollknäuel, das sie klackernd verstrickt. Sie sitzt so aufrecht, als wäre der senkrechte Rücken ein Notwendigkeit für das Halten der Maschen. Sie steht auf. Erstaunlicherweise strickt sie dabei weiter und weist mit der Nase auf den Platz neben sich. Ich nehme das Angebot an.

Menschen wie sie treten in Zügen nur an Feiertagen auf. Sie sprechen alles, aber auch alles aus, was sie gerade denken. Und das sehr laut. Früher gab das Ärger. Heute aber stört es niemanden mehr. Man stöpselt sich weg. In unserem Waggon haben alle Kopfhörer auf. Die Strickfrau hat einen schwäbischen Akzent - und will nach Magdeburg. „Hätte ich schon vorher von der Verspätung des Zuges gewusst, dann hätte ich eine Verbindung früher gewählt“, sagt sie. Dass Verspätungen es so an sich haben, das man vorher nichts von ihnen weiß, beruhigt sie nicht. „Papperlapapp“ sagt sie. Und feuert sich selbst mit dem Klackern der Stricknadeln an. Dann hält sie ihr Smartphone in der Hand. „Ich zeige Ihnen jetzt mal etwas, Sie werden staunen.“

Sie schickt sich selbst eine Nachricht. Es sei die allerbeste Form, nichts zu vergessen. Ich zeige ihr die Notizfunktion im Mobiltelefon. „Eine gute Tat“, sagt die Frau. Sie löst jeden Rest von Zurückhaltung auf. Nun sehe ich auf ihrem Handy Kinder; ihre Tochter, ihren Sohn, die Tochter des Sohnes und den Sohn der Tochter, in Marseille, Wien, dann irgendwo bei Stuttgart. Ihr Leben schwappt über mich. In Magdeburg habe sie sich für eine Stadtführung angemeldet. Ob ich Magdeburg kenne? Wir sind erst in Hanau. In Kassel kenne ich die dramatische Lebensgeschichte ihrer Großmutter, von Flucht und Neubeginn.

In Hildesheim weiß ich, dass ihre Mutter in Magdeburg geboren wurde und mit ihr 1945 nach Süddeutschland floh. Fast vergisst sie in Braunschweig das Aussteigen zum Umsteigen, doch ich erinnere sie daran. „Die zweite gute Tat“, sagt die Frau. Deswegen verspricht sie mir einen Schal, selbstgestrickt natürlich. Zum Abschied sagt sie: Das sei jetzt alles wirklich wahnsinnig nett gewesen. Ob ich ihr durchs Fenster winken würde? Als sie mit ihrem kleinen Rucksack und der grünen Wolle in der Hand verschwunden ist, streift mein Blick wieder über die Mitreisenden. Sie starren noch immer auf ihre kleinen und großen Geräte. Ich aber kenne nun eine Geschichte, die das Leben geschrieben hat.

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06.01.2013, 17:07 Uhr

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Unsere Geschichten, nur anders erzählt

Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 3 3