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Eine Spurensuche Im Wintermai

22.12.2003 ·  Daß unser deutscher Tannenbaum nicht zur Originalausstattung der in Bethlehem angesiedelten Geburtsgeschichte gehört, ist bereits aus botanischen Gründen klar. Doch woher kommen die Traditionen?

Von Theo Stemmler
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Daß unser deutscher Tannenbaum nicht zur Originalausstattung der in Bethlehem angesiedelten Geburtsgeschichte gehört, ist bereits aus botanischen Gründen klar und daher jedermann einsichtig. Doch daß die meisten Bräuche und Darstellungen, an die wir uns seit unserer Kindheit erinnern, ursprünglich nicht mit dem christlichen Fest der Geburt Christi zusammenhängen, sondern spätere Zutaten sind oder sogar auf heidnischen Vorstellungen basieren, ist weniger geläufig.

Das Heidnische lauert schon in der Benennung des Weihnachtsfestes und dessen Datum. Die romanischen Sprachen lassen den christlichen Bezug noch deutlich erkennen - so sind zum Beispiel das französische "Noël", das italienische "Natale" oder das spanische "Natividad" aus dem lateinischen "natalis" und "nativitas" entwickelt, mit dem die Geburt Christi bezeichnet wird. Auch die Engländer verwenden eine christliche Benennung: "Christmas" oder abgekürzt "Xmas" (hier steht das X für den griechischen Buchstaben Chi, mit dem der Name "XPICTOC" beginnt und der im lateinischen Alphabet mit Ch wiedergegeben wird, daher also unser "Christus").

„Yule“ statt „X-Mas“

Doch im Norden Englands und in Schottland hat sich als Bezeichnung für das Weihnachtsfest das ältere "yule" erhalten - der englische Verwandte des skandinavischen "jul", das ursprünglich ein zwölf Tage andauerndes heidnisches, alkoholgetränktes Fest bezeichnete, dessen ausgelassene Fröhlichkeit sich noch in Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" ("Twelfth Night" - das heißt "Dreikönigsabend") spiegelt. Überhaupt wimmelt es in der Zeit der "Zwölf Nächte" (25. Dezember bis 6. Januar) von vorchristlichen Bräuchen ("Wilder Jagd", "Rauhnächten", Speise- und Namentabus, Arbeitsverboten und so weiter). Damit haben wir endgültig vorchristliches, heidnisches Territorium erreicht. Denn in jener Zeit wurde die Wintersonnenwende am 21. Dezember ausgiebig gefeiert - aus urtümlichem Jubel darüber, daß nunmehr die Tage länger wurden und die Sonne wieder an Kraft gewann.

Dieser archaischen Freude, die wir heute in unserer elektrisch beleuchteten Gesellschaft kaum noch nachvollziehen können, verliehen zur Zeit der Wintersonnenwende von alters her immergrüne Pflanzen symbolischen Ausdruck: so etwa "holly and ivy" (Stechpalme und Efeu) sowie die Mistel, die keltische Kultpflanze, im englischen Kulturkreis - und schließlich auch unser Tannenbaum, eine späte Variante des uralten, sich meist mit Zweigen begnügenden "Wintermaien".

Altgermanische Weih-Nacht

Auch unser trautes deutsches Wort "Weihnachten", das uns an Christliches wie "Kirchweihe", "Weihwasser" oder "Priesterweihe" denken läßt, bezeichnet ursprünglich die in altgermanischer Zeit gefeierten "heiligen Nächte" - ebendie heidnischen Mittwinternächte. Die mit "Weihnachten" konkurrierende Singularform "Weihnacht" allerdings ist ausschließlich christlich gemeint und bezieht sich auf die Heilige Nacht.

Ganz heidnisch ist es bei der präzisen zeitlichen Festlegung des Weihnachtsfestes zugegangen. Während in frühchristlicher Zeit der Geburtstag Christi auf völlig unterschiedliche Daten gelegt wurde - 6. oder 10. Januar, 28. März, 18. November -, setzte sich seit der Mitte des vierten Jahrhunderts der 25. Dezember durch: als christlicher Gegenpol zum römisch-heidnischen Fest des Sol Invictus (des "unbesiegten Sonnengottes"), dessen Geburt man an jenem Tag beging - mediterrane Wintersonnenwendfeier mit göttlicher Überhöhung, durch Kaiser Aurelian im Jahre 275 n. Chr. eingeführt, zur Staatsreligion erhoben, durch ihren synkretistischen Charakter für viele Menschen attraktiv und daher ein gefährlicher Widersacher frühchristlicher Feste.

Ostern und Epiphanias als wichtigste Feste

Die anfänglich unfeste Plazierung des Geburtsfestes Christi spiegelt die zunächst geringe theologische Bedeutung dieses Tages wider. Ursprünglich feierte die frühchristliche Kirche nur zwei Hochfeste: Ostern (bewegliches Datum) und Epiphanias (am 6. Januar). Letzteres, das Fest der "Erscheinung des Herrn", war ein sogenanntes Sammelfest: In ihm hatte man mehrere Theophanien zusammengefaßt - neben der Taufe Jesu im Jordan, der Anbetung durch die Weisen und der Hochzeit von Kanaa eben auch die Menschwerdung Christi. Auch das im Rahmen von Epiphanias begangene Fest der Jordantaufe basiert übrigens auf Heidnischem: einem vor allem in Alexandria verbreiteten Mysterienkult, in dem die Geburt des Sonnengottes Aion aus Kore, der Jungfrau, gefeiert wird.

Nach der Lösung des Geburtsfestes aus dem Sammelfest im vierten Jahrhundert und seiner Etablierung als eigenständiges Weihnachtsfest beschränkt sich Epiphanias in der römischen Liturgie auf drei Theophanien: Taufe Christi im Jordan, Anbetung der Weisen und Hochzeit zu Kana. Offiziell heißt dieses alte neue Sammelfest daher "Fest der Erscheinung des Herrn". Die Benennung "Dreikönigsfest" gibt die frömmigkeitsgeschichtliche Entwicklung wieder: Aus einem theophanen Herrenfest hat die Volksfrömmigkeit ein Heiligenfest gemacht.

Unberechtigter Winter-Charme

Im übrigen ist der winterliche Charme des Weihnachtsfestes in nördlichen Breiten - mit Schnee, Schlitten und Jingle Bells - zwar willkommen, doch eigentlich völlig unberechtigt. Die einzige einschlägige Passage im Lukas-Evangelium (2, 1-20) verweist nicht auf die winterliche, sondern implizit auf die sommerliche Jahreszeit. Daß sich die Hirten draußen "auf dem Felde bei den Hürden" (2, 8) aufhielten, läßt eher auf die warme Jahreszeit schließen. Und auch die "Schätzung" (2, 2) durch den römischen Statthalter Quirinus, die alle Einwohner in ihre Heimatorte beorderte, verweist eher auf eine für Reisen günstige Zeit als auf einen mediterranen naßkalten Winter.

Auch der ikonographische Aspekt des Weihnachtsfestes erscheint dem kritischen Betrachter einigermaßen wunderlich. Die bildliche Darstellung der Geburt Christi ist von frühchristlicher Zeit bis heute auf die Krippe konzentriert, über die Lukas berichtet (2, 16). Von Beginn an ist zwar das Jesuskind unverzichtbar, doch in der ersten Zeit fehlen die anderen Hauptpersonen: Maria und Josef. Dafür sind Ochs und Esel von Anfang an dabei - kein Zeichen für anrührende Tierliebe und keine genrehafte Anreicherung einer Stallszene, sondern eine symbolische Zutat, die sich bekanntlich nicht im Bericht des Lukas findet. Die beiden verdanken ihre Prominenz einigen textlichen Merkwürdigkeiten. Genauer: Seit frühchristlicher Zeit wurden nach der gängigen, sogenannten "typologischen" Schriftexegese mehrere Passagen aus dem Alten Testament als prophetische Ankündigungen der Geburt Christi gedeutet - darunter zwei vermeintliche Hinweise auf Ochs und Esel an der Krippe. Zum einen zog man Jesaja 1, 3 heran: "Ein Ochse kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn." Symbolisch standen die beiden Tiere für die Völker der Juden und Heiden, die das Christuskind - so die apokryphe Überlieferung - anbeten.

Ochs und Esel kommen erst spät an die Krippe

Diese alttestamentliche Passage wurde früh und oft mit einer anderen kombiniert, die sich in Kap. 3, 2 des Propheten Habakuk findet. Dort heißt es in einer alten Übersetzungstradition: "Inmitten zweier Tiere wirst du erkannt werden" - eine Prophezeiung, die ja hervorragend zu Jesaja paßt und sich in Kombination mit jenem gut in den Bericht des Lukas einfügen läßt. Leider hat diese schöne Geschichte einen Haken: Sie findet sich nicht im hebräischen Urtext (und damit auch nicht in der Vulgata und unseren deutschen Übersetzungen), sondern nur in der Septuaginta, jener sehr frühen griechischen Übersetzung aus dem Hebräischen, und ihren Nachfolgern, etwa der altlateinischen Vetus Latina.

Diese - bewußt oder unbewußt - falsche Übersetzung (statt "in naher Zeit") überlebte in apokryphen, also nicht autorisierten Texten wie dem Pseudo-Matthäus-Evangelium sowie in mittelalterlichen Legenden und Spielen; sie trug maßgeblich dazu bei, Ochs und Esel ihren Platz an der Krippe im Stall von Bethlehem zu sichern.

Schenken ist heidnisch

Wie die Krippe trotz kitschiger Exzesse immer noch wohltuender Mittelpunkt weihnachtlichen Schauens bleibt, wird der Mittelpunkt weihnachtlichen Brauchtums, das Beschenken, trotz heutiger Konsumexzesse von vielen immer noch als angenehm empfunden. Doch auch dieser Brauch hat mit genuin Christlichem nichts zu tun. Gerade das Austeilen von Geschenken hat heidnische Wurzeln - sowohl römische als auch germanische.

Vor allem anläßlich der altrömischen, in republikanischer Zeit vom 17. bis 23. Dezember gefeierten Saturnalien und des Neujahrsfestes, aber auch während der germanischen Zwölf Nächte beschenkte man sich. In christlicher Zeit wurde diese schöne Gewohnheit verstärkt und überhöht. Daß die "Drei Könige" dem Kind in der Krippe Gold, Weihrauch und Myrrhe schenkten (Matthäus 2, 11), hat - trotz der abgehobenen, auf Christus bezogenen Symbolik - wohl auch das Beschenken normaler Sterblicher befördert, zumal bereits in Psalm 72,10, den man typologisch bis heute auf die Gaben der drei Weisen bezieht, ausdrücklich von Geschenken die Rede ist: "Die Könige von Tarsis und auf den Inseln sollen Geschenke bringen."

Althergebrachte Weihnachtsgratifikationen

Auch daß man von 1310 bis 1582 (nicht nur) in Deutschland das neue Jahr am 25. Dezember beginnen ließ, hat die private - und auch öffentliche - Schenklust zusätzlich herausgefordert. Welcher Lohn- oder Gehaltsempfänger von heute ahnt etwa, daß seine "Weihnachtsgratifikation" letztlich auf solche - den Bediensteten von ihren Herren seit alters her gemachte - Geschenke zum Jahreswechsel zurückgehen?

Als Überbringer von Geschenken am 6. Dezember - dem "Nikolaustag" eben - fungierte seit dem hohen Mittelalter der heilige Nikolaus von Myra, Schutzpatron der Kinder und Schüler, dessen Geldspenden in vielen Legenden erwähnt werden. Dieser - ein katholischer Heiliger! - wurde dann in protestantischer Zeit entmachtet. Man verlegte den Geschenktermin auf Weihnachten und ließ die Gaben nunmehr vom "heiligen Christ" überbringen. Dem wiederum folgten das Christkind, der Weihnachtsmann und (in unheiliger Metamorphose) Santa Claus, jener rotgekleidete, gestiefelte, dickbäuchige Amerikaner holländischer und deutscher Herkunft, dem die Coca-Cola Company den letzten Schliff gegeben hat - Symbol der völligen Kommerzialisierung dieses eigentlich schönen christlich-heidnisch-römisch-germanischen Festes, auf das der überstrapazierte Begriff "multikulturell" wirklich einmal zutrifft.

Der Verfasser, geboren 1936 in Köln, lehrt Anglistik an den Universitäten Mannheim und Heidelberg.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2003, Nr. 298 / Seite 31
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