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Eine Reise zum Mittelpunkt der EU : 50º10’21“N 9º9’0“O

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Hier geht’s lang zum Mittelpunkt der Europäischen Union Bild: Severin Groebner

Wer wissen will, wie die Dinge wirklich liegen, muss sich in ihre Mitte begeben. Eine Suche nach dem Zentrum Europas in Zeiten der Euro-Krise.

          Es ist ein sonniger Frühherbsttag, und Europa ist in der Krise. So heißt es ja. Und jedes Mal, wenn Merkel, Draghi oder Barroso den EU-Bürgern verkünden, jetzt sei das Gröbste vorbei, kommt die Krise kurz darauf umso heftiger zurück.

          Wenn das Stichwort „Europa“ fällt, denkt kaum jemand mehr an einen Stier und eine kleinasiatische junge Dame. Im Gegenteil, die einen bezeichnen die EU als „Kriegsprojekt“, andere geben den „Eurokraten“ die Schuld an allem, auch am Wetter. Dritte wollen aus Europa raus oder wünschen sich das Vierte, hinausgeschmissen werden, oder wollen verhindern, das Fünfte beitreten. Die Union ist in einem erbärmlichen Zustand. Was tun?

          Dem EU-Bürger fällt Lou Reed ein, der einmal gesagt hat: „Die einzige Methode, mit etwas klarzukommen, ist, sich mitten in eine Sache hineinzubegeben.“ Und der EU-Bürger beschließt, ihn beim Wort zu nehmen. Er wird sich in das Auge des Sturms begeben. Ins Zentrum.

          Fragt sich nur, wo das ist.

          Die schlaueste aller Internet-Seiten unterrichtet den EU-Bürger darüber, dass die Mitte Europas schon mehrmals errechnet worden ist. 1755 fand der Pole Szymon Antoni Sobiekrajski das Zentrum Europas zweifelsfrei im polnischen Ort Suchowola. Die österreichisch-ungarische Monarchie machte die Mitte in Dylen (Tillenberg), bei Cheb (Eger) aus. Das lag damals zufällig auf dem Territorium der Monarchie. Und als der Bayerische Rundfunk die Mitte Europas errechnen ließ, kam er zu dem Ergebnis, dass sie in der Oberpfalz und also in Bayern liege. Wesentlich für den Fundort ist also, wer die Mitte Europas sucht.

          Es wird ländlich

          Die EU dagegen lässt seit 1987 das Institut Geographique National (IGN) in Paris regelmäßig das Zentrum des Staatenbunds errechnen. Belgien war schon mal dran, Frankreich und zuletzt zweimal Deutschland. Seit 2007 Rumänien und Bulgarien der EU beigetreten sind, erfährt der EU-Bürger, liegt die Mitte Europas in Hessen. In Gelnhausen an der Kinzig, um genau zu sein.

          Das findet der EU-Bürger gut. Denn er kommt zwar aus Wien, wohnt aber in Frankfurt. Und Gelnhausen ist da quasi ums Eck.

          Bei Frankfurt-Süd steigt er also mit seinem Fahrrad in die Regionalbahn, die kurz nach Abfahrt erneut den Main quert und die Baustelle der Europäischen Zentralbank passiert. Das Stahlgerüst ragt über hundert Meter bereits mit Glas verkleidet in den Herbsthimmel, flankiert von Kränen und zahlreichen Containern. Von der EZB weiß unser EU-Bürger, daß ihr Chef seit kurzem ein Italiener ist, der früher mal für Goldman Sachs gearbeitet hat und ein bisschen wie Mister Bean aussieht. Ob die EZB bei ihrer Fertigstellung im Jahr 2013 noch eine Währung hat, die sie verwalten kann, weiß der EU-Bürger nicht.

          Der Zug fährt weiter durch den Güterumschlagsplatz von Frankfurt-Ost, durch Gewerbegebiete, Schrebergärten und Hanau. Danach wird es ländlich. Der frühe Herbsttag spült Mittelschüler in und aus dem Zug. Das Deutsch, das sie sprechen, hat hessische, jugoslawische und türkische Wurzeln und fühlt sich ohne Präpositionen und unbestimmte Artikel sehr wohl. „Ich seh dich morgen Mathe!“

          In Niedermittlau bleibt der Zug unvermittelt zehn Minuten stehen.

          In Gelnhausen herrscht Ruhe

          Dann Ankunft Gelnhausen. Nichts hier lässt auf den ersten Blick vermuten, dass sich der EU-Bürger im Herzen der EU befindet. Die klassische Ausstattung deutscher Provinzbahnhöfe empfängt ihn: Pilsstube, Dönerladen, Wettbüro. Davor die jeweilige Zielgruppe beim Getränkekonsum. Gegenüber eine öffentliche Toilette, die, wenn der EU-Bürger ihre Türe ver- oder entriegelt, jedesmal automatisch spült.

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