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Eine Reise zum Mittelpunkt der EU : 50º10’21“N 9º9’0“O

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Da ragen plötzlich am Waldrand Flaggen in die Höhe. Die europäische, die deutsche, die hessische und zwei andere, deren Bedeutung der EU-Bürger nicht kennt. Es ist geschafft! Verschwitzt, aber glücklich steht der EU-Bürger nun endlich im Zentrum der Europäischen Union und sieht ... nichts.

Also nicht sehr viel. Man sieht Hagebutten, Wald und ein Maisfeld. Vielleicht zur Erinnerung an den enormen Agrarhaushalt der Union. Daneben findet sich auf einer Wiese ein runder Stein mit knappen zwei Meter Durchmesser. Auf der darin eingelassenen metallenen Halbkugel findet sich das Bildnis einer Taube, gestaltet von „Künstlern aus der Region“. Ihre Namen bleiben ungenannt. Vielleicht besser so.

Die Idylle trügt

Gegenüber eine Sitzbank, die von der Seite aussieht wie ein im Boden halb versunkener Stern. Es ist eine zutiefst demokratische Bank, denn man kann auf ihr entweder mit Blick auf den Mittelpunkt sitzen oder ihm den Rücken zuwenden. Je nach politischer Überzeugung. Daneben steht, wie die gelbe Schrift auf ihr verkündet, die blau gestrichene „Europäische Zentral-Ruhe-Bank“. Es gibt also auch Humor hier.

Doch die Idylle trügt. Selbst hier ist der zersetzende Separatismus zu spüren. Auf einer von der Kommune errichteten Tafel liest der EU-Bürger, welch Spannung über dem Ereignis der feierlichen Einweihung Anfang 2007 lag. So wurde anfangs vermutet, der Mittelpunkt fände sich auf dem Gemeindegebiet von Niedermittlau. Dann aber stellte das mit der prekären Aufgabe betreute IGN unter Anwendung der Gaußschen Flächenformel klar, dass auch für Niedermittlau knapp daneben auch vorbei ist, und Meerholz durfte den Mittelpunkt sein Eigen nennen. Das, sagt sich der EU-Bürger, könnte den verlängerten Regionalzugaufenthalt in Niedermittlau erklären. Vielleicht ist der Niedermittlauer nahverkehrstechnisch nachtragend?

Jeden 9. Mai finde ein Fest statt, informiert die Tafel den EU-Bürger weiter, zu dem die „zugereisten Bewohner aus anderen EU-Ländern mobilisiert“ würden. „Mobilisiert“ klingt nicht gerade freiwillig.

Sich selbst erdrosselt

Dann erscheint die örtliche Bevölkerung. Zwei junge Männer und eine junge Frau, die abwechselnd einen Kinderwagen vor sich her schieben. Einer der Männer, der eine sehr sportliche Sonnenbrille trägt, lässt sich auf ein Gespräch mit dem EU-Bürger ein. Ob sich etwas geändert habe hier, seit dem dieser Fleck zum Mittelpunkt Europas auserkoren wurde, möchte er wissen. Der junge Mann sieht sich achselzuckend um. „Nee, eigentlich nicht. Könnte schöner sein, oder? Die haben ja nur ein paar Banken aufgestellt.“ Eigentlich meint er „Bänke“. Und er lacht ein heiseres Lachen nach jedem Satz. „Wir kommen eben manchmal hierher.“ Dann macht er eine ausladende Geste mit der Hand. „Ist ja schön hier.“

Da hat er recht.

So schön kann Europa sein. Hier fünfzig Grad, zehn Minuten und einundzwanzig Sekunden Nördlicher Breite und Neun Grad, neun Minuten und null Sekunden Östlicher Länge, am Fuße des „Niedermittlauer Heiligenkopfes“.

Und doch, es fällt einem nicht gleich auf, ist ein Hauch von Krise selbst hier zu bemerken. Denn während die vier anderen Flaggen fröhlich und frei im anschwellenden Abendwind flattern, hat sich die europäische Flagge irgendwie am Mast verfangen und windet sich um sich selbst. So, als würde sie sich erdrosseln wollen.

Der EU-Bürger setzt sich auf sein Fahrrad, rollt den Hügel wieder hinab und lässt die drei jungen Leute endlich in Ruhe ihren Joint rauchen. Sollen sie doch. Hauptsache er war da. Mitten im Zentrum der EU.

Wenigstens einmal. Denn sollten Island oder Kroatien tatsächlich der Europäischen Union beitreten, wird der Mittelpunkt wieder weiterwandern. Vielleicht zurück nach Belgien. Oder nach Bayern. Und sollte tatsächlich, schätzt der EU-Bürger, der Mittelpunkt einmal in seiner Heimat Österreich landen, dann ist wahrscheinlich gerade die Türkei der EU beigetreten.

Severin Groebner ist Kabarettist und Buchautor. Das Programm nach dem gleichnamigen Buch „Servus Piefke - Was sich ein Wiener in Deutschland so denkt“ spielt er landauf, landab. Auch in Hessen.
Severin Groebner ist Kabarettist und Buchautor. Das Programm nach dem gleichnamigen Buch „Servus Piefke - Was sich ein Wiener in Deutschland so denkt“ spielt er landauf, landab. Auch in Hessen. : Bild: Daniel Nauck

Quelle: F.A.Z.

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